
"Für den Rückweg brauche ich einen Anschieber! Wer hat die meisten Muskeln?", fragt Christina Segeler, kurz bevor sie mit ihrem Rollstuhl eine Rampe am naturwissenschaftlichen Zentrum (NWZ) hinunterfährt. Externe Muskelkraft sollte sie eigentlich gar nicht benötigen müssen. Doch eines von mehreren Problemen des abschüssigen Weges ist die Steigung, oder aus der Perspektive von Christina Segeler, das Gefälle. Es ist schlicht zu groß. Die DIN 18040, eine Norm zum barrierefreien Bauen, schreibt ein "Längsgefälle" von maximal sechs Prozent vor - hier sind es schätzungsweise 12 bis 14 Prozent. Da Christina Segeler keinen motorisierten Rollstuhl hat, braucht es gleich einen Anschieber. Aber dazu später mehr.
Unser gemeinsamer Tag hatte zuvor in der Georgskommende begonnen, wo die Schwerbehindertenvertretung (SBV) ihren Sitz hat. Neben Christina Segeler ist ihre Kollegin Cornelia Böckers heute im Einsatz. "Das liegt an den verschiedenen Aufgabenbereichen, die wir abdecken. Aber vor allem ist es uns wichtig, als Team aufzutreten und wahrgenommen zu werden", erklärt Christina Segeler. Sie und Cornelia Böckers engagieren sich ehrenamtlich mit ihren Kollegen Andreas Buntenkötter und Christian Flaig für die schwerbehinderten Beschäftigten und ihre Interessen. "Man bewirbt sich nicht einfach auf eine Stelle, sondern muss für das Ehrenamt kandidieren und sich von den stimmberechtigten Beschäftigten, also Menschen mit einer Schwerbehinderung beziehungsweise einer anerkannten Gleichstellung, wählen lassen", führt Christina Segeler aus, die an der Uni zur Kauffrau für Bürokommunikation ausgebildet wurde und seit 2021 Vertrauensperson der SBV ist.
Den ersten Teil des Außeneinsatzes "leitet" Christina Segeler, da sie in der SBV vor allem mit Fragen rund ums Bauen betraut ist. In der Corrensstraße müssen wir zunächst einen passenden Parkplatz finden. Denn damit die Rampe an Christina Segelers Auto ausfahren kann, braucht es auf der rechten Seite einen Abstand von mindestens 1,5 Metern. Trotz breiter Behindertenparkplätze ist das nicht so einfach. Ein freier Doppelparkplatz löst das Problem schließlich, allerdings ist nun der Weg zum Treffpunkt nicht gerade kurz.
Obwohl sich erste Hindernisse zeigen, gibt es von den beiden Vertrauenspersonen aber auch Lob. "An der Uni Münster läuft es insgesamt gut, was die Unterstützung von schwerbehinderten Personen betrifft. Das ist nicht überall der Fall, wie wir durch unsere Mitgliedschaft in einer Landesarbeitsgemeinschaft zum Thema wissen", erklärt Cornelia Böckers. "Wir arbeiten ausgesprochen gut mit den Dezernaten 4 und 7, also dem Gebäudemanagement und dem Baudezernat zusammen und erhalten darüber hinaus Unterstützung wie auch Wertschätzung", ergänzt Christina Segeler. Gleichwohl gebe es an der Uni eine "Spreizung", wie Cornelia Böckers es formuliert. Der Gebäudebestand sei mit Blick auf die Barrierefreiheit sehr unterschiedlich: Neue und moderne Gebäude erfüllen viele Standards, bei alten oder angemieteten Gebäuden ist es mitunter schwieriger. "Trotz aller Bemühungen und Stärken sind wir keine Insel der Glückseligen."
Mit der Bedarfsanalyse ist es aber nicht getan. Erst eine bauliche Veränderung hilft der Institutsmitarbeiterin. Doch da die SBV über kein eigenes Budget verfügt, kann sie Maßnahmen weder bewilligen noch finanzieren. Stattdessen begutachtet sie Arbeitsplätze und Gebäude, berät Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Vorgesetzte, Institute sowie Fachbereiche und unterstützt bei Antragstellungen. Die Anträge richten sich vor allem an den Bauund Liegenschaftsbetrieb NRW und weitere Gebäudevermieter. Aber auch das Sozialamt der Stadt Münster oder der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) finanzieren Baumaßnahmen und Hilfsmittel, die schwerbehinderte Menschen betreffen. "Die Verantwortlichkeiten sind mitunter unübersichtlich - auch innerhalb der Uni", schildert Christina Segeler. Gehe es um Belange von schwerbehinderten Studierenden, sei die Sache klarer, da Studierendenbelange vom Land finanziell unterstützt werden.
Nach dem Termin geht es mit externer Muskelkraft die Rampe hinauf. "Unsere Arbeit beinhaltet mehr als die Beseitigung von physischen Barrieren", betont Cornelia Böckers auf dem Weg zum Auto. "Oftmals werden nur die Erkrankungen gesehen und ernst genommen, die sich äußerlich zeigen, etwa durch einen Rollstuhl, ein Hörgerät oder einen Blindenleitstock", ergänzt Christina Segeler. "Auch eine psychische Erkrankung kann zu einer Schwerbehinderung führen. Die Betroffenen brauchen gewöhnlich all das, was jedem von uns guttut: Respekt, Wertschätzung, Kontakt, Anerkennung, Zugehörigkeit, Freundlichkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit und Ähnliches mehr", führt Cornelia Böckers aus. Die SBV möchte folglich auch für weniger augenfällige Beeinträchtigungen sensibilisieren.
Auf dem Weg zum Schloss erklären die Mitarbeiterinnen, warum sie sich seit Jahren in der SBV engagieren und derzeit zu 100 Prozent von ihren ursprünglichen Tätigkeiten freigestellt sind - Christina Segeler ist eigentlich im Germanistischen Institut angestellt, Cornelia Böckers arbeitete zuletzt im Energiemanagement des Gebäudedezernats. "Mir ist es wichtig, die Uni noch barrierefreier zu machen", erklärt Christina Segeler. Sie habe vor ihrer Ausbildung an der Universität Münster im Jahr 2007 hunderte Bewerbungen verschickt und allein wegen mangelnder Barrierefreiheit in Bürogebäuden Dutzende Absagen bekommen. Als es dann um eine Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung ging, habe sie sich bewusst - und aufwendig -potenzielle Stellen herausgesucht, die möglichst wenige physische Barrieren mit sich brachten. "Solche Überlegungen sollte niemand anstellen müssen. Stattdessen sollte jeder dort studieren und arbeiten können, wo er möchte." Cornelia Böckers möchte mehr Bewusstsein für das Thema schaffen. "Jeder kann von einer Schwerbehinderung betroffen sein oder auch ,betroffen werden’ und sonstige Berührungspunkte mit dem Thema haben. Ich möchte Hilfe und Kraft bieten und freue mich, wenn das klappt."
Am Schloss angekommen, übergibt Christina Segeler den Staffelstab an ihre Kollegin, zu zweit treffen wir im Südflügel Christoph Stegemann. Dieser braucht aufgrund einer Schwerbehinderung einen neuen höhenverstellbaren Schreibtisch, der weit niedriger eingestellt werden kann als Tische von der Stange. Mit seinem Anliegen ist der Mitarbeiter des Forschungsdezernats bei Cornelia Böckers gut aufgehoben, da sie erfahren ist, was Hilfsmittel betrifft. Und so fachsimpeln die beiden über den Schreibtisch und seine Technik, über Anträge und Bearbeitungszeiten. Übergangsweise kann Christoph Stegemann an einem Vorführmodell arbeiten, das ihm der Hersteller überlassen hat, nachdem der frühere Schreibtisch nach über 15 Jahren im Einsatz nicht mehr funktionstüchtig war. "Ich habe keinen Hauch des Zweifels, dass der Antrag durchgeht", betont Cornelia Böckers. Dieser liege derzeit beim Sozialamt der Stadt. "Bei Hilfsmitteln werden für gewöhnlich 80 Prozent der Kosten übernommen, 20 Prozent Eigenanteil liegen bei der Uni", erklärt Cornelia Böckers.
Sie und die SBV helfen nicht nur dabei, Büros behindertengerecht auszustatten, sondern beispielsweise auch Labore. Dabei beschränkt sich der Einsatz nicht auf Fragen der Mobilität, sondern es geht auch um Verbesserungen für Menschen, die beispielsweise sehoder hörbehindert sind. Bei technischen Fragen werden sie vom LWL beraten, sodass sich meist die beste Lösung findet. Der Berater des Landschaftsverbands gab Christoph Stegemann noch einen wertvollen Tipp: Auch für die Arbeit im Homeoffice können Hilfsmittel wie Schreibtische, Stühle, Leseoder Hörhilfen beantragt werden. "Das ist eine große Erleichterung", meint Drittmittelmanager Christoph Stegemann. Für Cornelia Böckers geht es nach dem Außeneinsatz zurück ins Büro, wo die SBV unter anderem Beratungsgespräche anbietet, Gremienarbeit vorbereitet, Stellenbesetzungsverfahren begleitet und überhaupt schwerbehinderte Kolleginnen und Kollegen bestmöglich unterstützt sowie alle weiteren für ihre Belange sensibilisieren möchte.
Autor: André Bednarz



