Moritz Baßler ist Literaturwissenschaftler und Buchnostalgiker - ein Gastbeitrag

Auch im germanistischen Seminarraum sieht man heute kaum noch ein Buch, nicht mal die Kurslektüre liegt mehr auf dem Tisch, man hört kein Blättern mehr, kein Kratzen von Bleistiftanstreichungen, alles starrt auf elektronische Endgeräte. Wie die Vinyl-Schallplatte oder der faltbare Stadtplan ist das "kleine Parallelepiped", wie der französische Philosoph Michel Foucault das Buch mal nannte, mit seinem bunten Umschlag, seinen Gebrauchsund Lesespuren ein Ding für Nostalgiker geworden, Nostalgiker wie mich.
Aber kann das überhaupt stimmen? Werden nicht immer noch massenhaft Bücher verkauft, verschenkt und gelesen? Was ist mit den langen Schlangen vor den Fantasy-, Youngund New-Adult-Ständen auf den Buchmessen, in denen begeisterte junge Menschen mit Bücherstapeln auf dem Arm stundenlang ausharren, um ein Autogramm ihrer Lieblingsautorin zu bekommen? Und was sind das zum Teil für schöne Objekte, Sammelstücke, liebevoll gestaltet, mit Farbschnitt wie einst Urgroßvaters Klassikerausgaben!
Vielleicht ist also gar nicht das Buch in der Krise, sondern das, wofür es früher mal stand: Bildung, Wissen, Intellektualität, Diskurs, und ja, auch Distinktion, Status und Prestige. All das transportieren die Bücher, die gerade geliebt, gelesen und auf BookTok besprochen werden, ja eher weniger; entsprechend werden sie auch selten zur Seminarlektüre. Stattdessen sind es Fan-Objekte, die leicht rezipierbare Wohlfühlwelten für ihre jeweiligen Stilgemeinschaften zur Verfügung stellen. Das geschieht meist nach bewährten Rezepten, sicher, aber es geschieht eben auch niedrigschwellig: Niemand wird aus Bildungsgründen ausgeschlossen. Auch verlangen diese Romane nicht nach Kontextwissen, Kommentar oder Interpretation. Anders als bei traditioneller Literatur würden vermutlich weder sie noch ihre Leserinnen und Leser von meiner literaturwissenschaftlichen Expertise profitieren. Und wenn das ein Problem ist, dann offensichtlich meins.
Sind diese Bücher überhaupt noch Objekte von derselben Art wie die Bücher vergangener Jahrhunderte oder sehen sie nur so aus? Kann man sich ein Bücherregal der Zukunft denken, auf dem Colleen Hoover zwischen Arno Holz und Kim de l’Horizon steht und Sarah J. Maas einträchtig in einer Reihe mit Maurice Maeterlinck und Thomas Mann? Oder gehören Hoover und Maas eher auf ein Brett mit den Fotos unserer Liebsten und den Taylor-Freundschaftsbändchen? Das ist eine sehr grundsätzliche Frage zum Welttag des Buches am 23. April 2025. Ich würde sagen: Kaufen Sie sich Bücher! Bauen Sie sich eine Bibliothek auf mit dem, was Sie gerne lesen, dann finden wir schon eine Antwort.
Autor: Moritz Baßler
Dieser Artikel ist Teil einer Themenseite zum "Welttag des Buches" und stammt aus der Unizeitung wissen



