
Ein nachhaltiges Wirtschaften metallhaltiger Abfallund Reststoffe ermöglichen und damit die Rohstoffversorgung im europäischen Wirtschaftsraum stärken, das sind die erklärten Ziele des Instituts und Lehrstuhls für Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling (IME) der RWTH Aachen. Das Institut zählt zu den führenden Forschungszentren im Bereich der metallurgischen Prozesstechnik und zeigte früh, dass metallhaltiger Abfall durchaus erfolgreich recycelt werden kann. Schon 2017 ist es dem IME gelungen, das Markenzeichen ,,Green Metallurgy" europaweit zu schützen. Metallurgische Konzepte und Prozesse, die auf dem Gedanken des umweltfreundlichen, nachhaltigen, Zero-Wasteund Low-Emission-Metallurgy-Ansatz aufbauen, werden mit diesem Namen beziehungsweise Logo gekennzeichnet.
Es gibt viele solcher Erfolgsgeschichten in der Historie des IME. Und die begann vor genau 125 Jahren, was nun gemeinsam mit dem 25-jährigen Dienstjubiläum des Leiters gemeinsam gefeiert wird. Seit 1999 leitet Professor Bernd Friedrich den Lehrstuhl und führt damit eine besondere Tradition fort. Denn immer waren es ehemalige Doktoranden der Lehrstuhlinhaber, die deren Position Übernahmen. Friedrich folgte auf Professor Joachim Krüger (1977 bis 1999), dieser auf Professor Helmut Winterhager (1952 bis 1977), der wiederum auf Professor Paul Röntgen (1925 bis 1952) und Röntgen auf Gründungsleiter Professor Wilhelm Borchers (1898 bis 1925). ,,Diese Konstanz hat den Effekt, dass wir enge Bande zu den Absolventinnen und Absolventen aufbauen können und ein besonderes Alumni-Netzwerk pflegen, in dem wir uns alle kennen", sagt Friedrich.
Expertise wurde sukzessive ausgebaut Die Geschichte des IME beginnt mit Bochers ordentlicher Professur ,,Metallhüttenkunde und Elektrometallurgie" an der Rheinisch-Westfälischen Polytechnischen Schule. Vorausgegangen waren zwei Abspaltungen aus dem Lehrstuhl für Mineralogie und Hüttenkunde", dem ,,Lehrstuhl für Allgemeine und Spezielle Hüttenkunde sowie Probierkunst" und eben Borchers ,,Lehrstuhl für Metallhüttenkunde und Lötrohrprobierkunst". Die Aufgaben umfassten die Verarbeitung komplexer Erze und die Legierungsentwicklung. Hierfür gab es ein großes Schmelzlaboratorium, ein Probierlaboratorium und ein analytisches Laboratorium. Borchers etablierte - zunächst im Hauptgebäude am Templergraben, dann in den Kellern des Bergbaugebäudes in der Wüllnerstraße - das neue Fachgebiet der Metallhüttenkunde. Seine Meriten sind immer noch allgegenwärtig. Seine Nachfolger bauten die Expertise auf diesem Feld sukzessive aus.
Die Themen wurden dabei vielschichtiger: Metallurgie und Recycling, Werkstoffkunde und Metallkunde, Elektrometallurgie, auch die Dokimasie (Bestimmung des Feingehalts von Gold und weiteren Edelmetallen) wurden beispielsweise unter Paul Röntgen Teil der Lehre und Forschung. Er war auch der erste Nachkriegsrektor der RWTH und in den Wiederaufbau und die Wiedereröffnung des Lehrbetriebes maßgeblich involviert. Zum Wiederaufbau gehörten auch die eigenen Institutsräume in den ,,Naumann Instituten für das gesamte Hüttenwesen", welche 1906 an der heutigen Intzestraße eröffnet wurden.
Auch sein Nachfolger Helmut Winterhager war zwischenzeitlich Rektor der Hochschule (wie auch schon Borchers) und verzeichnete in seiner Zeit als Lehrstuhlinhaber einen deutlichen Anstieg bei den Diplomarbeiten (von 92 auf 227) und Dissertationen (von 54 auf 70). Sein Nachfolger Joachim Krüger durfte sich dann wiederum der Herausforderung stellen, die Diplomstudiengänge Metallurgie und Werkstofftechnik zu restrukturieren und in der Forschung rückten Themen wie umweltschonende Wertstoffrückgewinnung/Umweltschutztechnik erstmals richtig in den Fokus.
Neuer Namen für den Lehrstuhl Die Labore waren mittlerweile mit Gleichstromlichtbogenofen, Kurztrommelofen, Elektronenstrahlofen und vielem mehr ausgerüstet. Um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden, wurde der Anlagenpark nach und nach stark erweitert. Und das wurde unter Bernd Friedrich dann auch mit dem neuen Namen des Lehrstuhls ,,Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling" ausgedrückt. ,,Die Herausforderungen haben sich verändert, dem haben wir mit der Umbenennung Rechnung getragen", sagt Friedrich. ,,Dabei konnten und können wir immer auf ein funktionierendes Team setzen, dass das IME über die Jahre auszeichnet." Mittlerweile haben über 120 Doktoranden an der Forschung mitgewirkt, fast 500 studentische Abschlussarbeiten wurden betreut.
Die Forschungsthemen umfassen heute die Rückgewinnung von Wertstoffen, insbesondere wirtschaftskritischen Materialien aus Batterien, Elektronikschrott und Katalysatoren nach Ende ihrer Verwendung, Abwasserreinigung, Umschmelztechnologie oder auch die Transformation von mineralischen Abfällen in Produkte. Und das sind nur einzelne Beispiele. Gerade das Thema Batterierecycling ist dabei sehr präsent, welches seit 1999 mit der Accurec GmbH als Schwerpunktthema bearbeitet wird. Das IME generiert mit seiner Experimentalplattform bis in den Pilotmaßstab erhebliche Forschungsgelder und hat 2019 insgesamt die Marke von fünf Millionen Euro Drittmitteln Übertroffen.
Gleichzeitig ist die Forschung das Fundament für Ausgründungen, wie die jungen Unternehmen cylib und tozero. Abseits der Drittmittel steigt die Zahl der Studierenden wie auch der Publikationen und nicht zuletzt steht das IME für gelebte Internationalität - etwa einer Partnerschaft mit der University of Cape Town, der Universität Belgrad, der Norwegian University of Science und Technology NTNU und vielen anderen. Oberingenieur Dr. Alexander Birich wurde wiederum im laufenden Jahr seitens der RWTH mit dem Internationalisierungspreis ,,Intspire" ausgezeichnet.
Während des Strategieprozesses der Fakultät 2018 wurde auf Impuls des IME das Schwerpunktthema ,,Advanced Circular Economy" diskutiert. Die Folge ist heute sehr gut sichtbar: Am Ende stand die Gründung es RWTH-weiten Centers for Circular Economy, dessen Sprecher Friedrich ist. ,,Hier haben alle Fakultäten eine Schnittmenge, das Center lebt die Interdisziplinarität der Hochschule und steht für deren Nachhaltigkeitsstrategie. Zudem haben wir hier eine enge Verbindung zur Stadt Aachen aufbauen können", erläutert Friedrich. ,,Das ist alles sehr visionär."


