
Nachricht vom
Dr. Rima Chakaroun verbindet Klinik und Labor, um Interaktionen zwischen Organen und Organismen im Körper sichtbar zu machen. Ihre Forschung nimmt das Darmmikrobiom, das Fettgewebe und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Blick, um Behandlungen individuell zu gestalten und insbesondere die Frauengesundheit genauer unter die Lupe zu nehmen.
,,Bis 2035 wird voraussichtlich die Hälfte der Bevölkerung an Adipositas leiden." Mit diesem Satz könnte ein Gespräch mit Rima Chakaroun beginnen - nicht als alarmistisches Mantra, sondern als Ausgangspunkt für die Arbeit einer Forscherin, die Klinik und Wissenschaft miteinander verbindet. Als Clinician-Scientist an der Universitätsmedizin Leipzig übersetzt sie komplexe Laborbefunde in konkrete Ansätze für die Behandlung von Patient:innen. Dabei verfolgt sie ihr Ziel mit klarer, fast unaufgeregter Zielstrebigkeit: Adipositas nicht nur zu behandeln, sondern ihre Vielfalt zu verstehen - geschlechtsspezifisch, körperorganisch und im engen Zusammenspiel mit dem Darmmikrobiom.
Ein prägender Weg - von Saida nach Leipzig
Rima Chakaroun wuchs im Libanon als ältestes von drei Kindern auf; Bildung war bei ihr zu Hause selbstverständlich: Ihr Vater promovierte in Frankreich und kehrte als Geographieprofessor zurück, ihre Mutter arbeitete als Physiklehrerin und vermittelte Durchhaltevermögen. Der frühe Verlust ihres Vaters durch politische Gewalt und das Aufwachsen in einem Nachkriegsumfeld hinterließen tiefe Spuren und schärften eine Empathie, die ihre Arbeit prägt. Dass sie nach dem Abitur allein nach Deutschland ging, um in Leipzig Medizin zu studieren, zeugt von Mut und Zielstrebigkeit. Über die frühen Impulse für ihre heutige Forschung sagt sie: ,,Mein Interesse an der Adipositasforschung wurde erstmals während Biochemie-Vorlesungen in der Medizinischen Fakultät geweckt, als ich von Insulinsignalweg und Glukosestoffwechsel fasziniert war." Heute liegen der Ärztin Themen der Vielfalt - etwa geschlechtsspezifische Unterschiede bei Adipositas - besonders am Herzen.
Was sie genau erforscht - das Mikrobiom als verborgenes Organ
Auf den ersten Blick wirkt Adipositas wie ein Gewichtsproblem - auf den zweiten ist sie ein hochkomplexes, systemisches Geschehen. Chakarouns Forschung beginnt auf Zellebene bei den sogenannten Adipozyten und weitet sich dann auf die Biologie von Fettgewebe aus - und darauf, wie Letzteres mit anderen Organen kommuniziert. Auch operative Eingriffe am Magen-Darm-Trakt, die nicht nur dem Abnehmen dienen, sondern auch gezielt den Stoffwechsel verbessern sollen, gehören zu ihren Themenfeldern. Im Mittelpunkt steht jedoch das Darmmikrobiom. Sie spricht vom Mikrobiom als einem zentralen Spieler: einem ,,unsichtbaren Ökosystem", das Stoffwechselprozesse steuert, Medikamente metabolisiert und sogar an der Regulation von Hormonen beteiligt ist.
,,Im Verlauf meiner Forschung habe ich Adipositas nicht als isolierte Störung, sondern als ein komplexes, vernetztes Krankheitsbild mit individuellen metabolischen Phänotypen verstanden, beeinflusst durch Mikrobiota, Umweltfaktoren und individuelle Suszeptibilität", fasst sie ihre Sicht auf das Gesamtbild zusammen. Ihre Patient:innen unterstützt sie bei nachhaltigen Lebensstiländerungen, zudem setzt sie sich dafür ein, das Stigma, Adipositas sei eine moralische Schwäche, zu überwinden.
Sie konkretisiert ihren Forschungsschwerpunkt: ,,Mein Interesse hat sich über Insulinresistenz und die Biologie von Fettgewebe hinaus auf das Darmmikrobiom und darauf erweitert, wie Bakterien oder ihre Bestandteile ins Fettgewebe gelangen und Entzündungen auslösen - jede dieser Ebenen offenbarte tiefere Verbindungen innerhalb des menschlichen Systems."
Einen besonderen Fokus setzt sie auf die Verknüpfung von Geschlecht und Mikrobiom: ,,Ich untersuche, wie das Geschlecht, geprägt durch hormonelle Dynamik, und das Mikrobiom, als Erweiterung des menschlichen Genoms und metabolischen Netzwerks, mit Systemen wie dem Fettgewebe interagieren und die Krankheit und ihre Folgen beeinflussen. Rückschlüsse daraus sollen Therapien zur Verbesserung der Gesundheit schärfen."
Das heißt konkret: Statt einer Einheitsstrategie will die Medizinerin verstehen, warum Adipositas bei verschiedenen Menschen unterschiedlich verläuft - und welche Rolle das Mikrobiom dabei spielt. Für ihre Arbeit nutzt sie Multi-Omics-Technologien, also das parallele Auslesen vieler biologischer Informationsschichten, ebenso wie internationale Forschungskooperationen, klinische Studien, um Muster zu erkennen, die Therapie und Prävention personalisieren könnten.
Im Netzwerk der Exzellenz
Chakaroun arbeitet dabei nicht isoliert: Ihre langjährige wissenschaftliche Vorgeschichte in Leipzig verbindet sie eng mit den Principal Investigators von LeiCeM - etwa Matthias Blüher, Annette Beck-Sickinger, Julia Sacher, Peter Stadler, Michael Stumvoll, Arno Villringer und Veronica Witte - mit denen sie gemeinsame Publikationen und Projekte realisierte. So entstehen Synergien zwischen verschiedenen Forschungsschwerpunkten, vom Darmmikrobiom bis hin zur Wirkung von Sex, Gender und Geschlechtshormonen auf metabolische Gesundheit, die direkt in translationale Ansätze einfließen.
LeiCeM-Sprecher Michael Stumvoll ergänzt: ,,Perspektivisch wird LeiCeM im besten Cluster-Geist über die aktuell 25 PIs hinauswachsen. Neben den konkret geplanten, cluster-finanzierten LeiCeM-Professuren sollen auch weitere herausragende, national und international kompetitiv eingeworbene Positionen - wie Heisenbergoder Else-Kröner-Fresenius-Professuren - sowie gemeinsame Berufungen mit der Max-Planck-Gesellschaft aufgenommen werden. Anspruch und Ziel bleiben dabei stets: Exzellenz in Forschung, Vernetzung und Patient:innenrelevanz. Mit Rima Chakaroun haben wir in diesem Sinne eine Spitzenforscherin ins Boot und zurück nach Leipzig geholt."
Warum der Fokus auf Geschlecht wichtig ist
Obwohl Männern oft ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugeschrieben wird, weist Chakaroun auf einen harten Befund hin: Frauen mit adipositas-bedingtem Diabetes haben ein um 50 Prozent höheres Sterberisiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch werden geschlechtsspezifische biologische Gegebenheiten in Präventionsstrategien selten berücksichtigt. Ihre Forschung will diese Lücke schließen - mit dem Ziel, Leitlinien und Präventionsmaßnahmen geschlechtergerecht zu gestalten.
,,Ich glaube, wir müssen die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Adipositas besser verstehen, insbesondere wie Ernährung und Umweltfaktoren jeweils wirken - zumal Frauen heute eher dazu neigen, schon früher im Leben Adipositas zu entwickeln als Männer." Auch spiele es für die Umsetzung entsprechender Erkenntnisse eine Rolle, dass Frauen gleichzeitig eher gewillt seien, ihre Gesundheit in die Hand zu nehmen, aber häufiger weniger umfänglich behandelt würden als Männer. Darin, die Unterschiede zu berücksichtigen, sieht sie klare Chancen: ,,Das unterstützt einen Wandel hin zu personalisierten Interventionen, von angepassten Ernährungsempfehlungen bis hin zu mikrobiom-basierten Therapien."
Auf der Ebene von Gesundheitspolitik und Versorgungsplanung betont sie, dass ihre Forschung ,,geschlechtsspezifische Daten liefern kann, die politischen Entscheidungsträgern helfen, Krankheitsrisiken besser zu verstehen und gezielte Screenings, Präventionsund Behandlungsstrategien - insbesondere für die Frauengesundheit - zu entwickeln."
Auszeichnungen und Förderung - Sichtbarkeit für translationale Forschung
Die wissenschaftliche Arbeit der Forscherin wurde im Frühjahr 2025 durch mehrere bedeutende Anerkennungen gewürdigt: Sie erhielt den New Investigator Award der European Association for the Study of Obesity - ein Preis, der von der Novo Nordisk Foundation unterstützt wird und mit rund 40.000 Euro dotiert ist. Sie durchlief die Leadership Academy der Klaus Tschira Stiftung, ein renommiertes Förderprogramm für Führungskräfte von morgen, und schließlich wurde sie als Trägerin einer Else Kröner Clinician Scientist Professur ausgezeichnet, eine Förderung, die klinisch-translationalen Forscher:innen größere Freiräume zwischen Patient:innenversorgung und Forschung ermöglicht. Solche Förderungen sind nicht nur prestigeträchtig, sie bieten Plattformen für den Dialog mit zentralen Akteur:innen, um Forschungsergebnisse schneller in die Klinik zu bringen und die europaweite Vernetzung zu stärken.
Blick nach vorn - Patient:innennutzen als Leitstern
Was können Patient:innen konkret erwarten? Chakarouns Arbeit zielt darauf ab, die Heterogenität von Adipositas sichtbar zu machen und Behandlungen zu individualisieren - etwa durch Anpassung von Therapieansätzen an Mikrobiom-Signaturen oder bessere Vorhersage von Nebenwirkungen. Für die öffentliche Gesundheit bedeutet das: gezieltere Präventionsstrategien, höhere Wirksamkeit von Therapien und ein Ende der One-Size-Fits-All-Rhetorik.
Wenn man der Medizinerin zuhört, klingt das weniger nach akademischem Pathos als nach konkreter Verantwortung: Forschung, die Krankheiten erklärt, so dass Menschen besser behandelt werden können. Zwischen Klinik und Labor bleibt Chakaroun eine Brückenbauerin. Ihre Forschung zeigt, wie moderne Medizin sowohl tief in die molekulare Feinheit als auch in die Perspektive der Patient:innen hineinblickt - und wie das unsichtbare Mikrobiom Antworten auf sichtbare Gesundheitsfragen liefern kann.




