Über unsere Verhältnisse

Sonnenuntergang über mediterraner Landschaft 
Foto: Pixabay

Sonnenuntergang über mediterraner Landschaft Foto: Pixabay

Am 1. August ist Earth Overshoot Day. Ab dann häufen wir ökologisch Schulden an. Anthropologische Erkenntnisse können uns helfen umzusteuern.

Herr Professor Niewöhner, am 1. August findet der Earth Overshoot Day statt. Was hat es mit diesem Datum auf sich?

Prof. Niewöhner: An diesem Tag hat die Menschheit jene Ressourcen verbraucht, die unser Ökosystem uns innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann. Das lässt sich an vielen konkreten Beispielen berechnen. Wir wissen zum Beispiel, wie viel Wald global existiert und wie viel davon in diesem Jahr bereits abgeholzt wurde. Wenn wir innerhalb einiger Monate mehr abholzen, als innerhalb eines Jahres nachwachsen kann, leben wir ab diesem Punkt über unsere Verhältnisse. Das lässt sich auch in der Agrarwirtschaft oder in der Fischerei berechnen. In sehr vielen Bereichen übersteigt unser Verbrauch die Biokapazität der Erde, also unsere natürlichen Ressourcen. Global betrachtet und im Durchschnitt ist das in diesem Jahr am 1. August der Fall. Ab dann machen wir ökologisch sozusagen Schulden. Dieser Tag lag 1971 noch am 21. Dezember und schiebt sich jedes Jahr weiter nach vorne.

Warum befassen Sie als Anthropologe sich mit diesem naturwissenschaftlichen Thema?

Der Raubbau des Menschen an seiner Umwelt ist nicht bloß ein naturwissenschaftliches Thema, sondern auch ein kulturelles Phänomen. Die Art, wie wir wirtschaften, wie wir sozial und politisch agieren, verursacht den Umweltwandel und zerstört die für uns lebensnotwendige Natur irreparabel. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass unsere Lebensweise uns selbst die Lebensgrundlage entzieht, wenn wir nicht umsteuern. Trotzdem haben wir bislang noch nicht im ausreichenden Maß die Konsequenzen daraus gezogen. Hierzulande halten wir uns zwar für besonders umweltbewusst, doch der deutsche Earth Overshoot Day war bereits am 2. Mai. Unser Wissen um naturwissenschaftliche Zusammenhänge verbindet sich nicht mit Wissen um gesellschaftliche Dynamik. Nur zusammen finden wir aber einen Hebel. Hier kann die Sozialanthropologie helfen, als Brücke zwischen natürlichen und kulturell bedingten Ursachen von Umweltwandel zu vermitteln.

Beeinflusst der Earth Overshoot Day unser ökologisches Verhalten?

Er schafft eine gewisse Aufmerksamkeit. Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, reicht aber nicht für den dringend nötigen grundlegenden Wandel. Wichtig ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Ressourcenverbrauch und Klimawandel keine abstrakten Themen sind, sondern uns ganz direkt im Alltag betreffen. Wir haben schon den Punkt überschritten, an dem die Transformation unseres Ökosystems aufzuhalten wäre. Es geht nun darum, diese Entwicklung zumindest abzumildern. Andernfalls werden wir transformiert: Wenn unsere Umweltbedingungen sich rapide verschlechtern, wirkt sich das schmerzhaft auf unsere Lebensund Wirtschaftsweisen aus. Unsere Spielräume werden enger, unser Lebensstandard wird sinken. Erst wenn wir das verinnerlicht haben, wird sich auch unser Verhalten relevant ändern.

Was können wir tun?

Eins hilft in einer Demokratie immer: bewusst wählen - politisch, wirtschaftlich und persönlich. Im Alltag ist es eine gute Motivation, ökologisch Sinnvolles mit persönlichem Nutzen zu verbinden. Wer Fahrrad fährt, mehr Gemüse und weniger Fleisch isst, tut etwas für die Umwelt und für die eigene Gesundheit. Wer Strom spart, spart Geld. Den perfekten Öko-Alltag können wir als einzelne in Deutschland zwar schon auf Grund unserer Infrastrukturen nicht wirklich leben. Da ist der ,Grundverbrauch’ schon höher, als er eigentlich sein dürfte. Aber wir können an vielen Stellen etwas besser machen. Neben den Einzelnen müssen auch Politik und Wirtschaft konsequent umsteuern. Erst wenn der Umweltverbrauch überall eingepreist ist, werden wir als Gesamtgesellschaft wirklich ökologisch handeln. Umwelt, Politik, Wirtschaft und Lebensweisen hängen hier eng miteinander zusammen. Und erst, wenn wir diese Zusammenhänge durchschauen, werden wir auch die Stellschrauben verstehen, die nachhaltigere Lebensweisen ermöglichen.

Die Fragen stellte Lars Klaaßen