Psychologie-Doktoranden: Mehr Forscher und weniger Lehrkraft

Bin ich mehr Forscher oder Dozent? Schon zu Beginn ihrer Karriere müssen sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler unter Umständen diese Rollenfrage stellen, denn häufig sind sie bereits während ihrer Promotion für studentische Lehrveranstaltungen verantwortlich. Doch in welcher Rolle sehen sie sich hauptsächlich? Anders gefragt: Identifizieren sie sich überhaupt mit ihrer Rolle als Lehrkraft? Psychologinnen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) haben nun zum ersten Mal sowohl langfristige als auch situationsbezogene, kurzfristige Rollenidentifikationen bei Nachwuchswissenschaftlern in der Psychologie untersucht.

Die Ergebnisse: Grundsätzlich identifizieren sich Promovierende in hohem Maße mit ihren beiden Rollen - die Identifikation mit der Forscherrolle ist allerdings höher als die mit der Rolle als Dozent. Die Psychologinnen stellten fest, dass letztere jedoch kurzfristig durch bestimmte Reize aktiviert werden kann. ,,Die neuen Erkenntnisse könnten zukünftig dabei helfen, Promovierenden ihre verschiedenen Rollen bewusst zu machen und ihnen die Möglichkeit aufzuzeigen, diese Rolle situationsabhängig zu wechseln", betont Erstautorin Alessa Hillbrink vom Zentrum für Hochschullehre der WWU. Die Ergebnisse beziehen sich allerdings auf den wissenschaftlichen Nachwuchs des Fachs Psychologie und können nicht automatisch auf andere Disziplinen verallgemeinert werden. Die Studie ist in der Fachzeitschrift ,,Studies in Graduate and Postdoctoral Education" erschienen.

Hintergrund und Methode:

Im universitären Alltag finden viele kurzfristige Rollenwechsel statt. ,,Ein Doktorand hat zum Beispiel gerade ein Seminar geleitet, wechselt zu seinem Schreibtisch, um an einem wissenschaftlichen Artikel weiterzuarbeiten, wird dann von einem Studierenden unterbrochen, der eine Nachfrage hat und so weiter", erklärt Alessa Hillbrink. Untersuchen Wissenschaftler die Rollen-Identifikationen von Promovierenden, legen sie ihr Hauptaugenmerk in der Regel auf langfristige Prozesse, zum Beispiel die Sozialisation in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Dagegen gibt es kaum Studien, die untersuchen, wie Nachwuchsforscher kurzfristig bestimmte Rollen durch Hinweisreize aus der Umwelt annehmen können.

In einem ersten Teil der Untersuchung befragten die WWU-Wissenschaftlerinnen 167 Psychologie-Doktoranden von zwölf großen deutschen Universitäten mithilfe eines speziellen Fragebogens, dem ,,Professional Identity Questionnaire", den sie zum ersten Mal im deutschen Raum einsetzten. Die Teilnehmer beurteilten jeweils neun Aussagen, sowohl zur Forschung - beispielsweise ,,Ich fühle mich als Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft" - als auch zur Lehre, zum Beispiel ,,Ich habe ausreichend didaktisches Wissen und Fähigkeiten". Die Antwortskala umfasste fünf Stufen, mithilfe derer die Probanden den Aussagen eher zuoder nicht zustimmen konnten. Auf diese Weise erhoben die Wissenschaftlerinnen die langfristige Rollenidentifikation unabhängig einer Situation - die sogenannte ,,trait role identity".

Ergebnis: Die Probanden identifizierten sich mit beiden Rollen, wobei die Forscherrolle deutlich stärker ausgeprägt war. Aber je mehr Erfahrung die Promovierenden bereits in der Lehre hatten, desto mehr identifizierten sie sich auch mit der entsprechenden Rolle. ,,Im Vergleich zu den bisher angewandten qualitativen Ansätzen misst dieses Frageninventar viel genauer, facettenreicher und zudem unvorhersehbarer für die Befragten - wodurch die Identifikationswerte verschiedener Rollen besser miteinander verglichen werden können als bisher", sagt Studienleiterin Regina Jucks, wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Hochschullehre.

In einem zweiten Teil der Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen, wie die Promovierenden kurzfristig ihre Rollen wechseln konnten. Dazu teilten sie die Probanden zufällig in drei Gruppen auf, in denen sie ihnen jeweils verschiedene Arten von Bildern zeigten - Forschungsbilder, Lehrbilder oder aus beiden Kategorien gemischte Bilder. Sie waren aufgefordert, daraus eine Collage zu erstellen. Im Anschluss daran vervollständigten alle Teilnehmer unabhängig von ihrer Gruppe dieselben Satzanfänge, zum Beispiel ,,Ich arbeite als wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in, weil..." oder ,,Wenn ich an meinen Arbeitsalltag denke, schätze ich besonders...". Die Antworten wurden den Kategorien Forschung oder Lehre zugeordnet. Das Ergebnis: Je nachdem, in welcher Gruppe die Promovierenden gewesen waren, unterschieden sie sich auch in ihren Rollenidentifikationen. Hatten sie sich durch die ihnen gezeigten Bilder auf die Lehre fokussiert, kam dieser Aspekt in ihren Antworten häufiger vor. Außerdem nannten sie dann eine größere Bandbreite an lehrbezogenen Themen. ,,Mithilfe von visuellen Reizen gelang es also, kurzfristig die Rolle des Lehrenden zu aktivieren, die sogenannte ,state role identity’", erklärt Regina Jucks.

Insgesamt fiel auf, dass die berufliche Identifikation bereits früh in der akademischen Karriere eintritt. In der internationalen Forschung war man bisher davon ausgegangen, dass Wissenschaftler erst später ein Selbstverständnis als Dozenten ausbilden, zum Beispiel in der Habilitationsphase. Eine mögliche Erklärung ist, dass deutsche Psychologie-Promovierende bereits selbstständige Lehrtätigkeiten übernehmen und einen substanziellen Teil zur Lehre an deutschen Hochschulen beitragen - anders als es beispielsweise bei ,,Graduate teaching assistants" in Großbritannien oder den USA der Fall ist.

Förderung:

Diese Studie des Zentrums für Hochschullehre der WWU erhielt finanzielle Unterstützung durch das Projekt ,,Qualitätspakt Lehre" (Förderkennzeichen: 01PL16077) des Bundes und der Länder.

Originalpublikation:

A. Hillbrink & R. Jucks (2019): ‘Me, a teacher’!’ - Professional role identification and role activation of psychology PhD students. Studies in Graduate and Postdoctoral Education; DOI: 10.1108/SGPE-03-2019-0031