Insektenrückgang weitreichender als vermutet

Libelle    Foto: Frank Suschke

Libelle Foto: Frank Suschke

Internationales Forschungsteam mit Göttinger Beteiligung findet Ursachen auf Landschaftsebene

(pug) Auf vielen Flächen tummeln sich heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor einem Jahrzehnt. Dies geht aus einer Untersuchung eines internationalen Forschungsteams mit Beteiligung der Universität Göttingen hervor. Vom Artenschwund betroffen sind vor allem Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden - aber auch Waldund Schutzgebiete. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Das Forschungsteam unter Leitung der Technischen Universität München (TUM) erfasste zwischen 2008 und 2017 im Rahmen der DFG-Biodiversitäts-Exploratorien eine Vielzahl von Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg. Die Forscherinnen und Forscher sammelten auf 300 Flächen über eine Million Insekten und konnten so nachweisen, dass viele der fast 2.700 untersuchten Arten rückläufig sind. Einige seltenere Arten wurden in den vergangenen Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden. Die Biomasse der Insekten ist in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen.

Im Grünland waren die Ergebnisse noch alarmierender: Am Ende des Untersuchungszeitraums hatte sich die Insektenbiomasse auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert. Betroffen sind alle untersuchten Waldund Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die dreibis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder und sogar ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. Den größten Schwund stellten die Forscherinnen und Forscher auf den Grünlandflächen fest, die in besonderem Maße von Ackerland umgeben sind. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage sind, große Distanzen zu überwinden.

Christian Ammer und Peter Schall aus der Abteilung Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen der Universität Göttingen stellten für die Studie Daten zur quantitativen Charakterisierung der Waldbestände bereit. Zudem analysierten die beiden Forscher, wie sich die Waldbewirtschaftung auf die Insekten auswirkt. ‘Wie sich zeigte, konnten zwischen bewirtschafteten und aus der Nutzung genommenen Wäldern keine Unterschiede in der Entwicklung und Abnahme der Insekten festgestellt werden, was auf einen übergeordneten Faktor schließen lässt, der alle Wälder in gleicher Weise trifft’, sagt Ammer.

‘Wir konnten zudem feststellen, dass der Artenverlust der Insekten geringer war, wenn in den betrachteten Wäldern Bäume durch natürliche Ursachen oder durch die Holzernte ausgeschieden waren’, ergänzt Schall. Eine wahrscheinliche Erklärung für diesen Befund ist, so die Göttinger Forscher, dass mit dem Ausscheiden der Bäume substanzielle Kronenöffnungen verbunden sind, die zu einer Zunahme der Bodenvegetation und einer höheren Verfügbarkeit von Totholz führen. ‘Das scheint den Artenverlust einzuschränken’, so Schall.

Dass es auf deutschen Wiesen weniger zirpt, summt, kreucht und fleucht als noch vor 25 Jahren, haben bereits mehrere Studien gezeigt. ‘Bisherige Studien konzentrierten sich aber entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen. Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar’, sagt Erstautor Dr. Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM. ‘Aktuelle Initiativen gegen den Insektenrückgang kümmern sich viel zu sehr um die Bewirtschaftung einzelner Flächen und agieren weitestgehend unabhängig voneinander’, so Seibold. ‘Um den Rückgang aufzuhalten, benötigen wir ausgehend von unseren Ergebnissen eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene.’

Originalveröffentlichung: Seibold, S. et al. Arthropod decline in grasslands and forests is associated with drivers at landscape level. Nature (2019). https://doi.org/10.1038/s41586-019-1684-3

E-Mail: peter.schall [at] forst.uni-goettingen (p) de

www.uni-goettingen.de/de/77271.html

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