Was passiert, wenn Wissenschaftler für Laien schreiben?

Irina Dumitrescu vom Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Un

Irina Dumitrescu vom Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn. (c) Irina Dumitrescu

Welchen Missverständnissen erliegen Wissenschaftler, wenn sie laiengerecht für die breite Öffentlichkeit schreiben? Populäre Schriften sollten genauso den wissenschaftlichen Standards genügen, aber viel leichter zu lesen sein, findet Irina Dumitrescu vom Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn. Kürzlich hat sie in ,,The Chronicle of Higher Education" einen Artikel darüber geschrieben. Johanna Günther, studentische Mitarbeiterin im Dezernat Hochschulkommunikation, hat die Wissenschaftlerin dazu befragt.

Unter dem englischen Ausdruck ,,public writing" ist in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen. Er beschreibt Texte, die wissenschaftliche Forschung einem breiteren Publikum zugänglich machen. Zum Beispiel ein Artikel, der erklärt, wie die eigene Forschung ein aktuelles Thema erhellt. Die Mediävistin Sonja Drimmer hat genau das in einem Text für The Atlantic gemacht. In ,,Melania Trump Plays the Role of Medieval Queen" ( www.theatlantic.com/­ideas/archive/2018/06/trumps-medieval-queen/563381/ ) setzt sie die Fürbitte der First Lady für eine gerechtere Behandlung der Flüchtlinge in den USA in die Tradition weiblicher Einflussnahme im Mittelalter. Ich verstehe unter ,,public writing" aber alle Arten des Schreibens, die nicht an meine Fachkollegen gerichtet sind.

Wie können Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse für die Öffentlichkeit sichtbar machen?

Neue Monographien lassen sich in Fachzeitschriften besprechen, aber auch in Zeitungen oder Zeitschriften. Auch Blogs gehören zu dieser Kategorie, und sind eine wunderbare Art, Wissen zu verbreiten - und zwar viel schneller als Wissenschaftler es gewöhnt sind. 

Wo haben Sie Ihre Public-Writing-Produktionen veröffentlicht?

Seit mehr als zehn Jahren schreibe ich für die Öffentlichkeit, hauptsächlich Essays zum Thema ,,Essen". Noch nicht so lange publiziere ich längere Aufsätze sowohl in der Mediävistik als auch in anderen Themenfeldern in London Review of Books sowie in Times Literary Supplement und rezensiere Bücher in The New York Times. 

Welcher Ihrer Texte hat den größten Anklang beim Lesepublikum gefunden?

Der Text mit der bisher größten Resonanz hat nichts mit meiner Forschung zu tun: In "My Father and the Wine" beschreibe ich die Hausproduktion von Gurken, Schnaps und Wein, die ich als Jugendliche miterlebt habe. Das hat selbstverständlich mehr Leser interessiert, als meine Überlegungen zur Latein-Didaktik im Frühmittelalter.

Auf was achten Sie, wenn Sie ein wissenschaftliches Thema einem Laien-Publikum nahe bringen wollen?

Als Wissenschaftlerin lese ich Fachtexte immer mit einem kritischen Auge. Wir werden ja dafür im Studium ausgebildet, Lücken in der Argumentation, unlogische Rückschlüsse, ungenaue Begrifflichkeiten und fehlende Literaturangaben zu erkennen. Laien lesen, weil sie etwas lernen wollen oder weil sie sich Unterhaltung wünschen. Kritik steht hierbei lediglich an zweiter Stelle. Ein wissenschaftlicher Text richtet sich an Leser, die wenig Hintergrund brauchen, die aber höchstpräzise Formulierungen verlangen. Dagegen brauchen Laien - und darunter meine ich auch Wissenschaftler, die etwas aus einem fremden Fach lesen - mehrere Erklärungen und eine klare, im besten Fall schöne Sprache. 

Lassen sich diese zwei Zielgruppen immer voneinander trennen? 

Es ist tatsächlich schwierig, beide Arten von Lesern mit demselben Text glücklich zu machen. Der Fachkollege wird sich in der Regel über Ungenauigkeiten ärgern - Laien finden fachbezogene Debatten eher langweilig. Ich würde mir aber wünschen, dass Wissenschaftler insgesamt mehr Toleranz für die Eigenschaften des "public writings" entwickeln. Ich finde es angemessen, dass wir zumindest einen Teil unseres Wissens denjenigen Menschen zugänglich machen, die unsere Arbeit mit ihren Steuern unterstützen. Schreiben für die Öffentlichkeit gehört eben dazu.

Wo gibt es Ihrer Erfahrung nach die meisten Konflikte zwischen Schreibenden und Redaktionen? 

Wissenschaftler haben viel Freiheit beim Verfassen ihrer Texte. Natürlich sind einige Korrekturen erforderlich, um den Fachgutachter zu beruhigen. Aber wir entscheiden meistens selbst, was wir kommunizieren möchten und wie wir es ausdrücken wollen. Bei Zeitungen oder Zeitschriften sieht es anders aus. Viele Redakteure gehen davon aus, dass sie meinen Aufsatz mitgestalten werden. Die meisten wollen zuerst keinen fertigen Text, sondern einen "Pitch", in dem ich beschreibe, was ich vorhabe. Redakteure helfen dem Schreibenden, den Artikel zu strukturieren. Sie scheuen sich nicht, ganze Abschnitte zu streichen oder neue Sätze einzufügen. 

Um ehrlich zu sein, war diese Arbeitsweise am Anfang gar nicht leicht zu ertragen. Ich mochte meine eigene Prosa und wollte meine Ideen mit derselben Genauigkeit vermitteln, wie in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Inzwischen habe ich gelernt, die Zusammenarbeit mit der Redaktion zu schätzen. Schließlich habe ich immer noch das Recht, einen redaktionellen Vorschlag abzulehnen. Es ist aber viel leichter zu schreiben, wenn ich einen kompetenten Redakteur an meiner Seite weiß. 


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