Wie kann man blinden, sehbehinderten oder gehörlosen Menschen den Zugang zu Kunst ermöglichen? Mit dieser Frage setzten sich Studierende der Literaturwissenschaften im Seminar ,,The Blind Witness: Poetry and Painting" von Jessica Bundschuh auseinander.
,,Das Seminar war Teil des dreijährigen Projekts Sensing Literature. Dabei haben wir uns dem Tastsinn, dem Hören und dem Sehen genähert. Unsere Auseinandersetzung mit dem Sehsinn schloss auch Blindheit ein" erklärt Bundschuh, Literaturwissenschaftlerin in der Abteilung Englische Literaturen und Kulturen an der Universität Stuttgart. ,,In unseren Untersuchungen dazu, wie poetische Sprache und bildende Kunst aufeinandertreffen, wollten wir Wege erkunden, ästhetische Begegnungen inklusiver zu gestalten. Genau dies leistet das Projekt Sensing Literature: blinden als auch gehörlosen Menschen einen Zugang zur Kunst über mehrere, miteinander verbundene Sinne zu eröffnen."
,,Vor allem die Übersetzung war eine Übung darin, Kunst und den Diskurs darüber für ein möglichst breites Spektrum an Personen zugänglich zu machen," erklärt Felix Huber, Lehramtsstudent der Fächer Deutsch und Englisch.
Gemeinsam mit Katharina Rohne, Leiterin des Bereichs Digitale Vermittlung an der Staatsgalerie Stuttgart , entwickelten Bundschuh und die Studierenden die Audioführung ,,Die Poetik des Sehens", die alle Sinne anspricht. Mit einer anschaulichen Sprache näherten sich die Studierenden ausgewählten Kunstwerken nicht nur über den Sehsinn, sondern auch über weniger dominante Sinne wie den Tastsinn, das Gehör, den Geruchund Geschmackssinn.
,,Es passt es ganz wunderbar, dass wir jetzt eine Tour mit 22 Stationen zu Meisterwerken der Sammlung anbieten können, die sich mit der Wahrnehmung derjenigen beschäftigt, die nicht sehen können und somit auf die Beschreibung von Kunstwerken durch Worte angewiesen sind. Ich danke allen, die dieses Projekt mit viel Herzblut und Engagement gemeinsam für uns realisiert haben," betont Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie.
,,Inklusion, Vielfalt und Gemeinschaft zu fördern gehört zu den zentralen Aufgaben sowohl von Universitäten als auch Museen", ergänzt Rohne. ,,Der Mediaguide der Staatsgalerie bietet daher immer auch Bildbeschreibungen für blinde und sehbehinderte Menschen sowie Transkripte zum Mitlesen für Menschen mit Höreinschränkungen. Das Tolle an diesem Projekt ist, dass die Bildbeschreibungen die verschiedenen Perspektiven von 22 jungen Studierenden auf die Kunstwerke zeigen."
Unter den sorgfältig ausgewählten Werken sind Gemälde bekannter Künstler von der frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert, wie Georg Flegel, Rembrandt, Edward Burne-Jones, Anselm Feuerbach und Caspar David Friedrich. Die Werke enthalten narrative und mythologische Elemente, die sie mit der Literatur in Verbindung bringen.
Für den Rundgang ,,Die Poetik des Sehens" sind mehrsprachige Audiobeiträge in deutscher, englischer und teils ukrainischer Sprache zu 22 Gemälden aus der Sammlung der Staatsgalerie entstanden. Die Texte dafür wurden den Studierenden in Zusammenarbeit mit Jessica Bundschuh, Katharina Rohne und weiteren Mitarbeitenden der Staatsgalerie verfasst und aufgenommen.
Die neue Mediaguide-Tour ist seit dem 3. März 2026 kostenlos auf der Website der Staatsgalerie verfügbar. Der Rundgang durch die Sammlung kann in der Staatsgalerie, zu Hause oder unterwegs auf dem Smartphone aufgerufen, angehört und mitgelesen werden.
