Das Leid und das Morden dürfen nicht vergessen werden

Dominik Groß (Mitte) im Gespräch mit Henriette Kretz und Leon Weintraub.
Dominik Groß (Mitte) im Gespräch mit Henriette Kretz und Leon Weintraub.
Mehr als 500 Menschen sind in der Aula der RWTH tief bewegt vom Schicksal der Holocaust-Überlebenden Henriette Kretz und Leon Weintraub.

Als Leon Weintraub die Flucht vor der SS gelang, wog er noch 35 Kilo. Er war gezeichnet von Krankheit, Hunger und den schrecklichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Gemeinsam mit der 91-jährigen Henriette Kretz, wie Weintraub Überlebende des Holocausts, erzählte der 99-Jährige am Dienstagabend auf Einladung der RWTH von seinen Erfahrungen und seinem Weg zurück ins Leben.

Die Aula im Hauptgebäude ist voll besetzt, mehr als 500 Menschen sind gekommen, um den beiden Zeitzeugen in der von Dominik Groß, dem Beauftragten gegen Antisemitismus an der RWTH, moderierten Veranstaltung zuzuhören. Es sind Geschichten von Entmenschlichung, von unvorstellbarem Leid, vom totalen Verlust jeglicher Würde, mitunter kaum zu ertragen. Und doch machen es die beiden Hochbetagten ihrem Publikum leicht, strecken ihnen die Hand entgegen, sprechen viel von Versöhnung: ,,Wenn ich in ihre offenen Augen schaue, fällt es schwer zu glauben, dass viele Eurer Großväter und Urgroßväter zu den Tätern gehört haben", sagt Leon Weintraub. Vergeben, nein, das könne er nicht, das komme nicht in Frage, ihm geht es um Versöhnung. Und ums Erinnern: ,,Das Leid und das Morden dürfen nicht vergessen werden, sonst bringen wir die Millionen unschuldiger Opfer der Nationalsozialisten noch einmal um." Gerade die Jugend, so ergänzt Henriette Kretz, müsse wissen, was gewesen sei und wie gefährlich Diktaturen sein. Heute gäbe es immer noch Ausgrenzung von Religionen, von Völkern: ,,Wenn wir sehen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt, ist vielleicht eine andere Richtung besser. Wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist."

Auffallend viele junge Menschen sind gekommen an diesem emotionalen und erschütternden Abend. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind tief bewegt, immer wieder spenden sie Applaus, erheben sich mitunter zu Ehren von Henriette Kretz und Leon Weintraub von ihren Stühlen. ,,Es ist von unschätzbarem Wert für uns, dass Sie heute hier sind", dankt RWTH-Rektor Ulrich Rüdiger den beiden Holocaust-Überlebenden. ,,Sie helfen, das Unvorstellbare greifbar zu machen." Die Veranstaltung war Teil der Reihe ,,Aufklärung statt Ausgrenzung: Antisemitismus im Fokus" der RWTH.

Noch heute, mehr als 85 Jahre danach, hört Dr. Leon Weintraub die donnernden Schritte der am 1. September 1939 in Polen einmarschierenden deutschen Soldaten, hat den Geruch von verbranntem Fleisch in den Konzentrationslagern in der Nase, die schrecklichen Bilder aus dem Ghetto und den Lagern vor Augen. Er wurde mit 160.000 Jüdinnen und Juden im Ghetto Litzmannstadt in seiner besetzten polnischen Heimatstadt Lódz eingepfercht. 1944 wird das Ghetto aus Furcht der Deutschen vor der anrückenden Roten Armee aufgelöst, für Leon Weintraub, seine Mutter und seine vier Schwestern bedeutet das Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, wo er für den Tod durch Vergasung vorgesehen war. Gleich nach Ankunft wird er von seiner Familie getrennt, ,,das war das letzte Mal, dass ich meine liebe Mutter gesehen habe". Durch Zufall und seine Geistesgegenwart, sich einem Gefangenentransport anzuschließen, wird er ins Lager Groß-Rosen verlegt, es folgen die Konzentrationslager Flossenbürg und Natzweiler-Struthof/Offenburg. Bei einem weiteren Transport tief ins Landesinnere gelingt ihm in der Nähe von Donaueschingen die Flucht, als der Zug von Flugzeugen beschossen wird.

Henriette Kretz war noch ein Kind, als die Deutschen kamen. Immer wieder muss die Familie, die damals in der heutigen Ukraine lebte, fliehen, Doch 1942 holt sie der Krieg auch im ukrainischen Sambor ein. Sie werden ins jüdische Ghetto zwangsumquartiert, zwischenzeitlich wird die kleine Henriette von der Familie getrennt, wird in ein Gefängnis gesteckt, wo sie unter anderem willkürliche Erschießungen miterleben muss. ,,Als ich acht Jahre alt war, wollte ich nicht mehr essen. Ich wollte lieber vor Hunger sterben, als erschossen zu werden", erzählt sie von dieser Kindheit voller unfassbarer Schrecken. Später gelingt es der Familie, in verschiedenen Verstecken zu überleben, unter anderem in einem engen Kohlenkeller, wochenlang ohne Licht und mit wenig Luft. Als eines dieser Verstecke verraten wird, kann sie fliehen, die Schüsse, durch die ihre Eltern sterben, hört sie beim Weglaufen. Es gelingt ihr, sich in einem Nonnenkloster vor dem Terror der Nationalsozialisten zu verstecken.

Dr. Leon Weintraub bleibt nach Kriegsende im Land der Täter. ,,Ich war voller unbändiger Lebensfreude, ich wusste: Ihr habt es nicht geschafft, mich zu töten, ich lebe." Obwohl er nur die Grundschule besucht hatte, gelingt es ihm, in Göttingen ein Medizinstudium aufzunehmen. Das Abitur holt er auch noch nach, er wird Frauenarzt, eine andere Fachrichtung kommt für ihn nicht in Frage: ,,Ich war so lange so eng auf Tuchfühlung mit dem Tod, nun wollte ich so nah wie möglich am Leben sein. Und das ging am besten als Geburtshelfer." Er lebt heute mit seiner zweiten Frau in Stockholm. Henriette Kretz geht nach dem Krieg nach Antwerpen, studiert Kunst und Französisch und wird Lehrerin, ,,ich bin eine ganz normale Frau geworden, nur kochen kann ich nicht", erzählt sie mit einem Schmunzeln.

,,Wie haben das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann", sagt Leon Weintraub. ,,Dass es heute wieder Menschen gibt, die sich als Nazis bezeichnen oder die man so bezeichnen muss, ist unfassbar. Was soll man dazu noch sagen?"

Die nächste Veranstaltung in der Reihe ,,Aufklärung statt Ausgrenzung: Antisemitismus im Fokus" ist am 15. Mai. Hier gibt es alle Infos.