Wer fühlt sich in seinem Kiez sicher?

Mehr als 21 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund lebten nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung im Jahr 2019 in Deutschland. Vor allem in Großstädten gibt es Wohnquartiere mit einem Überproportional migrantisch geprägten Bevölkerungsanteil. Das kann zu einer Segregation führen, sodass bestimmte Bevölkerungsgruppen aus ähnlichen sozialen Schichten oder auch mit ähnlicher Herkunft verstärkt unter sich bleiben.

Medienberichte über die Kriminalität und Gewaltdelikte in solchen Wohngegenden befeuern oft Vorurteile. Doch wie sicher fühlen sich die Personen, die in diesen Quartieren leben, arbeiten oder zu Besuch sind? Soziologen der WWU befragten dazu rund 300 Quartiersnutzer, wie sie ihre Umgebung wahrnehmen und welche Meinungen und Ansichten sie vertreten.

Dazu führten die Wissenschaftler im Rahmen des Forschungsprojekts "Migration und Sicherheit in der Stadt" standardisierte Passanten-Befragungen durch. In vier deutschen Großstädten - in Berlin und in den Regionen Niedersachsen, Rhein-Mainund Ruhrgebiet - interviewten sie über 300 Personen. "Migrantisch geprägte Wohngegenden wurden in bisherigen Forschung kaum berücksichtigt", sagt Studienleiter Dr. Marko Heyse vom Institut für Soziologie. "Für uns war es wichtig vor Ort zu sein, um die Menschen direkt anzusprechen und zu erreichen, die bei vielen anderen Befragungen nicht erfasst werden." Dazu verstärkten sie ihr Team mit Personen, die unter anderem Türkisch, Arabisch und Russisch sprechen, um mögliche Sprachbarrieren auszuschließen und Vertrauen zu den Befragten aufzubauen.

Für uns war es wichtig vor Ort zu sein, um die Menschen direkt anzusprechen und zu erreichen, die bei vielen anderen Befragungen nicht erfasst werden.


Ein zentrales Ergebnis der Umfrage ist: Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) schätzen die Wohnviertel als sicher ein. 18 Prozent beurteilen das Viertel als grundsätzlich unsicher, die restlichen Personen haben eine differenzierte Meinung zur Quartierssicherheit. "Interessant ist dabei, dass der eigene Migrationshintergrund der Befragten die quartiersbezogene Sicherheitseinschätzung nicht zu erklären vermag", erklärt Marko Heyse das Ergebnis.

Erst eine feinere Analyse zeigt, dass Frauen ohne Migrationshintergrund die Quartiere signifikant häufiger als unsicher bewerteten als alle anderen. Auch Personen, die Opfer einer Straftat wurden, finanzielle Sorgen haben, weniger als fünf Jahre im Viertel wohnen und in größeren Haushalten leben, haben eine geringere Sicherheitseinschätzung - im Gegensatz zu Personen, die ein großes Netzwerk aus Freunden, Bekannten und Angehörigen im Quartier haben und gut integriert sind.

Bei der Datenbasis handelt es sich nicht um eine statistisch repräsentative Stichprobe - und das sei auch nicht das Ziel gewesen, betonen die Wissenschaftler. Vielmehr sei diese "explorative Analyse" ein wichtiger Baustein, der die Studien der anderen Teilvorhaben innerhalb des Projekts ergänzt. "Die Forschungserkenntnisse wurden kürzlich auf einer Konferenz vorgestellt, bei der auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul und Vertreter aus Wissenschaft, Kommunen, Polizei, Ministerien, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen teilnahmen", betont Projektmitarbeiter Dr. Luigi Droste. "Da man in der kriminologischen und stadtsoziologischen Forschung über die subjektive Sicherheitseinschätzung in migrantisch geprägten Wohngegenden relativ wenig weiß, trägt unsere dem Kontext angemessene Datenerhebung dazu bei, einige ‚blinde Flecken’ in der Forschungslandschaft aufzuhellen", ordnet Luigi Droste die Studie ein.

Finanziert wurde das Vorhaben seit Herbst 2018 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Schon in der Projektlaufzeit waren viele Praktiker bei der Planung des Forschungs-Designs dabei - zum Beispiel bei der Entwicklung des Fragebogens. "Vor allem die Stadtverwaltung, etwa die Mitarbeiter in den Sozialämtern, dürften von unseren Erkenntnissen und Handreichungen profitieren und quartiersspezifische Maßnahmen ableiten", betont Marko Heyse.

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