Der designierte Karlspreisträger besucht die RWTH. In der Diskussion mit Studierenden fordert er dazu auf, jüdisches Leben zu entdecken und kennenzulernen.
Als der designierte Karlspreisträger Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt gefragt wurde, wo Gott am 7. Oktober - dem Tag des Hamas-Massakers an der israelischen Bevölkerung - war, da antwortete er mit einer Gegenfrage: ,,Wo war der Mensch’" Sein Appell beim Besuch der RWTH am Vortag der Karlspreisverleihung: Hingucken und für die Freiheit kämpfen. ,,Das Schweigen der Anständigen darf sich nicht wiederholen", forderte er mit Blick zurück auf die Zeit des beginnenden Nationalsozialismus. Und er fügte hinzu: ,,Wissen wir den Wert der Freiheit nicht mehr zu schätzen, weil sie selbstverständlich ist’" Wer den Anderen verstehen will, der müsse ihn kennenlernen, forderte Goldschmidt im Gespräch mit den Studierenden des Leonardo-Projekts Marcella Arndt, Petrika Tase und Florian Gosert. Sein Appell an die vielen Studierenden in der gut besetzten Aula im RWTH-Hauptgebäude: ,,Mehr Bücher, weniger Social Media." über die Sozialen Medien werde viel zu oft Hass verbreitet und eine vermeintlich einfache Wahrheit transportiert. Goldschmidts Gegenmittel: ,,Stellt Fragen! Glaubt nicht alles, was Euch erzählt wird." Wie Alexander von Humboldt sollten die Studierenden sein, offen und neugierig. Und auch bereit, jüdisches Leben und jüdische Kultur zu entdecken, kennenzulernen und zu verstehen. Nur wer sich für sein Gegenüber interessiere, baue auch Ressentiments ab, nur wer jüdisches Leben kenne, kann gegen die einfachen Social Media-Wahrheiten bestehen. Offenheit und Menschlichkeit forderte er ein statt eines ,,Diploms im Judenhass von der TikTok-University". Wer empathisch sei, mitfühlend und menschlich, der helfe, die Freiheit zu bewahren. ,,Die Juden in Europa", so der Oberrabbiner, ,,sind auch Teil unserer Freiheit und haben ihren festen Platz in unserer Gesellschaft."
,,Entsetzt", so Goldschmidt sei er, dass Juden in ganz Europa seit dem Massaker der Hamas und dem darauffolgenden Angriffs Israels feindseligen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt seien. ,,Wieder einmal." Rattenfänger populistischer Parteien von links und rechts ebenso wie islamistische Extremisten würden die Stimmung weiter aufheizen, die Welt sei seit dem 7. Oktober eine andere, ,,für Europas Juden ist es keine leichte Zeit". Ob das unsere Vorstellung von Freiheit im 21.Jahrhundert sei, fragte Goldschmidt. Denn die Freiheit der Juden sei unser aller Freiheit. ,,Kämpfen Sie für Freiheit und Vielfalt und denken Sie dabei auch an uns, die Jüdinnen und Juden in Europa", so Goldschmidts abschließender Appell unter starkem Beifall.
,,Wir müssen jeden Tag auf unsere Demokratie achten", so RWTH-Rektor Professor Ulrich Rüdiger, und das ,,selbstverständlich auch an der RWTH". Die Hochschule fördere eine Kultur des Hinsehens und könne sich nicht auf Forschung, Lehre und Transfer beschränken: ,,Wir werden nicht ausblenden, was jenseits der Hochschulmauern passiert", versprach Rüdiger. Der Besuch des designierten Karlspreisträgers an der RWTH folgt einer langen Tradition. Den musikalischen Rahmen für diese besondere Begegnung gestalteten der jüdische DJ und Künstler Nikolay Karabinovych sowie das Carbon Quintett des Collegium Musicums der RWTH. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prorektorin Professorin Ute Habel.
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