Steinhummeln sind Wirte für gefährliches Bienen-Virus

Foto: Lisa Prudnikow
Foto: Lisa Prudnikow

Forschende untersuchen Verbreitung viraler Infektionen zwischen Insekten in freier Wildbahn

 

Eine blühende Sommerwiese ist eine Nahrungsquelle: Honigbienen, Wildbienen und andere Insekten treffen hier bei Blütenbesuchen aufeinander. Gleichzeitig ist sie ein möglicher Übertragungsort für Viren, die bedrohliche Infektionen auslösen. Bislang ging man davon aus, dass nur Honigbienen als Wirte für Viren dienen und Wildbienen wie Hummeln damit anstecken. Eine neue Studie zeigt jedoch: Auch Wildbienen können Wirte sein. Forschende der Universität Göttingen und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben erstmals in der Natur das Virus der akuten Bienenlähmung (ABPV) in Steinhummeln nachgewiesen. Das Virus fügt ihnen offenbar wenig Schaden zu. Honigbienen können dagegen schon kurz nach der Infektion nicht mehr fliegen und sterben innerhalb weniger Tage. Ein ganzes Volk kann so rasch zusammenbrechen. Die Erkenntnis kann dazu beitragen, die Ausbreitung solcher Krankheiten einzudämmen.

Die Forschenden haben an 32 Standorten in Niedersachsen und Hessen umfangreiche Daten gesammelt. Zunächst beobachteten sie, ob Bienen verschiedener Arten die gleichen Blumen besuchen. Mithilfe eines Virus-Screenings analysierten sie außerdem bei insgesamt 1.725 Bienen mehrerer Arten, wie stark jede Art zur Verbreitung verschiedener Viren beiträgt. Dazu haben sie mit der sogenannten artspezifischen Basisreproduktionszahl R0 berechnet, wie viele Insekten ein infiziertes Insekt der gleichen Art anstecken kann. So stellte das Team für jede Kombination aus Virus und Bienen-Art punktgenau fest, wie leicht sich das Virus ausbreiten kann und wie stark jede Bienen-Art potenziell dazu beiträgt.

Für drei Bienen-Viren ermittelten die Forschenden so die wichtigsten Wirte unter den Insekten. An den untersuchten Standorten erwies sich die Honigbiene als Hauptträger des Flügeldeformationsvirus (DWV) und des Black Queen Cell Virus (BQCV). ,,Beim Akuten Bienenlähmungs-Virus ist das hauptsächliche Wirtsinsekt aber eine Wildbiene: die Steinhummel Bombus lapidarius", sagt Erstautorin Patrycja Pluta von der MLU. Die Studie zeigt auch: Welche Bienen-Arten gemeinsam an einem Standort vorkommen, beeinflusst die Verbreitung von Viren weniger als angenommen. Entscheidender ist der direkte Kontakt zu Bienen von Arten, die viele Viren übertragen. Zur Bedeutung dieser Erkenntnis sagt Robert Paxton von der MLU, der die Studie geleitet hat: ,,Je mehr Platz und Nahrungsangebot Bienen haben, desto unwahrscheinlicher werden Infektionen. Um das Risiko zur weiteren Ausbreitung der Krankheiten zu minimieren, wären also zum Beispiel mehr Blühstreifen mit vielen unterschiedlichen Pflanzenarten sehr hilfreich."

Forschende der Abteilung Funktionelle Agrobiodiversität & Agrarökologie der Universität Göttingen waren an Sie wählten in der Region Göttingen Landschaften mit verschiedenem Blütenangebot aus und erhoben dort die Daten zu den Blütenbesuchen der Bienen. ,,Die Nahrungsnetze und die Viren der Bienen gemeinsam zu analysieren, war entscheidend, um die Mechanismen der Krankheitsübertragung besser zu verstehen", erklärt Annika Hass aus dem Leitungsteam des ,,ComBee"-Projekts, in dessen Rahmen die Untersuchung durchgeführt wurde.

,,ComBee" ist ein gemeinsames Projekt der Universität Göttingen und der MLU. Mehr Informationen dazu sind hier zu finden: www.uni-goettingen.de/de/projekt/646422.html. Die Forschung wurde durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Originalveröffentlichung: Pluta P. et al. Multiple Key Hosts and Network Structure Shape Viral Prevalence Across Multispecies Communities of Bees. Ecology Letters (2026). DOI: 10.1111/ele.70327