Digitale Gesellschaften verstehen

Internationale Forschergruppe unter Mitwirkung von RWTH-Professor Markus Strohmaier fordert neue Strukturen und Rahmenbedingungen für computergestützte Sozialwissenschaften. Beitrag in Science.

 

Computergestützte Sozialwissenschaften (CSS) erlauben einzigartige Einblicke in soziale Phänomene und den zugrundeliegenden Mechanismen digitaler Gesellschaften. Das Potenzial, aber auch vorhandene Schwierigkeiten computergestützter Sozialwissenschaften zeigen sich vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie deutlich: Einerseits werden Mobilitätsdaten der Menschen etwa in Warn-Apps von Unternehmen anonymisiert zur Verfügung gestellt und ermöglichen wichtige Erkenntnisse über soziales Verhalten. Andererseits handelt es sich dabei um eine besondere Ausnahme, in der Regel mangelt es den computerbasierten Sozialwissenschaften an ausreichenden Daten, weil diese grundsätzlich schwierig zu erfassen sind oder von Privatunternehmen nur unzureichend zur Verfügung gestellt werden.

Ein internationaler Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Mitwirkung von RWTH-Professor Markus Strohmaier, Inhaber des Lehrstuhls für Methodik und Theorie computerbasierter Geistesund Sozialwissenschaften am Human Technology Center HumTec, hat nun in der Zeitschrift Science die Hindernisse und Möglichkeiten computergestützter Sozialwissenschaften erörtert und klare Forderungen formuliert: Demnach müssen Infrastrukturen, Datenaustausch und die Forschungsethik verbessert und dafür entsprechend Anreize geschaffen werden.

Die computergestützten Sozialwissenschaften haben in den vergangenen zehn Jahren eine enorme Entwicklung erfahren. Unter Verwendung von Beobachtungsdaten und groß angelegten Simulationen wurden tausende Veröffentlichungen verfasst, wurden Phänomene wie soziale Ungleichheit aber auch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie aktuell COVID-19 beleuchtet.

,,CSS umfasst die soziale Analyse von Sprache, Orten, Bewegungen, Netzwerken, Bildern und Videos unter Anwendung algorithmischer Verfahren, statistischer Modelle und Beachtung unterschiedlichster Abhängigkeiten. Damit erweitern computerbasierte Sozialwissenschaften das Methodenspektrum traditioneller Sozialwissenschaften und eröffnen neue daten-gestützte Zugänge zur Untersuchung digitaler Gesellschaften", erläutert Strohmaier, Professor sowohl an der Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften wie auch an der Philosophischen Fakultät.

Hinter den computergestützten Sozialwissenschaften stecken gleichermaßen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sozialwissenschaften, Informatik, Physik und weiterer Disziplinen. Ihre Zusammenarbeit wollen die Verantwortlichen des Beitrags flächendeckend an Universitäten intensiviert sehen.

Das Potenzial werde gerade angesichts der Pandemie deutlich. So könne CSS wertvolle Beiträge für die nationale Sicherheit, die Verbesserung des wirtschaftlichen Wohlstands, die Förderung von Inklusion, Vielfalt und Gerechtigkeit und zur Stärkung der Demokratie liefern.

Entscheidend sei am Ende, welche Daten zur Verfügung stünden. ,,Der Zugriff auf Daten von außeruniversitären Einrichtungen und privaten Unternehmen ist für Akademiker noch zu selten", erklärt Strohmaier. Und wenn Daten zur Verfügung stehen, sind diese mit Bedenken an Datenschutz, Aktualität und Aussagekraft einhergehend. Die Autorinnen und Autoren des Beitrags sprechen sich für eindeutige Richtlinien für eine ethische Verwertung von Daten aus, die öffentliche Werte wie Privatsphäre, Sicherheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Autonomie natürlich berücksichtigen.

Sie fordern dafür Strukturen für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft, um die öffentlich finanzierte Forschung voranzubringen.

Die Ergebnisse sollten einer entsprechenden Compliance mit Datenschutzund Ethikregeln unterliegen. Erste Beispiele für Open-Data-Strukturen gebe es bereits in den Niederlanden, erste Infrastrukturen wurden beispielsweise am GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, dessen wissenschaftlicher Koordinator für ,,Digital Behavioral Data" Strohmaier ist, ebenso geschaffen. Nun müssten unbedingt die Strukturen, Rahmenbedingungen und Richtlinien verbessert werden.


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