Viel mehr als Tausendundeine Nacht

Arabischsprachige narrative Texte der Vormoderne im Kontext einer globalen modernen Literaturbetrachtung stehen im Mittelpunkt einer neuen digitalen Veranstaltungsreihe der Arabistik an der Freien Universität Berlin unter Leitung von Beatrice Gründler. Zum Auftakt der transdisziplinären Veranstaltungsreihe findet am 25. November ein öffentlicher Online-Vortrag von Ulrich Marzolph statt, einem der weltweit führenden Forscher zu nahöstlichen Erzähltraditionen. Ulrich Marzolph ist Autor des kürzlich erschienenen 101 Middle Eastern Tales and Their Impact on Western Oral Tradition. Das Thema seines Vortrags lautet: ,,The Frame Tale. Potentials and Limitations" (Rahmenerzählung - Potenziale und Grenzen). Die Reihe Framing Narratives. New Perspectives on Premodern Textual Production in Arabic ist eine Kooperation des Exzellenzclusters ,,Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective" und des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts Kal’la and Dimna - AnonymClassic.

Erzählerische Rahmungen sind sowohl Teil der arabischen als auch der europäischen Literaturtraditionen. Die wohl bekanntesten Beispiele sind die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht oder das Decamerone des Giovanni Boccaccio. ,,Die arabische Tradition wird zur Diskussion literaturtheoretischer Ansätze oft vernachlässigt", erklärt Johannes Stephan, Organisator der Veranstaltungsreihe. Vielmehr diene sie in der bei hierzulande geführten Theoriedebatte bis heute häufig lediglich als Anschauungsbeispiel. Dabei sei das Arabische doch Drehund Angelpunkt für die globale Geschichte von Rahmenerzählungen.

Eben dieses Thema ist wissenschaftlicher Schwerpunkt von Beatrice Gründler, Institutsleiterin der Arabistik und Mitglied im Exzellenzcluster Temporal Communities: ,,Es geht um die Neuverortung der arabischen Tradition auf der Landkarte der Weltliteratur", unterstreicht Beatrice Gründler. Dies gehe nicht zuletzt mit der Sichtbarmachung der engen Verbindungen zwischen verschiedenen Sprachen einher. ,,Sowohl die Überlieferung von arabischen Rahmenerzählungen als auch von einzelnen Binnengeschichten zeugt von einer faszinierenden Dynamik und beeindruckender Mobilität. Bereits im 11. bis 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurden Erzählwerke wie das Weisheitsbuch Kal’la wa-Dimna aus dem Arabischen in zahlreiche andere Sprachen wie etwa Persisch, Hebräisch, Griechisch, Kastilisch oder Latein übersetzt und sind von hier über die folgenden Jahrhunderte weiter durch die Welt gewandert", hebt die Arabistin hervor.

Johannes Stephan, Mitarbeiter in Beatrice Gründlers Projekt Kal’la and Dimna - AnonymClassic, betont, dass die anhaltende weite Verbreitung dieses Werks ohne Zweifel zum Protagonisten eines global gedachten Literaturkanons und außerdem zum Paradebeispiel eines zentralen literarischen Modells mache: ,,In Rahmenerzählungen wird die erzählte Welt zum Platz, in dem neue Geschichten entstehen - und damit das Erzählen, Hören und Lesen von Geschichten selbst zum eigentlichen Thema."

In der Reihe Framing Narratives sollen neue Akzente in der Geschichte und Analyse erzählerischer Rahmungen gesetzt werden. Ziel ist es, vielfältiges historisches Textmaterial in das Zentrum theoretischer und literaturhistorischer Überlegungen zu rücken; es handelt sich dabei um Textmaterial, das neben der arabischen Sprache auch in anderen Sprachtraditionen zirkulierte - wie etwa Spanisch, Hebräisch und Persisch.

Im Rahmen der Reihe folgt am 26. und 27. November 2020 ein interner Workshop zum Thema, an dem sich etablierte Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der arabischen Literatur und junge Forschende von Universitäten aus acht Ländern beteiligen. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich bis Herbst 2021 auf einer internationalen Konferenz und anschließend in einem Sammelband der öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die transdisziplinäre Reihe ist eine Kooperation des EXC 2020 ,,Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective" mit dem ERC-Forschungsprojekt Kal’la and Dimna - AnonymClassic.


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