"Die Physik gibt vor, ob Leben entsteht"

Matthias Schleiff © Foto: Andreas Schoelzel

Matthias Schleiff © Foto: Andreas Schoelzel

Gott ist tot - oder ist die Nachricht seines Ablebens frei nach Mark Twain doch nur stark übertrieben? Zu letzterem Schluss kommt zumindest Matthias Schleiff in seiner an der WWU angefertigten und nun unter dem Titel „Schöpfung, Zufall oder viele Universen?“ erschienenen Dissertation. Der Philosoph und Theologe, der mittlerweile an einer Schule im Münsterland unterrichtet, entwickelt ein Gottesargument, das auf den Naturwissenschaften basiert. Matthias Schleiffs Befund: Die Entstehung von Leben hängt von einer präzise austarierten physikalischen Ausprägung des Universums ab, was als Hinweis auf einen Schöpfer verstanden werden kann. Susanne Wedlich sprach mit ihm.

Warum benötigen wir in der heutigen Zeit ein neues Gottesargument?

Für die Zweifler geht es um die Frage, ob mit der Naturwissenschaft Gott zu Grabe getragen werden kann, für den Gläubigen darum, ob der Glaube - auch - vernünftig ist. Ich wollte mich diesen Fragen ernsthaft stellen. Dabei gibt es auch in der Theologie die Tendenz, der Vernunft nicht alles zuzutrauen. Denn wer Gott denkt, denkt etwas, das größer ist, als er mit Vernunft erfassen kann. Ungeachtet davon kann die Vernunft aber helfen, gute Gründe für die Annahme eines Schöpfers zu finden.

Sie denken Ihr Gottesargument vom Ende her, also vom bewussten Leben. Wieso?

Mein Argument folgt einem seit der Antike bekannten Muster: Man erkennt eine Ordnung in der Welt und versucht, von ihr auf einen ersten Ordner zu schließen. Durch die Naturwissenschaften ist dieses „teleologische Argument“ in der Neuzeit aber in Verruf gekommen - besonders in der Biologie, weil dort seit Darwin die Evolution Ordnung, Muster und Strukturen erklärt. Das erkenne ich natürlich an. Das Merkmal der Ordnung in der Welt, das ich suche, ist deshalb auch nicht in der Biologie angesiedelt.

Wo finden Sie mögliche Hinweise auf einen Schöpfer?

In der Physik und der grundlegenden Theorie des Universums. Die Physik des Kosmos gibt vor, ob in einem Universum Leben entstehen und sich weiterentwickeln kann - oder eben auch nicht. Die Ausgangsbeobachtung meines Arguments ist, dass kleinste Veränderungen in den Naturkonstanten dies verhindert hätten. Würde das Universum nur in geringem Maß von seiner jetzigen und extrem austarierten physikalischen Gestalt abweichen, könnte es weder uns noch irgendeine andere komplexe Lebensform geben. Physiker wie Stephen Hawking haben das als ‚Feinabstimmung der Naturkonstanten‘ bezeichnet.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Naturkonstanten beschreiben die fundamentalen Bedingungen des Universums. Nach allem, was wir wissen, sind sie nicht durch Naturgesetze festgelegt, hätten also auch andere Werte annehmen können. Angenommen, die Gravitationskraft wäre ein klein bisschen größer, dann wäre das Universum kurz nach dem Urknall wieder in sich zusammengefallen. Es hätte keine Sterne gegeben - und kein Leben. Es gibt unzählig viele Varianten des Urknalls, die eine Entwicklung von Leben unmöglich gemacht hätten. Die Tatsache, dass unser Universum Leben hervorbringen kann, scheint eine glückliche Ausnahme zu sein. Dies ist die Beobachtung, die für mein Argument zum Ausgangspunkt dafür wird, mit guten Gründen auf eine absichtsvolle Planung des Kosmos zu schließen.

Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit Phänomenen, die sich beobachten, messen und erfassen lassen, was Gott und den Glauben definitionsgemäß ausschließt. Wo ziehen Sie die Grenze?

Es gibt diese Demarkationslinie. Sie ist eine Folge der Vereinbarung, in den Naturwissenschaften so nach Antworten zu suchen, als ob es Gott nicht gäbe. Dieses methodische Vorgehen ist grundsätzlich sehr klug. Bei manchen fundamentalen Fragen, die sich einer naturalistischen Erklärung hartnäckig verschließen, fordere ich aber, dass es zumindest möglich sein muss, Gott als Erklärung in Betracht zu ziehen. Alles andere wäre starrköpfiger Dogmatismus.

Was sollten Theologen von Ihrem Argument mitnehmen?

Sie sollten lernen, dass der Begriff Schöpfung keine theologische Sonderwirklichkeit beschreibt. Was es bedeutet, von der Welt als Schöpfung Gottes zu reden, muss sich an der Welt, die die Naturwissenschaften beschreiben, aufzeigen lassen. Die Theologie hat das in den vergangenen 200 Jahren eher vermieden, weil sie oft mit dem Versuch gescheitert ist, den Schöpfungsgedanken auf die Welt zu beziehen. Da kam ihr dann immer jemand wie Darwin in die Quere. Trotzdem glaube ich, dass diese öffnung nötig ist, auch wenn sie die Theologie verletzlich macht.

Was sollten Naturwissenschaftler mitnehmen?

Sie dürfen eine Ahnung davon bekommen, dass sie sich mit Fragen beschäftigen, die sich innerhalb der Naturwissenschaften nicht beantworten lassen und dennoch nicht den Bereich des Vernünftigen verlassen. Das sind Fragen, über die es mit anderen Disziplinen wie der Philosophie und Theologie zu streiten lohnt. Meine Vermutung ist, dass dann Glaube und Naturwissenschaften wieder näher zusammenrücken. Denn Naturwissenschaften beschreiben Ordnung - und das heute besser und genauer als je zuvor. Ein Argument, das von der Ordnung ausgeht und auf einen ersten Ordner schließt, bekommt mit den Naturwissenschaften daher ein immer stärkeres Fundament. Gottes-Argumente werden mit den Naturwissenschaften nicht begraben, sondern stärker.

Matthias Schleiff: Schöpfung, Zufall oder viele Universen? Ein teleologisches Argument aus der Feinabstimmung der Naturkonstanten, Tübingen: Mohr Siebeck 2019, 319 Seiten, 69 Euro.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung „wissen

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