Als Dagmar Hülsenberg in Ilmenau begann, junge Menschen für Glas und Keramik zu begeistern, hieß Forschung bisweilen noch Improvisation: Ihre ersten Experimente fanden in einem kleinen Labor in der Ilmenauer Poststraße statt. Heute ist das Fachgebiet im Arrheniusbau auf dem Campus Oberer Ehrenberg zu Hause - mit großzügigen Laborflächen und international vernetzt. Zwischen diesen beiden Orten liegen nicht nur räumliche Meter, sondern auch historische Meilensteine - und der Wandel von klassischer Präsenzlehre über Online-Lehre bis hin zu digitalen Lernformaten.
2007 übernahm Edda Rädlein von Dagmar Hülsenberg die Leitung des Fachgebiets an der Fakultät für Maschinenbau, das heute ,,Anorganisch-nichtmetallische Werkstoffe" heißt. Der Generationenwechsel verlief harmonisch - getragen von einer geteilten Leidenschaft der beiden Frauen für Qualität in Forschung und Lehre, so Prof. Rädlein:
Dagmar legte mir ihren Erfahrungsschatz wohlsortiert in die Hände. Wir sind in unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen, aber wir teilen den gleichen Blick auf Glas und Keramik - und darauf, wie man Studierende für diese Themen begeistern kann.
Und das gelingt bis heute. Von der glänzenden Oberfläche bis ins unsichtbare Innere - in Ilmenau wird Glas neu gedacht. Ob hauchdünne Beschichtungen oder winzige Nanostrukturen: Schon Studierende forschen an neuartigen Materialien für die Technologien von morgen mit - robusteren Gläsern für Handy-Displays, ultradünnen, faltbaren Glasfolien, strahlenbeständigen Gläsern für Laseranwendungen oder selbstreinigenden photokatalytischen Beschichtungen. Aufgetragen auf Fenster, Solarzellen oder Fliesen, nutzen sie Licht, um Schadstoffe zu zersetzen - und tragen so zu einer sauberen Umwelt bei.
Doch die Ilmenauer Nachwuchsforschenden bleiben nicht an der Oberfläche: Sie untersuchen auch, was im Inneren der Gläser geschieht. Etwa bei sogenannten phasenseparierenden Gläsern, die Schadstoffe gezielt aufnehmen oder als Feststoff-Elektrolyte in Energiespeichern dienen können. Sie erforschen, was an Grenzflächen passiert, wenn Glas mit anderen Materialien zusammentrifft, und experimentieren mit 3D-gedrucktem, biokompatiblem Glas - einem Werkstoff, der etwa in der Medizintechnik und Optik völlig neue Möglichkeiten eröffnet.
Ein zentraler Pfeiler der Lehre ist dabei die mechanische Spezialwerkstatt, in der Frank Oßmann seit vierzig Jahren dafür sorgt, dass Studierende sicher mit Werkzeugen umgehen können, um Glas und Keramik zu bearbeiten - und dass aus Ideen funktionierende Prototypen werden.
Viele Absolventinnen und Absolventen tragen ihr Wissen anschließend hinaus in die Welt - zu Unternehmen wie Schott, BMW oder Ivoclar, an Universitäten in Freiberg oder Aachen, zu Fraunhofer-Instituten oder bis nach China und Peru.
Zwei Themen, die von Bernd Halbedel und Ulrike Brokmann über den Generationswechsel hinweg weitergeführt wurden, machen das Ilmenauer Fachgebiet einzigartig: magnetische Materialien, die mit keramischen Verfahren hergestellt werden, und fotostrukturierbares Glas, das sich mit Licht präzise bearbeiten lässt - ganz ohne Bohren oder Fräsen. So entstehen Mikrokanäle, Wellenleiter oder Sensoren, die Licht leiten, Flüssigkeiten transportieren oder für Messungen genutzt werden: Winzigen Bauteile, die heute in der Mikrooptik, etwa in Kameras und Lasern, und in Lab-on-a-Chip-Systemen in Medizin und Chemie unverzichtbar sind, aber auch in der Photonik, wo sie Datenübertragung und Lichtsteuerung ermöglichen.
Ein weiterer zukunftsweisender Schwerpunkt der Ilmenauer Werkstoffwissenschaft ist das Recycling. Bereits 1998 legte Dagmar Hülsenberg mit ihrer Monographie ,,Glastechnologien für Recyclingaufgaben" wichtige Grundlagen. Heute führen junge Wissenschaftlerinnen wie Janine Wessel diese Arbeit fort. Ihr Ziel: bleihaltiges Altglas aus alten Fernsehund Computerbildschirmen im Sinne der Kreislaufwirtschaft wieder nutzbar zu machen - indem es in poröses Glas umgewandelt wird. Dieses vielseitige Material wird in der Industrie etwa für Katalyse, Materialtrennung oder Dämmung eingesetzt.
Was mit Dagmar Hülsenbergs Vision begann, führen Edda Rädlein und ihr Team mit Leidenschaft und internationalem Netzwerk fort. Zu den starken Partnern in Deutschland gehören die aus den Technischen Glaswerken Ilmenau hervorgegangenen mittelständischen Unternehmen ebenso wie Kooperationen in der Optikfertigung mit den Hochschulen in Aalen, Deggendorf und Jena sowie mit den Fraunhofer-Instituten ISC in Würzburg/Bayreuth und FEP in Dresden, wo an Glasoberflächen und Beschichtungen geforscht wird.
Aber auch international ist die Ilmenauer Werkstoffwissenschaft vernetzt - etwa mit der Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) in Lima und der Université Ferhat Abbas in Sétif, Algerien. Studierende und Forschende profitieren von Praktikumsplätzen, Austauschprogrammen, gemeinsamer Forschung und Vernetzung sowie neuen Perspektiven auf globale Herausforderungen: "Ein Masterstudent untersucht gerade in den unterschiedlichen Klimazonen Perus und Ilmenaus die Bewitterung von Glas für Solarmodulen, um zu testen, wie langzeitbeständig es im realen Einsatz ist", erzählt Prof. Rädlein. Denn Solarmodule stehen jahrzehntelang im Freien - bei Sonne, Regen, Wind und Schnee. Damit sie trotzdem zuverlässig Strom liefern, muss besonders das Frontglas witterungsbeständig sein, so Edda Rädlein:
Glas und Keramik mögen wie Nischenthemen aussehen, aber sie gehören nicht nur zu den einzigartigen Besonderheiten der Region und der TU Ilmenau. Glas und Keramik ermöglichen auch Zukunftstechnologien. Diese Werkstoffe weiterzuentwickeln, ist unverzichtbar für Aufgaben wie schnelles Internet, Energiewandlung und -nutzung oder moderne medizinische Diagnostik und Therapie - bis hin zum Blick in ferne Galaxien.


