Superdiversität - Vielfalt neu denken

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Die Gesellschaften weltweit werden immer diverser - und das in vielfältiger Hinsicht. Einer der Motoren, die diese Diversifizierung antreibt, ist die globale Migration. Migrantinnen und Migranten unterscheiden sich heute sehr viel stärker voneinander als vor 25 Jahren - jedoch nicht nur in Bezug auf ihre ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit oder Religion, sondern auch in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildung oder Rechtsstatus. Das Konzept der Superdiversität bezeichnet das Zusammenspiel dieser Kategorien und deren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Position der einzelnen Menschen. Darum geht es in Steven Vertovecs Buch -Superdiversität - Migration und soziale Komplexität-.

Die Diversität der Gesellschaft wird immer komplexer

Der international renommierte Sozialanthropologe prägte den Begriff der Superdiversität bereits im Jahr 2007 Seitdem hat sich das Konzept in den Sozialwissenschaften etabliert. -Gesellschaften waren immer schon vielfältig-, sagt Steven Vertovec, -Superdiversität bezeichnet jedoch eine Diversität, die weit über das bisherige Maß hinausgeht und hochkomplex ist-.

Einen wichtigen Anstoß für die Entwicklung des Konzepts lieferte Steven Vertovec Anfang der 2000er-Jahre mit einer Grafik für das britische Innenministerium (Home Office), die den Zustrom von Migrantinnen und Migranten in das Vereinigte Königreich von 1993 bis 2002 dargestellt und sortiert nach Kategorien UK, EU, Commonwealth, Sonstiges. Ab dem Jahr 1997 wuchs die Kategorie -Sonstigesmassiv an. Steven Vertovec wertete dies als Indiz, dass man das Konzept der Diversität in der britischen Gesellschaft neu werde denken müssen.

Original-Grafik (re.): Total international migration to UK by country of birth, 1993-2002 / Source: Home Office

Multikulturalismus - ein grobes Raster

Ein weiterer Anstoß war für ihn seine Kristik am Begriff Multikulturalismus, der Diversität allein an sozialen Kategorien wie Ethnie oder kulturelle Zugehörigkeit festmacht. Er beruhe auf der irrigen Vorstellung, die Welt sei in fixe, voneinander abgegrenzte Gruppen unterteilt - ein Narrativ das auch von rechten Populisten benutzt wird. Dabei sind diese Gruppen laut Vertovec vielmehr durchlässig, die Identitäten der einzelnen Mitglieder immer mehrdimensional, d.h. ein einzelner Mensch gehört mehreren Strömungen oder Kategorien gleichzeitig an. Nach der jüngsten Volkszählung in den USA hat sich die Zahl der Menschen, die einen gemischten ethnischen Hintergrund haben, in den letzten zehn Jahren verdreifacht. -Immer häufiger findet der Zusatz -trans-- Eingang in unsere Sprache: transsexuell, transgender, transnational. Das zeigt, dass vieles in unseren superdiversen Gesellschaften heute durchlässig ist und im Fluss, nicht starr und abgeschlossen-, sagt Steven Vertovec.

Wie alte Denkmuster Überwunden werden können

Moderne Migration ist komplexer denn je. Ein Beitrag von Steven Vertovec vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften