Vom Migrationshintergrund ist kaum die Rede
23. August 2011 Hilfe in Erziehungsfragen und Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gefahren - die Aufgaben von Jugendämtern sind vom Gesetzgeber klar definiert. Weniger eindeutig erscheint die Zielgruppe der amtlichen Leistungen, insbesondere in Großstädten wie Stuttgart, München oder Frankfurt, wo in vielen Stadtteilen 50 Prozent und mehr der Bevölkerung unter 18 einen Migrationshintergrund hat. Welche Rolle spielen ethnische und kulturelle Differenzen im Alltag der Jugendämter? Diese Frage hat den Sozialanthropologen Boris Nieswand vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen zu Feldstudien über mehrere Monate in ein Beratungszentrum des Stuttgarter Jugendamtes geführt. Sein Eindruck: In den Jugendämtern wird der Migrationshintergrund ganz anders behandelt als in politischen oder wissenschaftlichen Debatten. "Es ist dort in der Regel eine ganz banale Sache." Ethnizität gehört dort zwar zum Alltag, spielt aber in den meisten Fällen keine große Rolle. So hatten in dem untersuchten Beratungszentrum etwa 20 Prozent der Mitarbeiter und 55 Prozent der Klienten einen Migrationshintergrund. "Das heißt, dass die Mitarbeiter des Beratungszentrums alltäglich mit ethnischer Diversität konfrontiert waren und wussten, das hinter einem serbischen Namen, unter einem Kopftuch oder hinter einem Gesicht mit einem dunkleren Teint als dem eines Durchschnittsdeutschen, sich sehr unterschiedliche Klienten und Fälle verbergen können", berichtet er aus der Praxis.



