Verstörende Ideen

Verstörende Ideen

Wissenschaft scheint beim Publikum immer besser anzukommen. Universitäten und Organisationen haben inzwischen eigene Kommunikationsabteilungen. Ist aber die öffentliche Kommunikation von Wissenschaft auch - wissenschaftlich?


Wissenschaft ist innovativ und attraktiv. Und was ist sie noch? - Wie kaum je zuvor lässt sich die Öffentlichkeit von der Welt der Wissenschaft faszinieren. Die Kommunikations-abteilungen der Hochschulen, Universitäten und Forschungsförderungsorganisationen vermitteln einem interessierten Publikum auf Websites, in Medienmitteilungen und Magazinen die neusten wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse. Das Ziel dieser Anstrengungen ist die Erhöhung gesellschaftlicher Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Zwar arbeitet diese Wissenschafts-kommunikation professionell; ihre Erzeugnisse erfüllen die journalistischen Standards. Freilich ist die Grenze zu den Public Relations fliessend. Auch wenn die staatlich finanzierten Wissenschaftsinstitutionen gesetzlich verpflichtet sind, die Steuerzahler offen und sachlich über den Einsatz ihrer Gelder zu informieren - sie schnitten sich ins eigene Fleisch, wenn sie eigene Fehler und Misserfolge publizierten. Also konzentriert sich ihre Kommunikation auf positive Meldungen.


Zeit- und Personalmangel


Wer aber überprüft diese? Würde die Öffentlichkeit fast nur noch durch Kommunikationsabteilungen informiert, müsste man nicht gerade den spätkapitalistischen «Verblendungszusammenhang» oder eine totalitäre Diktatur heraufdämmern sehen. Doch ein Staat, in dem die grossen Banken, Lebensmittelkonzerne und Universitäten exklusiv über ihre Tätigkeiten berichteten, wäre kein demokratischer und liberaler Rechtsstaat mehr. Zum Glück also gibt es die Medien. Die freie Presse ist das Organon der öffentlichen Kontrolle. Wissenschaftsjournalisten schauen den Forschenden und Universitäten kritisch auf die Finger und lesen die publizierten Erfolgsgeschichten gegen den Strich.


Leider geschieht das nicht oft. Häufig übernehmen Zeitungsredaktionen und Nachrichtenagenturen mit den Texten der Wissenschafts-kommunikation auch deren Perspektive. Skeptisches Nachfragen bleibt die Ausnahme. Boulevardpresse und Gratisblätter unterlassen dies gewöhnlich aus Unkenntnis und Desinteresse, die sogenannte Qualitätspresse bisweilen aus Zeit- und Personalmangel. Während die Kommunikationsabteilungen der staatlichen Wissenschaftsinstitutionen in den letzten Jahren aufgestockt worden sind, schrumpfen die unabhängigen Wissenschaftsredaktionen weiter. Ein freier Journalist kann von den mageren Honoraren ohnehin nicht mehr existieren.


Es gäbe sehr wohl ein anderes Bild der Wissenschaft zu zeichnen. «Science» ist nicht nur innovativ und attraktiv. Der Weg zur aufregenden Erkenntnis und zum bahnbrechenden Ergebnis ist oft lang und mühsam, viele Versuche sind vergeblich, der wissenschaftliche Alltag ist geprägt von Selbstzweifeln, gescheiterten Experimenten, Einsamkeit vor dem Computer. Was der Wissenschafter eigentlich tut und was das Charakteristische seiner Arbeit ausmacht, lässt sich nicht einfach sagen. Vor allem lässt es sich nicht in einer einfachen Medienmitteilung sagen. «Wissenschaft ist unvermeidlicherweise unverständlich», hat der Philosoph Jürgen Mittelstrass einmal formuliert. Auch wenn man nicht so weit gehen will - diese Eigenart der Wissenschaft wird von der Wissenschaftskommunikation verständlicherweise nicht kommuniziert. Daher neigt sie dazu, nur jene Ergebnisse zu publizieren, die sich als repräsentative Zahlenverhältnisse, als alltagsnah und nützlich vermitteln lassen.


Das Ethos der Wissenschaft


Für die Wissenschaften wirkt sich das wohl kontraproduktiv aus. Denn von der zweckfreien Grundlage jeglicher Forschung erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas; die Geistes- und Kulturwissenschaften, die keine Anwendung im engeren Sinne kennen, kommen in dieser Berichterstattung nur am Rande vor. Diese Grundlagenforschung bildet indes die Basis sowohl für den wirtschaftlich-technischen Fortschritt, der zu materiellem Wohlstand führt, als auch, wenn man so will, für die qualitative Aufwertung der Lebenswelt; dank der geisteswissenschaftlichen Forschung erfreuen sich Bürgerinnen und Bürger intersubjektiv auch ihres kulturellen Reichtums. Ein sich festsetzendes simplifiziertesWissenschaftsverständnis könnte dagegen den Steuerzahler eines Tages dazu verleiten, nur noch eine ihm beliebende, alltagspraktisch zugerichtete Forschung finanzieren zu wollen.


Ob die Forschenden dieses schiefe Bild korrigieren? Eher nicht. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftreten, dann gerade nicht so, wie es das wissenschaftliche Ethos eigentlich verlangte: als sich des Werturteils enthaltende Experten, die aufgrund ihres Wissens der Politik für die Entscheidfindung verschiedene Szenarien anbieten oder Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und verstörende Ideen entwickeln. Gerade bei kontroversen Themen wie Gentechnik und Gewalt präsentieren die Medien ihre wenigen prominenten Forschenden häufig als parteiliche, eine bestimmte Position favorisierende Akteure. Auf die Dauer dürfte dies - wie die komplexitätsreduzierte öffentliche Vermittlung der Forschung - die Glaubwürdigkeit der Wissenschaften kaum erhöhen.

Urs Hafner

Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung

 


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