100 Jahre Oktoberrevolution: Ein Gastbeitrag von Historiker Eduard Mühle: Moskau beschwört den "heiligen Patriotismus"

Die Russische Oktoberrevolution war ein Schlüsselereignis der Weltgeschichte. Am 7. November 1917 (nach dem damals im Zarenreich gültigen Julianischen Kalender war es der 25. Oktober) beendete sie ein auslaufendes Zeitalter und eröffnete eine neue ära. Ihre Utopie verhieß eine glückliche Zukunft, ihre Realität brachte brutale Gewalt. Damit trug sie maßgeblich dazu bei, dass das „kurze 20.Jahrhundert“ ein „Jahrhundert der Extreme“ wurde. Das Erbe der Revolution prägte das östliche Europa bis zum Untergang der Sowjetunion und darüber hinaus. Es entfaltete aber auch jenseits des „Ostblocks“ erhebliche Wirkungsmacht - in Ländern wie China, Vietnam, Kuba, Laos und Nordkorea bestimmt es noch heute das Leben.

Für das Sowjetregime war die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ der Gründungsmythos schlechthin, für den „Sowjetmensch“ die entscheidende Grundlage seiner politischen Identität. Jahr für Jahr wurde ihr Jahrestag entsprechend pompös gefeiert - bis er 2005 in der Versenkung verschwand. Die Deutung der Ereignisse als revolutionärer Sieg des Proletariats hatte ausgedient. Die autoritäre Politik des aktuellen russischen Präsidenten, Wladimir Putin, und seine Träume von einer Wiederherstellung des verlorenen (zaristischen und/oder sowjetischen) Großmachtstatus verlangten nach anderen historischen Erzählungen.

So verschob man den gewohnten November-Feiertag vom 7. auf den 4. November und erfand einen „Tag der nationalen Einheit“, an dem seither anstatt der Oktoberrevolution der Befreiung Moskaus von polnisch-litauischer Eroberung im Jahr 1612 gedacht wird. Nicht an die (gescheiterte) Utopie einer neuen Gesellschaft (und ihre Schrecken) wird seither (kritisch und selbstreflexiv) erinnert. Vielmehr wird die Größe russischer Staatlichkeit und der Erfolg nationaler Selbstbehauptung gegenüber westlicher Intervention gefeiert.

Dass das offizielle russische Gedenken an die Oktoberrevolution anlässlich ihres 100. Jahrestages eher zurückhaltend ausfällt, ist aber nicht nur die Folge einer gewandelten Geschichtspolitik. Die Oktoberrevolution hatte seinerzeit schließlich auf soziale Missstände, wirtschaftlichen Mangel, politische Unterdrückung und autokratische Willkür und Unfähigkeit reagiert. So wurde 1917 eine ungeliebte Staatsführung beseitigt, die für sich nicht weniger Legitimität in Anspruch nahm als das heutige Regime Wladimir Putins. Angesichts wachsender Proteste im eigenen Land und jüngerer revolutionärer Bewegungen wie der Rosenrevolution in Georgien (2003), der Tulpenrevolution in Kirgisien (2005), der Orangen Revolution in der Ukraine (2004/2013) und dem Arabischen Frühling (2010) scheint das Stichwort „Revolution“ im Kreml eher ungute Gefühle zu wecken

Jedenfalls scheinen Putin und seine regimetreuen Eliten die Erinnerung an den Durchsetzungserfolg der Oktoberrevolution lieber nicht allzu hoch hängen zu wollen. Wer weiß, welche Wirkungen von einer solchen Erinnerung heute ausgehen könnten?

Andererseits können sie den 100. Jahrestag des welthistorischen Ereignisses, an das auch international mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen (u. a. im Deutschen Historischen Museum in Berlin) erinnert wird, auch nicht einfach ignorieren. So sucht man einmal mehr Zuflucht in der Umdeutung. Die Revolution war danach weder der verheißungsvolle, wenn auch bald gescheiterte Aufbruch in eine neue, bessere Zeit noch ein von Anfang an verbrecherisches Unrechtsunternehmen.

Stattdessen präsentiert man sie und die Zeit zwischen Februarrevolution 1917 und Beendigung des auf die Oktoberrevolution folgenden Bürgerkrieges (1922/23) als eine komplex-komplizierte übergangszeit, eine neue „Zeit der Wirren“, wie sie schon einmal - im frühen 17.Jahrhundert - zwei Perioden großartiger russischer Staatlichkeit und Machtfülle getrennt habe. Auf diese Weise lässt sich die Revolution auf den letztlich erfolglosen Versuch reduzieren, die 1000-jährige historische Mission Russlands zu unterminieren. Die entscheidende Lehre aus diesem „Störfall der Geschichte“ sei die Einsicht in die Notwendigkeit einer nationalen Versöhnung.

Nicht die Erinnerung an den politischen Umsturz - so der russische Kulturminister Wladimir Medinski schon im November 2015 - dürfe das Gedenken bestimmen, sondern der Gedanke an jenen „heiligen Patriotismus“, der beide Konfliktparteien des Bürgerkrieges, die „weißen“ Verteidiger des zaristischen Regimes ebenso wie die „roten“ revolutionären Bolschewiki, geleitet habe.

Revolution und Bürgerkrieg erweisen sich in dieser Sicht als ein geradezu tragisches Geschehen, das zwar gänzlich überflüssig gewesen sei (so Wladimir Putin), aber wenigstens insofern auch sein Gutes gehabt habe, als es zur Etablierung einer mächtigen Sowjetunion und damit zu einem weiteren Sieg des historischen Russland geführt habe. So wird auch die Oktoberrevolution geschickt in die Redeweise vom starken Staat eingebunden und das Gedenken an sie zur Legitimierung des hegemonialen russischen Machtanspruches instrumentalisiert.

Eduard Mühle ist Direktor der Abteilung für Osteuropäische Geschichte am Historischen Seminar der WWU. Im August 2017 ist im C. H. Beck-Verlag sein neues Buch „Die Slawen“ erschienen. Darin schildert Eduard Mühle die Geschichte der slawischen Bevölkerungsgruppen, zu denen Polen, Tschechen, Slowaken, Russen, Ukrainer, Kroaten, Bosnier und Serben gehören, vom 6. bis zum 20. Jahrhundert.

Dieses Gastbeitrag erschien in der Universitätszeitung "wissen