Umblättern nicht ganz einfach: Im Institut für Ägyptologie liegt das Buch ,,Description de l’Égypte" - in atemberaubender Größe

Ein Buch in XXL-Format braucht viele Hände, die es halten:   Annik Wüthrich,

Ein Buch in XXL-Format braucht viele Hände, die es halten: Annik Wüthrich, Erhart Graefe und Angelika Lohwasser (v.l.) stellen den historischen Schatz vor. © Peter Leßmann

Bücher gehören zu einer Universität wie Hieroglyphen zur Antike, sie sind eigentlich nichts besonderes. Aber bei diesem Buch - aufgeschlagen 1,65 Meter mal 1,30 Meter - war Erhart Graefe schon gleich 1986 begeistert. Damals wechselte der Professor für ägyptologe aus Freiburg an die WWU, wusste aber anfangs noch nichts von dem XXL-Schatz in seiner Bibliothek. Er musste sich sein neues Institut für ägyptologie und Koptologie, das er bis 2009 leitete, buchstäblich selbst erarbeiten. So stieß er irgendwann auf die „Description de l’égypte“ von 1826, französisch für „Beschreibung ägyptens“. Von seinem Vorgänger wurde das Exemplar nicht erwähnt. Bei dem Riesenbuch, wie man es beim ersten Anblick gern kurz und bündig umschreibt, handelt es sich um ein einzigartiges Werk - von den Ausmaßen her und vom Inhalt auch. Die Universität Münster besitzt ein Exemplar eines Nachdrucks (2. Auflage) des 1802 erstmals veröffentlichten Buches in mehreren Bänden über die Expedition des französischen Kaisers Napoléon Bonaparte nach ägypten.

„Von der 1. Auflage in dem großen, sogenannten Elefanten-Format gibt es nur noch wenige Exemplare, darunter in Museen in Kairo, Paris und London“, erzählt Dr. Annik Wüthrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der ägyptologie. Die Wissenschaftlerin ist die Hüterin der Instituts-Bibliothek sowie Kennerin und Nutzerin des großen, in einem Schrank verschlossenen Buches. Studierende kommen ein-, zweimal im Jahr daran - „nur in Ausnahmefällen“. Mit Stolz in der Stimme erzählen Erhart Graefe, Annik Wüthrich und Angelika Lohwasser, Nachfolgerin von Erhart Graefe. „Es ist schließlich die Geschichte der Geschichte. So hat die ägypotologie angefangen, so wurde sie zu einem eigenen Fach“, fasst Annik Wüthrich zusammen. „Es ist das erste wissenschaftliche Buch der Neuzeit über ägypten - der Grundstein der ägyptologie“, fügt Angelika Lohwasser hinzu. Beim Umblättern der großen Seiten sollten zwei Leute wenigstens dabei sein. Ob es das größte Buch der Welt ist, wie es ein Wissenschaftler der ULB Münster Erhart Graefe einmal sagte, kann man zwar felsenfest behaupten. Beweisen kann man es aber nicht: Laut „Guinness World Records“ besitzt das größte Exemplar die Abmessungen 3,07 Meter mal 3,42 Meter. Allerdings ist bei dem dann genannten Bildband eines Autoherstellers der Begriff Buch womöglich unpassend.

In der „Description de l’égypte“ sind Skizzen zu sehen, aufwendige wie akkurate Zeichnungen von Fauna, Flora, Menschen und grafische Darstellungen von Bauten - riesige Tempelanlagen genauso wie einfache Hütten. Hinzu kommen zum Beispiel Papyrus-Handschriften und seltene Darstellungen von Hieroglyphen in Schreibschrift. Diese beeindruckende gedruckte Reisebeschreibung bekamen früher nur wenige zu sehen: Das Werk ging ausschließlich als „Staatsgeschenk“ an Fürstenhäuser. Von einem solchen bekam es 1963 auch die hiesige Universität; sie kaufte es für 17.000 D-Mark. Von wem genau, aus oder zu welchem Anlass, ließ sich wegen zweier überschwemmungen des Institutskellers nicht mehr herausfinden.

Die Darstellungen in dem Riesenbuch entstanden bei der ägyptischen Napoléon-Expedition zwischen 1798 und 1801. Neben seiner Armee, die das ägyptische Volk von den Mamelucken (der Türkenherrschaft) befreien und die Vorzüge der Moderne und westlichen Zivilisation nach Afrika tragen sollten, hatte der nach Herrschaft über ganz Europa und den Orient strebende Franzose ein Heer an Wissenschaftlern dabei: dutzende Naturforscher, Mathematiker, Astronomen, Ingenieure. Hinzu kamen Zeichner, Künstler und Architekten sowie Gelehrte, die Latein, Griechisch und Arabisch beherrschten.

Die damalige militärische Niederlage von „Seiner Majestät, Kaiser Napoléon des Großen“, wie er später genannt wurde, ist aus heutiger Sicht vernachlässigbar angesichts der Fülle an Erkenntnissen, die „nebenbei“ gewonnen werden konnten. Durch sie zum Beispiel erfahren wir, wo der „Obelisk von Luxor“ auf der Pariser „Place de la Concorde“ früher einmal stand. Auf einem Bildnis in Napoléons Reisebeschreibung ist der Obelisk, ein meterhoher Granit-Monolith, mit seinem identischen Pendant, als Teil einer Tempelanlage zu sehen. Da war das Duo noch komplett. Ein Monolith steht immer noch dort, im „Luxor-Tempel“ in ägypten, während das heutige Pariser Stück schon wenige Jahre nach Erscheinen der „Description“ als Geschenk von König zu König aus ägypten verschwand.
Die Arbeiten bis zur Veröffentlichung des Werkes dauerten schließlich rund 20 Jahre: „43 Autoren arbeiteten mit, um die 23 Bände und 900 Farbtafeln zu schreiben. Für die ganze Publikation waren fast 300 Mitarbeiter aus verschiedenen Handwerker-Innungen erforderlich“, berichtet Annik Wüthrich.

Besondere Bücher

Die Universitätsund Landesbibliothek (ULB) hat einige Besonderheiten in ihren Beständen - hier eine Auswahl:
  • Die ULB verfügt über eine Erstausgabe von Galileo Galileis Werk „Sidereus nuncius“ („Der Sternenbote“) aus dem Jahr 1610. Die wissenschaftliche Abhandlung stand jahrhundertelang auf dem „Index librorum prohibitorum, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher“ und stammt aus der ehemaligen Klosterbibliothek in Wedinghausen.
  • Ein Sonderdruck des englischen Mathematikers und Computergenies Alan Turing mit persönlicher Widmung an einen Professor der Universität Münster (Heinrich Scholz) wurde der ULB zur dauerhaften sicheren Aufbewahrung übergeben.
  • Das kleinste Buch der ULB trägt den Titel „The Lord‘s prayer“ und misst 3,5 x 3,4 mm. Es ist das erste Buch dieser Größe, das in großer Auflage und mit ganzen Texten hergestellt wurde. Es enthält das Vaterunser in sieben Sprachen.
  • Aus dem Jahr 1476 stammt das älteste gedruckte Buch der ULB: Breviarium secundum ordinem praedicatorum. Bei der Inkunabel handelt es sich um ein Gebetsund Andachtsbuch aus dem Umfeld des Dominikanerordens.

Dieses Text stammt aus der Universitätszeitung "wissen