Von Eltern unbemerkt: Kinder ertrinken still

Michael Sasse, Leitender Oberarzt mit Schwerpunkt Pädiatrische Intensivmedizin.

Michael Sasse, Leitender Oberarzt mit Schwerpunkt Pädiatrische Intensivmedizin. Copyright: Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin/MHH

Kein Schreien und wildes Umsichschlagen - Kinder ertrinken anders, nämlich still. Im Interview erklärt Sasse, warum das so ist und worauf Eltern unbedingt achten sollten.

Laut Statistik ist das Ertrinken die zweithäufigste unfallbedingte Todesursache bei Kindern unter vier Jahren. Eltern sollten die Gefahr nicht unterschätzen und ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt im Wasser plantschen lassen, mahnt Dr. Michael Sasse, Leitender Oberarzt in der MHH-Kinderklinik. Zumal eine Gefahr nicht gleich ersichtlich ist, denn Kinder ertrinken anders als oft gedacht - still, ohne Schreien und Wedeln mit den Armen.

Frage: Herr Dr. Sasse, warum ertrinken Kinder still?

Dr. Sasse: Aufgrund eines Reflexes passieren drei Dinge gleichzeitig: Vor allem junge Kleinkinder halten beim Eintauchen des Gesichtes in Wasser die Luft an. Die Atmung ist blockiert. Deshalb können sie selbst in flachen Bächen ertrinken, ohne dass der ganze Körper unter Wasser ist. Gleichzeitig verschließen sich die Stimmritzen im Kehlkopf - um Hilfe schreien ist unmöglich. Zusätzlich hören die Kinder auf, sich zu bewegen. Sie ertrinken, ohne sich gegen das Ertrinken zu wehren.

Warum gibt es diesen Reflex?

Dr. Sasse: Es ist eigentlich eine Schutzmaßnahme, damit kein Wasser in die Lunge gelangt. Besonders in den ersten vier Lebensjahren tritt dieses Problem auf, in seltenen Fällen auch im späteren Alter. Wie viele andere angeborene Reflexe im Kindesalter, verschwindet dieser Reflex mit zunehmender neurologischer Reife des Kindes.

Was genau passiert beim Ertrinken im Körper?

Dr. Sasse: Ausschlaggebend ist der Sauerstoffmangel. Bereits nach wenigen Sekunden werden die Kinder bewusstlos. Der Sauerstoffmangel führt vor allem sehr schnell zu Hirnschädigungen, die schon nach drei Minuten auftreten. Auch die anderen inneren Organe verlieren durch den Sauerstoffmangel ihre Funktion. Sie können aber besser ohne bleibende Schäden wiederbelebt werden als das Gehirn. Bevor alle Reflexe der Kinder erlöschen, atmen sie am Ende noch das umgebende Wasser ein. Dies führt im Verlauf oft zu Lungenentzündungen, die die Intensivmedizin aber meistens gut behandeln kann. Die Kinder unterkühlen im Wasser auch sehr schnell. Zusammen mit dem Sauerstoffmangel führt das dann zu einem Herzstillstand.
Je früher ein Kind gerettet und mit Beatmung und Herzdruckmassage wiederbelebt wird, umso besser. Eltern sollten daher diese Notfalltechniken beherrschen.

Wie behandeln Sie an der MHH Kinder nach Badeunfällen?

Dr. Sasse: Die MHH kann ertrunkene Kinder als einige der wenigen Kliniken in Deutschland mit einer Herz-Lungen Maschine unterstützen. Die Herzund Lungenfunktion wird damit für einige Tage aufrechterhalten, bis die Organe sich erholt haben. Außerdem werden an der Maschine die stark unterkühlten Kinder langsam und kontrolliert wieder aufgewärmt. Ansonsten wird mit Medikamenten die Organfunktion unterstützt und Antibiotika gegen Infektionen verabreicht. Die Kinder werden in ein künstliches Koma versetzt, damit das Gehirn sich in Ruhe erholen kann.

Wie oft haben Sie an der MHH mit Badeunfällen von Kindern zu tun?

Dr. Sasse: Im Jahr behandelt die MHH ca. vier bis acht Kinder auf der Intensivstation nach Ertrinkungsunfällen. Fast alle diese Kinder sind Kleinkinder oder ältere Kinder, die nicht schwimmen gelernt haben. Auf einen frühen Schwimmunterricht ist daher bei den Kindern besonders zu achten. Ansonsten sollte man auch den eigenen Gartenteich ohne Wasser lassen und auf Regentonnen verzichten, wenn die eigenen Kinder noch klein sind. Denn diese beiden Wasserreservoire sind für Kleinkinder besonders gefährlich. Grundsätzlich ist Wasser in der Nähe von Kindern, die nicht schwimmen können, sehr gefährlich. Die Aufsicht durch die Eltern muss dann lückenlos sein.

Es gibt auch das sogenannte zweite Ertrinken. Was ist das?

Dr. Sasse: Dies tritt bei Kindern auf, die bei einem "Beinahe-Ertrinken" Wasser in die Lunge eingeatmet haben. Mit einer Verzögerung von einigen Stunden bis zu zwei Tagen kann dies zu einer chemischen Reizung der Lunge und einem Lungenversagen führen. Dies kommt aber nur selten vor.

Woran erkennt man die ersten Symptome des "zweiten Ertrinkens"

Dr. Sasse: Die Kinder bekommen mit einer gewissen zeitliche Verzögerung nach dem Einatmen von Wasser zunehmende Luftnot. Ihre Atemfrequenz erhöht sich und sie müssen sich viel mehr anstrengen, um genügend Luft einatmen zu können. Sie haben dann oft Angst und manchmal werden aufgrund eines Sauerstoffmangels ihre Lippen und die Zunge blau.

Wann sollte man sich als Eltern nach einem Badeunfall Sorgen machen und was kann man tun?

Dr. Sasse: Bei Atemproblemen der Kinder sollte unbedingt sofort ein Arzt aufgesucht werden. Grundsätzlich gilt, dass nach "Beinahe-Ertrinken" die Kinder zur Vorsicht einmal untersucht werden sollten. Zeigen die Kinder neurologische Symptome wie Schläfrigkeit oder sind sie nicht mehr gut kontaktierbar, muss sofort ein Notarzt hinzu gerufen werden.

Die Fragen stellte Vanessa Meyer/MHH


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