
Frühling in Leipzig heißt auch: Buchmesse! Wenn sich tausende Literaturbegeisterte in der Stadt versammeln, wird Literatur für ein paar Tage zum großen Publikumserlebnis. Mitglieder unserer Fakultät verraten im Interview, auf welche Programmpunkte sie sich besonders freuen, welche Bücher ihr Denken geprägt haben und an welchen Publikationen sie aktuell selbst arbeiten.
Im Interview lesen Sie die Antworten von Erik Schilling (Professor für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt 19. bis 21. Jahrhundert), Nina Simon (Juniorprofessorin für Deutsch als Fremdund Zweitsprache mit dem Schwerpunkt Kulturstudien), Renata Szczepaniak (Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen), Anna Stemmann (Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Kinderund Jugendliteratur), Christian Schütte (wissenschaftlicher Mitarbeiter in der germanistischen Linguistik/Varietätenlinguistik), Niklas Reinken (Juniorprofessor für Grammatik für die Schule), Katja Kanzler (Professorin für Amerikanische Literatur), Jobst Welge (Professor für Romanische Literaturwissenschaft und Kulturstudien), Maria Fleischhack (wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich englische Literaturwissenschaft) und Oliver Schelske (Professor für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Gräzistik).
,,Es scheint, als hätte man bei diesem Thema derzeit nur die Wahl zwischen einem blinden Glauben an die Lösung aller Probleme durch die neue Technik und plumpen Weltuntergangsszenarien. Oder gibt es doch Differenzierteres?"
-- Christian Schütte über KI-Diskurse
Welchen Programmpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse finden Sie besonders interessant?
Erik Schilling: Spannend ist für mich jedes Jahr der Preis der Leipziger Buchmesse. Besonders gefällt mir, dass er nicht nur für Belletristik verliehen wird, sondern auch für Sachbuch und Übersetzung.
JP Dr. Nina Simon : Das Programm des Literaturnetzwerks TRADUKI, darunter eine Lesung mit Maja Iskra (Debütroman ,,Uppercut") klingt sehr interessant, es geht (wie auch in anderen Lesungen unter diesem Programmpunkt) um starke Frauen, Migration, Gewalt und Widerstand. Relevant mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Diskurse erscheinen mir allerdings nicht nur die Themen, sondern auch die Tatsache, dass die Autorin ihren Roman auf Serbisch verfasst hat. ,,Ein Knochen erinnert sich immer in der Sprache seines Bruchs." lautet ihre in einem Interview dafür gegebene Erklärung.
Renata Szczepaniak: In erster Linie finde ich das Programm in seiner Vielfalt sehr attraktiv. Das Motto ,,Wo Geschichten uns verbinden" präsupponiert, dass Grenzen wahrgenommen werden. An Grenzerfahrungen zu arbeiten, ist ein linguistisches Thema (bspw. bezüglich des Sprachkontakts oder der Kommunikation in sozialer Vielfalt). Ein interessanter Programmpunkt: Die Ausstellung ,,Waffe Buchumschlag! Foto, Cover und Propaganda in den 1930er Jahren"
JP Dr. Anna Stemmann : Am Vorabend zum Messebeginn wird immer der Kinderund Jugendbuchpreis Jahres-Luchs verliehen. Auf diese Veranstaltung freue ich mich jedes Jahr ganz besonders, weil interessante Autor:innen mit spannenden Texten gewürdigt werden.
Dr. Christian Schütte : Mich würde das ,,Forum Mensch & KI - Geschichten aus der Zukunft" am meisten interessieren. Es scheint, als hätte man bei diesem Thema derzeit nur die Wahl zwischen einem blinden Glauben an die Lösung aller Probleme durch die neue Technik und plumpen Weltuntergangsszenarien. Oder gibt es doch Differenzierteres?
JP Dr. Niklas Reinken : Da ich vor kurzem in Prag war und dort die melancholisch-fantastische Atmosphäre genossen habe, ist es wohl ,,Das Geheimnis der Verwandlung". Franz Kafka ist ein Autor, der etwas in mir berührt - auch wenn ich immer noch nicht verstehe, was er mir sagt. Aber gerade das macht seine Faszination aus. Und im Ausstellerverzeichnis habe ich zwei meiner Lieblingsverlage gesehen: den Universitätsverlag Winter, bei dem ich meine Dissertation veröffentlicht habe. Ein toller Verlag mit sehr freundlichen und kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und der Verlag Hermann Schmidt, der die wohl schönsten Bücher herausgibt - jedes Buch ist ein Fest der Buchkunst, eine Liebeserklärung an Gedrucktes.
Katja Kanzler: Ich freue mich besonders auf die Lesung des Romans Farewell to Yesterday der Autorin Lili Körber, den sie im US-amerikanischen Exil geschrieben hat und der vor Kurzem auf Deutsch erschienen ist.
Jobst Welge: Besonders interessant finde ich am 19. 3. die Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an den Journalisten und Schriftsteller Dietmar Dath. Auch wenn einige der von Dath behandelten Themen (Pop-Kultur, Science-Fiction, Quantenphysik) nicht unbedingt meinen eigenen Interessen entsprechen, bin ich immer wieder beeindruckt über das Spektrum und den Kenntnisreichtum seiner Beiträge für die F.A.Z.
Dr. Maria Fleischhack: Die Verleihung des ,,Seraph" der Phantastischen Akademie e.V. am Freitagnachmittag ist immer ein Highlight! Dieses Jahr ist Nils Westerboers großartiger Science Fiction Roman Lyneham für das beste Buch nominiert und ich drücke ihm sehr die Daumen! Zudem besuche ich sehr gern die Stände der Hobbit-Presse (Klett-Cotta) und von Edition Hamouda, um zu sehen, was in den letzten Monaten neu erschienen ist.
Oliver Schelske: Besonderes Interesse hat bei mir diesmal eine Ankündigung aus dem Bereich der Kinderliteratur ausgelöst, und zwar das Buch ,,Warum haben wir keinen König? Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt" von Joanna Struwe (Lesung Do, 19.3., 13:30 - 14:15). Ich kenne das Buch zwar noch nicht, halte die Idee für ein solches Projekt aber für ausgezeichnet und die dahinterstehende Idee für extrem wichtig. Kinder sollten frühzeitig und spielerisch auch an politische Fragen herangeführt werden, sowohl im Elternhaus als auch in der Schule. Ich erinnere mich noch gut an meinen eigenen altsprachlichen Unterricht in Latein und Griechisch, wo für solche Fragen nach der besten Staatsverfassung (die Griechen haben ja die Demokratie erfunden!) viel Platz war und man wunderbar diskutieren konnte.
,,Als Lektüreerlebnis exemplifiziert dieser Roman für mich das Prinzip der Vergegenwärtigung durch Literatur."
-- Jobst Welge über Tolstois Krieg und Frieden
Gibt es ein Buch, das Ihr Denken nachhaltig verändert hat?
Erik Schilling: Ovids ,,Metamorphosen". Ein Buch, das die ganze Welt erklärt (auch in ihren problematischen Aspekten), und das in einer poetischen Sprache, wie ich sie schöner nicht kenne.
JP Dr. Nina Simon : Werke wie der Gedichtband ,,Und wir kamen jeden Sommer" von Elona Beqiraj und v.a. ihr Gedicht ,,Gebrochenes Deutsch" können dazu beitragen, hegemoniale Diskurse zu diesem Komplex zu verändern. Das ist unter anderem wichtig für das Fach Deutsch als Fremdund Zweitsprache, in dem ich verortet bin, da sie natürlich auch dieses Fach durchziehen.
Renata Szczepaniak: Möglicherweise ,,Der Fremde" von Albert Camus.
JP Dr. Anna Stemmann : Der Jugendroman in Versform ,,Die Sonne, so strahlend und Schwarz" (2022) von Chantal-Fleur Sandjon erzählt von einer marginalisierten Identität einer Schwarzen jungen queeren Frau in Deutschland, die selbstverständlich auch Teil unserer Gesellschaft ist. Neben den mehrdimensionalen Diskriminierungserfahrungen, die sie macht, geht es aber auch um die schönen Seiten des Heranwachsens und die überwältigend guten Erfahrungen. Beim Lesen selbst hat mich dieser Text auch Fremdheitserfahrungen machen lassen, weil ich als weiße Person mit vielen Codes eben nicht vertraut bin, gerade in dieser Ambiguität hat mich der Roman sehr zum Nachdenken angeregt.
Dr. Christian Schütte : Auch wenn der Verfasser als Mensch offensichtlich ein schlimmer Finger war, hat mich ,,Sein und Zeit" von Martin Heidegger während meines Philosophie-Studiums schon geprägt. Nach rund 100 Jahren immer noch lesenswert, wie er unseren Umgang mit dem Tod analysiert.
JP Dr. Niklas Reinken : In meiner Jugend haben mich vor allem die Werke von Max Frisch berührt: Es ging um Selbstfindung und um das (Er)Schaffen einer eigenen Identität. Und Biedermann und die Brandstifter ist nach wie vor brandaktuell, im wahrsten Wortsinne.
Katja Kanzler: Das eine Buch gibt es nicht, sondern ganz viele und ich freue mich auf jede neue Begegnung mit einem literarischen Text. Aktuell lese ich gerade Real Americans von Rachel Khong, die im Sommersemester bei uns in der Amerikanistik als Picador-Professorin zu Gast sein wird.
Jobst Welge: Da gibt es sicher viele. Wenn ich einen Roman nennen sollte, dann vielleicht am ehesten Tolstois Krieg und Frieden. Dieser sehr welthaltige Roman ist auch ein grosser Essay über das, was wir vereinfacht ,,Geschichte" oder ,,Geschichtsschreibung" nennen. Als Lektüreerlebnis exemplifiziert dieser Roman für mich das Prinzip der Vergegenwärtigung durch Literatur.
Dr. Maria Fleischhack : Lyneham ist tatsächlich ein außergewöhnliches Buch, welches mich neu über die Deutsche Science Fiction hat nachdenken lassen. Aber als Literaturwissenschaftlerin ist diese Frage fast nicht zu beantworten. Es gibt nur wenige Romane oder Kurzgeschichten, die mein Denken nicht nachhaltig beeinflussen. Allerdings gibt es drei (Sach)Bücher, die ich allen Menschen nur ans Herz legen kann: Anne Rabes Das M-Wort, Alice Hasters’ Was Weiße Menschen Nicht über Rassismus Hören Wollen Aber Wissen Sollten und Caroline Criado-Perez’ Unsichtbare Frauen. Alle drei Bücher sind unglaublich wichtig, gerade in Zeiten des Rechtsrucks und des Populismus.
Oliver Schelske: Einen nachhaltigen Eindruck hat bei mir die Lektüre eines ganz unscheinbaren Buches hinterlassen, und zwar von Daniel Quinn ,,Ismael". Es geht da um eine Unterhaltung über den Zustand der Welt zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Der Lehrer (Ismael) ist dabei ein Gorilla - und gibt seine ganz eigene Sicht (die der Tiere) auf die Entwicklung der Welt.
,,Sprachliche Zweifelsfälle sind ein Fenster in die Natur der Sprache."
-- Renata Szczepaniak
Woran schreiben Sie derzeit?
Erik Schilling: Gemeinsam mit einem Kollegen aus der klassischen Philologie an einem Buch über Sehnsuchtsorte in Literatur und Kultur - vom biblischen Paradies bis zu ,,Ich war noch niemals in New York".
JP Dr. Nina Simon : Momentan schließen Christine Becker und ich gerade die Herausgabe eines Themenschwerpunkts der Zeitschrift für Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit ab, der sich dem Komplex ,,Lehren und Lernen über den Holocaust. Migrationspädagogische und postkoloniale Perspektiven im Kontext Deutsch als Fremdund Zweitsprache" widmen und im Juli diesen Jahres erscheinen wird.
Außerdem überarbeite ich gerade einen Artikel mit dem Titel ,,Entlang von Flug-, Schifffahrts-und Unterwasserglaskabelrouten (Warner 2021) - Zur Relevanz von Reflexionen auf das Wandern von Diskursen in der Tradition der Cultural Studies für das Fach Deutsch als Fremdund Zweitsprache" der ebenfalls in diesem Jahr in einem der Tagungspublikation der Internationalen Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer 2025 erscheinen wird.
Mit Vesna Bjegac arbeite ich zudem an einem Beitrag, der mit ,,,Mama, bitte lern Deutsch’: Machtkritische Perspektiven auf und didaktische Implikationen für Literatur und ihre digitale Rezeption anhand von BookTok." betitelt ist, ebenfalls Ende 2026 veröffentlicht werden wird und Teil eines größeren Projekts ist, das den Namen ,,LiDiSu: Literatur - Diskurs - Subjekt" trägt, im Rahmen dessen wir gemeinsam mit Doris Pokitsch zu diskursund subjektivierungsanalytischen Zugänge zur Literaturdidaktik arbeiten.
Renata Szczepaniak: An sprachlichen Zweifelsfällen (grammatische Doppelformen wie wegen/während/dank des/dem, des Fluges/des Flugs (Buch bereits erschienen 2025), die ein Fenster in die Natur der Sprache sind, da sie zur Reflexion über Sprache einladen und daher für die Allgemeinheit von großer Bedeutung sind, UND an Sprachkontaktphänomenen und Deutsch als Minderheitensprache in der Welt (z. B. Deutsch in Argentinien)
JP Dr. Anna Stemmann : Erst vor kurzem abgeschlossen habe ich die Herausgabe des Studienbuchs ,,Kinderund Jugendliteraturanalyse. Theorien - Methoden - Anwendung", das für Studierende und Lehrende aktuelle literaturwissenschaftliche Methoden mit dem Blick auf Kinderund Jugendliteratur schärfen soll. Zudem arbeite ich jedes Jahr an der Herausgabe des Jahrbuchs der Gesellschaft für Kinderund Jugendliteraturforschung mit, aktuell zum Thema erzählte Wälder.
Dr. Christian Schütte : Ich überarbeite gerade einen Artikel mit linguistischen Analysen von Trauerreden für einen Sammelband im transcript-Verlag. Der Beitrag schließt sich an einen Vortrag auf einer interdisziplinären Tagung in Rostock an und wird in einer theologischen Reihe erscheinen. Ansonsten plane ich weitere Veröffentlichungen zu meinem Lieblingsthema ,Thanatolinguistik’ und hoffe, irgendwann auch einmal ein Buch mit einem Überblick zur sprachwissenschaftlichen Erforschung der Kommunikation über Tod und Trauer fertigstellen zu können.
JP Dr. Niklas Reinken : Ich beginne gerade, am Lernraum Germanistik mitzuarbeiten - das ist ein digitales Projekt, das germanistische Studieninhalte digital als Open Educational Resources bereitstellt. Diese können dann in der Lehre und im Selbststudium eingesetzt werden. Ich bin für das Kursmodul Syntax verantwortlich und trage mit einer Einheit zum Kursmodul Graphematik bei. Darauf freue ich mich schon sehr, das ist eine ganz andere Art des Arbeitens.
Katja Kanzler: Gemeinsam mit weiteren Kolleg:innen finalisiere ich gerade einen kulturwissenschaftlichen Sammelband über das Erbe der Freak Show, einem Unterhaltungsformat, das in der frühen Populärkultur der USA eine wichtige Rolle gespielt hat. In dem Band geht es darum, welche kulturellen Semantiken die Freak Show ausmachen und wo diese Semantiken auch heute noch zu finden sind.
Jobst Welge: Zur Zeit arbeite ich an zwei literaturwissenschaftlichen Aufsätzen: zum einen über die nachträgliche Verarbeitung der brasilianischen Diktatur im Gegenwartsroman (z. B. Beatriz Bracher, Die Verdächtigung;) zum anderen über die Präsenz und Vermarktung übersetzter lateinamerikanischer Gegenwartsliteratur in unabhängigen Verlagen.
Dr. Maria Fleischhack : Leider bin ich von universitären Daueraufgaben so eingenommen, dass ich selbst kaum noch zum Schreiben oder Publizieren komme. Ich arbeite aber seit einigen Jahren an einem Projekt zu Kulturmaterialismus und Museums-Shops, welches hoffentlich irgendwann auch veröffentlicht werden kann. Ansonsten habe ich mehrfach im Inklings-Jahrbuch zur englischsprachigen Phantastik sowie in diversen Publikationen rund um Sherlock Holmes Beiträge verfasst.
Oliver Schelske: Ich arbeite gerade mit Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden aus der Klassischen Philologie an einem Leseheft zum antiken Klima. Da geht es nicht nur um die Frage, wie das Klima in der Antike eigentlich war, sondern auch um die Frage, ob sich die Menschen klimatischer Veränderungen bewusst waren und wie sie darüber dachten. In diesem Leseheft sollen die antiken literarischen und philosophischen Texte jeweils auch mit deutscher Übersetzung erscheinen. Ich denke und hoffe, dass das eine sehr spannende Lektüre wird. Mal sehen, ob sich hierfür ein Verlag findet.
Wir wünschen allen Besucher:innen eine inspirierende Zeit auf der Leipziger Buchmesse, viele spannende Begegnungen mit Literatur und anregende Gespräche. Auch die Universität Leipzig ist in diesem Jahr wieder auf der Messe vertreten. Neben dem Messestand gibt es ein gemeinsames Forum mit dem Unibund Halle-Jena-Leipzig, wo die Besucher:innen ein spannendes und abwechslungsreiches Programm erwartet. Alle Infos dazu finden Sie hier




