Marlena Meier erklärt im Interview die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Verkehrswissenschaft

Es gibt aus unterschiedlichen Disziplinen Studien zu E-Bikes. Was trägt Ihre Untersuchung zur Debatte bei?
Die steigende Nachfrage nach E-Bikes hat eine Welle von Forschungsarbeiten ausgelöst, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigen, wie E-Bikes das Mobilitätsverhalten verändern. Ein Nachteil der meisten Studien ist, dass sie auf webbasierten Umfragen oder Experimenten beruhen, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer testweise ein E-Bike bekommen. Dabei handelt es sich häufig um Personen, die ohnehin gerne mit dem Rad fahren. Die Ergebnisse lassen sich daher nur bedingt auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Bislang gab es in Deutschland keine Forschung, die speziell die Auswirkungen des E-Bike-Besitzes auf die Verkehrsmittelwahl analysiert. Wir haben auf Basis von Längsschnittdaten aus dem deutschen Mobilitätspanel der Jahre 2016 bis 2022 erstmals gezeigt, dass der Besitz eines E-Bikes einen signifikanten Einfluss auf die Wahl des Verkehrsmittels hat - und damit auch auf das Mobilitätsverhalten im Alltag.
Ist das nicht eine logische Konsequenz, wenn man sich ein neues Verkehrsmittel kauft?
Nicht unbedingt. Wie bei so manchen Anschaffungen für Haushalt, Freizeit oder Hobby kann auch das E-Bike nach anfänglicher Begeisterung schnell an Reiz verlieren - und steht dann ungenutzt in der Garage. Unsere Zahlen belegen aber, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das E-Bike tatsächlich als Hauptverkehrsmittel genutzt wird, um 14,6 Prozentpunkte steigt. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, andere Verkehrsmittel zu wählen. Insbesondere die Nutzung des konventionellen Fahrrads nimmt ab - um 5,6 Prozentpunkte. Das Auto sowie der öffentliche Nahverkehr werden jeweils um 4 Prozentpunkte weniger genutzt. Das E-Bike ist also mehr als ein Trend und hat das Potenzial, die tägliche Mobilität vieler Menschen spürbar zu verändern.
Wenn E-Bikes in erster Linie ihre konventionellen Vorreiter verdrängen, ist der Effekt für die Umwelt kleiner als die Industrie glauben lässt?
Ein wichtiger Faktor fehlt in dieser Überlegung, denn die Reichweite vergrößert sich durch die E-Bike-Nutzung deutlich. Viele Menschen nutzen das E-Bike für längere Strecken, für die sie sonst emissionsintensivere Verkehrsmittel genutzt hätten. Die Berechnung der Netto-CO2-Emissionseinsparungen pro Person nach dem Kauf eines E-Bikes zeigen, dass der Besitz zu einer Reduktion der Emissionen führt. Das unterstreicht den positiven Effekt für die Umwelt.
Was bedeutet das konkret, und wie haben Sie dies berechnet?
Aus den Veränderungen der individuell zurückgelegten Distanzen und den verkehrsmittelspezifischen Life-Cycle-Emissionswerten berechneten wir die Netto-Einsparungen pro Person. Diese belaufen sich auf rund 527 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr, was etwa 6,6 Prozent der durchschnittlichen jährlichen CO2-Gesamtemissionen pro Kopf in Deutschland entspricht. Zum Vergleich: Ein Direktflug von Berlin nach Shanghai emittiert in etwa 600 Kilogramm CO2 pro Person.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen



