WWU-Angehörige schildern ihre Erinnerungen an den Mauerfall: Umfrage

Detlef Pollack © WWU - Brigitte Heeke

Detlef Pollack © WWU - Brigitte Heeke

„Alles wurde anders“

Am 9. November 1989 war ich in der Schweiz. Vom Theologischen Seminar der Zürcher Universität hatte ich ein Stipendium erhalten „Providentiae memor“ (eingedenk der Vorsehung), das mich für ein Semester von Leipzig nach Zürich führte. Jeden Tag ging ich vom Studentenhaus zum Theologischen Seminar, vorbei am bundesdeutschen Konsulat, das mir mächtigen Respekt einflößte und mich als der Ort, an dem ich wohl meinen Ausreiseantrag zu stellen hätte, zugleich mächtig anzog, vorbei auch am ehemaligen Wohnhaus Zwinglis. Als ich am Morgen des 10. in der Neuen Züricher Zeitung die Nachricht las, die Mauer sei gefallen, vermochte ich es erst nicht zu glauben. Ich war allein an diesem Morgen und konnte mein zweifelndes Staunen mit niemandem teilen. Wieder ging ich die Gasse zum Theologischen Seminar entlang, vorbei am Konsulat der Bundesrepublik, das seinen anziehenden Schrecken auf einmal verloren hatte. Ich konnte es nicht fassen, dass wir geschundenen DDR-Bürger nun zum großen Westen dazugehören sollten, dass wir die Bücher, die uns interessierten, nun lesen und an den Debatten des Westens teilhaben durften. Waren nicht selbst diese göttergleichen Frauen, die man aus der Werbung kannte, jetzt möglicherweise erreichbar? Alles würde anders werden. Alles wurde anders.

Detlef Pollack, Institut für Soziologie

„Der Beginn meines freien Lebens“
Abgesehen davon, dass ich - im Abitur befindlich - den ergreifenden Abend des 9. Novembers 1989 in Ost-Berlin (!) verschlief, ist dieses Datum für mich der Beginn eines zweiten und meines freien Lebens. Davon ausgehend begleiten mich bis heute zwei Erlebnisse oder Einschnitte. Zum einen der Besuch Anfang der 1990er-Jahre des (gebürtigen ostdeutschen) damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher in Münster, der uns in der schwierigen Phase der Ost-West-Annäherung aufforderte, einander die private (Lebens-)Geschichte zu erzählen - und sich so näherzukommen. Ein Rat, den ich seit 1991 (WWU-Studienbeginn) immer wieder „befolgte“. Zum anderen eine Weisheit Jean-Jaques Rousseaus, die - frei übersetzt - für mich der Inbegriff des DDR-Endes ist: Die Freiheit liegt nicht darin, zu tun was ich will, sondern nicht zu tun, was ich nicht will.

Juliane Albrecht, Stabsstelle Kommunikation und öffentlichkeitsarbeit

„Unglaubliche Entwicklungen“

Uns in den 1970er-Jahren geborenen Rheinländern war die DDR ungefähr so fremd wie Polen oder die Tschechoslowakei. Nur bei den Olympischen Spielen wurde man durch die sportlichen Erfolge der DDR-Athleten an dieses zweite Deutschland erinnert, mit dem man aber kaum konkrete Vorstellungen verbinden konnte. Deutschland schien nur einen Norden und Süden, aber keinen Osten zu haben. Dunkel hörte man von „Zonenrandgebieten“, Zäunen und Schießanlagen. Das schien für alle Zeiten das Ende der bekannten Welt zu sein. Dann aber kamen Gorbatschow, liebevoll „Gorbi“ genannt, Montagsdemonstrationen, und scheinbar felsenfeste Regime gerieten ins Wanken. Im Jahr 1989 konnte man beim Nachrichtenschauen regelrecht euphorisch werden. Mit minimalistischer Tagesschau-Mimik wurden dort Woche für Woche unglaubliche Entwicklungen präsentiert. Und dann der 10. November 1989: Ich komme aus der Schule nach Hause getrottet, und meine Mutter stürmt mir mit Tränen in den Augen entgegen: „Junge, die Mauer ist gefallen!“

Dr. Kai Reinhart, Institut für Sportwissenschaft

„Privileg, ohne Mauer aufzuwachsen“

Zum Mauerfall direkt habe ich keine Verbindung. Zum einen bin ich erst zehn Jahre später geboren, zum anderen war meine Familie nie von der Teilung betroffen, sodass sie nie ein Thema war. Den Mauerfall kenne ich lediglich aus den üblichen Fernsehbildern von Genscher auf dem Balkon und jubelnden Menschen, die sich glücklich in die Arme fallen, während David Hasselhoff „Looking for Freedom“ singt. Aber ich war schon oft in Berlin und habe dort einige Gedenkstätten wie zum Beispiel die Bernauer Straße besucht. Die persönlichen Fluchtgeschichten einzelner Menschen bewegen mich besonders. Ich bin froh, das Privileg zu haben, ohne Mauer aufwachsen zu dürfen und sehe mich und meine Generation in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass wir auch in Zukunft friedlich zusammenleben können.

Marie-Charlott Hallier, Studentin Kommunikationswissenschaft

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen

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