Berechenbarkeit auf dem grünen Rasen

Das Spiel dauert 90 Minuten - wer rechnet da-mit? 
                 Die Auftaktv

Das Spiel dauert 90 Minuten - wer rechnet da-mit? Die Auftaktveranstaltung zum dritten Quartal im Jubiläumsjahr der Universität Bonn in Hörsaal I des Uni-Hauptgebäudes war wieder sehr gut besucht. Im Mittelpunkt des neuen Quartals steht die "Welt der Zahlen". (c) Foto: Volker Lannert/Uni Bonn


Die Welt der Zahlen ist nun bis Ende September Thema des dritten Quartals im Jubiläumsjahr 2018 der Universität Bonn. Zahlen, die untrennbar mit unseren täglichen Leben verbunden sind - von der Uhrzeit über den Umgang mit Smartphone und PC bis zum Einkauf im Supermarkt.

Und auch wenn sie den einen oder anderen früher im Mathematikunterricht vielleicht genauso geärgert haben wie das Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der noch laufenden Fußballweltmeisterschaft in Russland, so war dies dem Auditorium beim Eröffnungsvortrag ,,Das Spiel dauert 90 Minuten - Wer rechnet damit?" am Montagabend in Hörsaal I nicht anzusehen. Ganz im Gegenteil: Professor Dr. Andreas Zimmer, Prorektor für Forschung und Innovation, und seine Gäste freuten sich über voll besetzte Reihen. Zudem war dieser Auftaktabend auch per Livestream auf Facebook mitzuverfolgen.

Zu diesen Gästen gehörte bei einer einführenden Gesprächsrunde auf der Bühne auch Karl-Theodor Sturm, Direktor des Hausdorff-Zentrums für Mathematik (HCM) an der Endenicher Allee. Dort tüfteln Spitzenwissenschaftler und Nachwuchskräfte an zum Teil hoch theoretischen Problemen und sind dabei mit den führenden Forschungszentren weltweit vernetzt. Eine dieser Nachwuchskräfte ist die Doktorandin Anna Katharina Kraut, die auch am Exzellenzcluster ,,ImmunoSensation" eingebunden ist. Eigentlich, so Kraut, habe sie nie daran gedacht, Mathematikerin zu werden. ,,Was mich aber heute daran fasziniert ist, was die angewandte Mathematik der Biologie und Medizin geben kann." Während Sturm beschrieb, dass er seine besten Ideen in ruhiger und entspannter Atmosphäre habe, braucht die junge Wissenschaftlerin vor allem die Diskussion mit anderen. Dabei zahle sich der hervorragende Ruf aus, den das HCM global genieße.

Zur praktischen Anwendung führte anschließend die Präsentation von Lars Lienhard, Alumnus der Universität. Er gründete 2010 zusammen mit Martin Weddemann das Unternehmen ,,Focus On Performance (FOP)" und etablierte das von ihnen entwickelte Neuro Athletc Training für deutsche und europäische Spitzensportler. So auch 2014 bei der deutschen Nationalelf in Brasilien. ,,Das ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst", blickte Lienhard zurück. Ausgangspunkt für den ehemaligen Sportwissenschaftler aus Bonn war die Erkenntnis, dass die Herangehensweise beim Athletiktraining im Spitzensport alles andere als optimal sei. Denn sie berücksichtige nur die sichtbare Leistung - den physischen Output - und die messbaren Werte, lasse aber den Eingang der Informationen und deren Verarbeitung im Gehirn weitgehend unberücksichtigt. Und genau dort setzt seine Trainingsmethode an, die Hirn und Nervensystem als bewegungssteuernde Instanzen in den Mittelpunkt rückt.

,,Die Hauptaufgabe unseres Gehirns? Das Überleben sichern", erklärte Lienhard. Das bedeute vor allem, ,,Vorhersehbarkeit zu schaffen." Das Material dazu liefern die Informationen, die über Augen und Gleichgewichtssinn, über die Tiefensensibilität (Position und Aktivität von Gelenken Muskeln und Sehnen) und über die Wahrnehmung des eigenen Körperschemas eingehen. Läuft dort etwas nicht rund, stimmt die Synchronizität zwischen linker und rechter Hirnhälfte nicht, kann es zu Einbußen in der ,,Performance" kommen. Was Lienhard auf der Bühne an einer freiwilligen Probandin aus dem Publikum demonstrierte. Ruckartig nach links und rechts schauen, den Blick halten und sich gegen Wegschubsen wehren? Das ist auf beiden Körperseiten nicht unbedingt gleich stark. Eine willkürliche Bewegung der linken Körperhälfte wird vom rechten Kortex initiiert. Zugleich ist er verantwortlich für zusätzlich die Stabilität der rechten Seite. Analog ist es für den linken Kortex, wobei das Verhältnis zwischen Stabilität und Spontanität ziemlich eindeutig bei 90 zu zehn liegt. Und hier kommt wieder die Biomathematik ins Spiel. Das Gehirn will Berechenbarkeit, und darin ist es ziemlich konsequent

Ein gutes Beispiel dafür biete der seinerzeit ebenfalls von Lienhard trainierte ehemalige Nationalspieler Per Mertesacker, der nach einem gezielt auf seine starken und schwachen physischen Seiten ausgerichteten Training die Erfolge auf dem grünen Rasen auf beeindruckende Weise habe steigern können. ,,Denn bei allem, was wir tun, ist es wichtig, den Ist-Zustand zu bewerten; also das, was tatsächlich im Gehirn ankommt", resümierte Lienhard zum Abschluss der ,,Trainingseinheit" im Hörsaal seiner ehemaligen Universität.