Wohin die Liebe fällt oder nicht fallen durfte

’Liebe verwalten’: das Buch von Christoph Lorke © WWU

’Liebe verwalten’: das Buch von Christoph Lorke © WWU

Auch heute ist es nicht abwegig, dass Familienmitglieder Ablehnung oder Vorbehalte äußern, wenn der Nachwuchs einen fremdländischen Partner oder eine Partnerin anderer Herkunft vorstellt. Wo solche gedanklichen Rassismen ihren Ursprung haben und wie Deutschland einst mit binationalen Ehen umging, zeigt Historiker und Christoph Lorke, Wissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), in seinem jüngst erschienenen Buch "Liebe verwalten. ’Ausländerehen’ in Deutschland 1870-1945".

Der Autor geht noch einen Schritt weiter und zeigt, welche Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen sind: "Die Politisierung des Intimen, also die in der Vergangenheit verhinderten oder verfolgten Eheschließungen Deutscher mit Nichtdeutschen, bietet einen Seismographen, um heutigen Rassismus aufzudecken und ihn künftig zu verhindern."

Die Monographie über "intime Grenzüberschreitungen" zwischen Kaiserreich und Ende des Zweiten Weltkrieges kombiniert migrations-, geschlechterund demografiegeschichtliche Ansätze und erzählt erstmals die Geschichte und den Umgang mit binationalen Ehen. "Solche Partnerschaften wurden in der deutschen Geschichte sehr lange problematisiert und mit Skepsis, Argwohn und Ablehnung betrachtet. In der christlich geprägten Gesellschaft hieß es zum Beispiel lange: ’Mit Eheverboten schützen wir unsere Frauen’", sagt der Wissenschaftler. "Teilweise waren bestimmte Ehen verboten oder wurden mit bürokratischen Verzögerungen bekämpft. Sie galten als eine nicht zulässige Art der ’Grenzüberschreitung’".

Christoph Lorke arbeitete über Jahre in verschiedenen regionalen und kommunalen Archiven deutschlandweit, um den Umgang mit geplanten Eheschließungen zu ergründen: Wie lange dauerten die Verfahren, welche Belege mussten beigebracht werden, wer musste zustimmen? Die "Kärrnerarbeit", wie er seine Forschungen beschreibt, mündete schließlich in ein mit Anhängen rund 700 Seiten starkes Werk.

Aus Sicht des Wissenschaftlers am Historischen Seminar der WWU sind binationale Partnerschaften oftmals ein Gradmesser für den Umgang einer Gesellschaft mit Fremdheit und Diversität, mit Minderheiten und Rassismus. "Das Wissen um den teils kruden Umgang in der Vergangenheit kann uns heute lehren, wie wir mit Gewalt gegen Dunkelhäutige - Stichwort ’Black Lives Matter’ - mit Diskriminierung oder Frauenfeindlichkeit und noch immer ’institutionalisierten Rassismen’ umgehen." Christoph Lorke sieht seine Erkenntnisse als Ausgangspunkt, das "eingeübte" Denken über das Eigene und das Fremde zu hinterfragen.

Die Statistik weist hinsichtlich binationaler Ehen mittlerweile Bewegung auf: Waren im Untersuchungszeitraum je nach Region zwei bis acht Prozent der Trauungen, also weniger als jede zehnte Ehe, mit einem nicht deutschen Partner oder einer nicht deutschen Partnerin geschlossen, sei heute hierzulande rund jede siebte Ehe binational. "Und die Kurve geht weiter nach oben", ergänzt der Historiker.

Christoph Lorke bekleidet im Wintersemester 2020/21 in Vertretung von Olaf Blaschke dessen Professur für Neuere und Neueste Geschichte. Das Buch ist die gedruckte Fassung seiner Habilitationsschrift und in der vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS/Universität Osnabrück) herausgegebenen Reihe "Studien zur historischen Migrationsforschung" erschienen.

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