Unvorteilhaftes fällt gerne weg

Martina Wagner-Egelhaaf mit ihrem Handbuch der Autobiografie/Autofiktion. © WWU

Martina Wagner-Egelhaaf mit ihrem Handbuch der Autobiografie/Autofiktion. © WWU - MünsterView

Die reine Wahrheit? Franz Beckenbauer versprach einst, Einblicke in seine Beziehungen zu Frauen, sein Verhältnis zum Geld und den Umgang mit Mannschaftskollegen preiszugeben: „Ich - Wie es wirklich war“, lautete der vielsagende Titel seiner Autobiografie, die 1992 erschien. Musiker Wolfgang Niedecken schrieb gar mehrmals über sich selbst und stellte dabei seinen Lesern sich und sein Leben immer wieder anders dar. Auch Politikerin Hillary Clinton veröffentlichte gleich mehrere Biografien. „Die Buch-Verlage wissen: Autobiografien kann man gut verkaufen“, urteilt Martina Wagner-Egelhaaf. Die Literaturwissenschaftlerin hat jüngst auf Englisch das dreibändige, 2100 Seiten umfassende „Handbook of Autobiography/Autofiction“ (Handbuch der Autobiografie/Autofiktion) herausgegeben, das umfassend über Theorie und Geschichte der Autobiografie sowie autofiktionaler Formate informiert. Als bisher einziges seiner Art berücksichtigt es dabei die autobiografische Gattung weltweit.

Martina Wagner-Egelhaaf studierte von 1976 bis 1987 Germanistik und Geschichte in Tübingen und London. Bei der Arbeit an ihrer Habilitationsschrift an der Universität Konstanz stieß sie 1994 erstmals auf das Thema „literarische Biografien“. Seit die Württembergerin 1998 nach Münster kam, hat sie mehrfach Vorlesungen über die Theorie und Geschichte der Autobiografie gehalten und bereits im Jahr 2000 ein Buch mit dem Titel „Autobiographie“ veröffentlicht. „Wenn Menschen über sich selbst schreiben, dann ist das eine ausgesprochen reizvolle Literaturgattung“, begründet sie ihr Interesse. „Wir alle denken ja über uns selbst nach, aber können wir das auch unvoreingenommen tun? Authentizität - gibt es das überhaupt?“ Die Antwort lautet: natürlich nicht. Ausnahmslos jeder ist subjektiv voreingenommen und lässt gern Unvorteilhaftes weg. Das war selbst bei den großen Autoren nicht anders. „Auch Augustinus, Jean-Jacques Rousseau oder Johann Wolfgang von Goethe sehen sich selbst nicht objektiv oder neutral, sondern wollen in der öffentlichkeit und in der Nachwelt möglichst positiv dastehen“, weiß die Professorin. „Eine Autobiografie ist immer selektiv.“

Den ersten zusammenhängenden Lebensbericht von der Geburt bis zum Zeitpunkt der Niederschrift verfasste Augustinus, der im Laufe der Geschichte viele Nachahmer finden sollte. „Ob es sich bei seinen ,Confessiones‘ allerdings um eine Autobiografie oder einen theologischen Traktat handelt, ist zwischen Literaturwissenschaft und Theologie umstritten“, kommentiert Martina Wagner-Egelhaaf. Im Mittelalter waren es dann vor allem starke Frauen wie Teresa von Avila und Mechthild von Magdeburg, die mit Berichten über ihre mystischen Erlebnisse hervortraten. Im 17. und 18.Jahrhundert blühte die religiöse Autobiografie mächtig auf. Ganz stark orientierte sich auch Jean-Jacques Rousseau in seinen „Confessions“ an dem berühmten Heiligen, indem er sich breit über seine jugendlichen Fehltritte und die spätere moralische Besserung ausließ. „Dieses Konversionsmuster findet man auch beim früheren US-Präsidenten George Bush junior und in den ,Bekenntnissen‘ der Rocksängerin Nina Hagen“, erläutert die Professorin. Prägend für die Gattung wurde schließlich im 19.Jahrhundert Goethes „Dichtung und Wahrheit“, das schon im Titel seine Zielrichtung andeutet: Die Wahrheit geht nach Goethes Ansicht nicht in der Schilderung alltäglicher Kleinigkeiten auf, denn das wäre für den Leser wenig attraktiv. Vielmehr kommt die ‚höhere‘ Wahrheit eines Lebens Goethe zufolge erst durch die Dichtung zum Vorschein. „Goethe hat erkannt: Man muss zusammenfassen und das Leben in passende Bilder und Symbole kleiden“, betont Martina Wagner-Egelhaaf. „Deshalb hat er die Reihenfolge seiner Erlebnisse teilweise umgestellt und manches sogar frei erfunden.“

Heutzutage veröffentlichen nicht nur Literaten, sondern auch Politiker und Schauspieler, Musiker, Sportler und Wirtschaftsbosse Autobiografien, die auf ein großes Leseinteresse stoßen. „Viele von ihnen greifen gängige Muster auf und lassen ihre Bücher von Ghostwritern schreiben“, erklärt Martina Wagner-Egelhaaf. „Literarisch betrachtet ist das oft belanglos, aber die Fans lieben es, scheinbar intime Details über ihre Stars zu erfahren.“ Das von der Expertin herausgegebene interdisziplinäre Handbuch, das Beiträge aus der Sicht der Theologie, Philosophie, Religionswissenschaft, Soziologie, Psychoanalyse, Kunstgeschichte sowie Geschichtsund Literaturwissenschaft enthält, macht anschaulich, welche Vielzahl von Formen und Kategorien das autobiografische Schreiben im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat. Comics, Bilder, Filme, Theaterstücke und musikalische Werke, der Tanz und sogar Häuser können die Persönlichkeit in besonderer Weise zum Ausdruck bringen und finden deshalb als „autobiografische Medien“ im Handbuch Berücksichtigung. Damit nicht genug, bietet das groß angelegte Opus zum ersten Mal überhaupt eine Geschichte der Autobiografie rund um den Globus.

Und was hat es mit dem Phänomen unserer Tage auf sich, nämlich, dass auch „Menschen wie du und ich“ den Drang verspüren, in darauf spezialisierten Verlagen ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen, und dass die jüngere Generation jede kleinste Kleinigkeit ihres Alltags im Internet offenlegt? „Das zeigt: Das Autobiografische lebt und ist aktueller denn je“, sagt Martina Wagner-Egelhaaf.

: Gerd Felder

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung „wissen

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