Stochastiker und Spürnase

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Der jüngste Krimi von Matthias Löwe spielt im Umfeld des Fußball-Zweitligisten Arminia Bielefeld. © WWU - Peter Leßmann

Seine Leidenschaft kommt einem Dialog von trockener Logik und blumiger Fiktion gleich. Im Alltag ist Matthias Löwe "zufälligen Phänomenen" - seine Umschreibung für die mathematische Stochastik - auf der Spur. In der Freizeit lässt er seinen vor knapp zehn Jahren erfundenen Detektiv Bröker in seiner Heimat Ostwestfalen-Lippe (OWL) Kriminalfälle lösen. Gerade ist der vierte Band der OWL-Krimis mit dem Titel "Almfieber" erschienen.

Daneben verfasst der Wissenschaftler Lyrik und Kurzgeschichten, gerne witzig oder satirisch. Auch ein Mathe-Sachbuch über Stochastik hat der Hochschullehrer schon geschrieben. Was treibt ihn zu diesem zeitaufwändigen Hobby? Die Verpflichtungen in Lehre und Forschung dürften doch ausfüllend genug sein. "Ich bin in die Kriminalroman-Welt hineingestolpert", bekennt der 55-Jährige. Er habe sich schon immer für weit mehr interessiert als für die Inhalte in der Schule und für die aktuellen Aufgaben eines Naturwissenschaftlers.

Im Kindesalter begeisterten ihn Detektivgeschichten. "Perry Clifton war bei mir vertreten und - selbst heute noch - ’Die drei Fragezeichen’. Von Arthur Conan Doyle habe ich einiges gelesen, nicht nur Sherlock Holmes", erinnert er sich. Als Erwachsener habe er ein Kinderbuch schreiben wollen, aber keinen Verlag gefunden. Bis er den Privatier Bröker erfand, einen wohlhabenden Hobby-Ermittler ohne Vornamen - anders als beim münsterschen Privatdetektiv Georg Wilsberg. Matthias Löwe lässt jenen Bröker in seiner Heimat ermitteln, wo er bald auch einen Verlag fand.

Heute erfreut sich Matthias Löwe daran, dass "man mit Schreiben mehr Leute erreicht, die einen verstehen, als in der Mathematik". Und Detektiv Bröker, den manch einer als "Mister Marple von der Sparrenburg" bezeichnet und der in den Romanen tatsächlich in der Nähe dieses Bielefelder Wahrzeichens wohnt, ähnelt seinem Erfinder - er spielt gerne Schach, er kommt etwas verschroben daher und hat Spaß an den Geschichten des Lebens. "Nur hat er nicht Mathematik studiert", betont Matthias Löwe.

Im jüngsten Fall über den Tod eines Spielers seines Lieblingsvereins Arminia Bielefeld verbreitet Matthias Löwe wieder reichlich Lokalkolorit. So wie er es in allen Bröker-Fällen hielt, die mal "Leinewebertod" oder "Endstation Siegfriedplatz" hießen. Die Bandbreite, die sich der Krimiautor in seinen fiktiven Detektivgeschichten ausdenkt, fasziniert ihn auch in der Mathematik. "Bei uns fügt sich alles in einen großen Zusammenhang: Die Welt der Atome in der Physik oder die der Neuronen in der Biologie sind ohne Mathematik nicht zu erklären. Die Bandbreite der Mathematik ist riesig." Diese Praxisrelevanz will er weitergeben. "Einen guten Mathematiklehrer auszubilden, ist viel wert", sagt der Experte für Angewandte Mathematik.

Seine frühere Mathelehrerin dürfte den entscheidenden Einfluss gehabt haben, dass er der Mathematik nach einigen Semestern Philosophie den Vorzug gab. Beim jüngsten Mathetag der Uni bewies er großes Vermittlungsgeschick: Die von Matthias Löwe blumig umschriebene Suche einer Prinzessin nach dem richtigen Partner nutzte der Rechenexperte, um den Schülern das Thema Wahrscheinlichkeiten ("Der n-te Bewerber hat die Qualität x(n)") nahezubringen und abschließend den mathematischen "Heiratssatz" nach Philip Hall zu erläutern.

Wer Matthias Löwe zum ersten Mal begegnet, würde den 55-Jährigen, der gerne Turnschuhe trägt, tatsächlich eher für einen Schriftsteller halten als für einen nüchternen Naturwissenschaftler. Lachen über sich und seine Mathematik-Zunft kann er gut und erzählt die passende Anekdote dazu. Als sein Vater einst einem Freund berichtete, dass sein Sohn Stochastiker sei, antwortete der Freund: ,,Das tut mir leid." Stochastik mag zwar für den einen oder anderen wie eine Erkrankung klingen, ist aber eine Disziplin der Mathematik, die im Alltagsleben durchaus hilfreich sein kann - wenn es beispielsweise darum geht, Prioritäten zu setzen oder sich für oder gegen den nächsten Lotto-Tippschein zu entscheiden.

Der Arbeitsplatz Universität ist für den Ostwestfalen eine ideale Wahl. "Mathematiker an Hochschulen haben im Vergleich zu Mathematikern, die bei einer Bank arbeiten, eine hohe Frustrationstoleranz", sagt er. "Während letztere schon am nächsten Tag eine Lösung für ihr Problem brauchen, wissen wir manchmal erst nach Wochen, was falsch war, haben dann aber unter Umständen immer noch keine Lösung."

Für ein spezielles Problem mit seinen Krimis hat Matthias Löwe bis heute keine Lösung gefunden - nach seinen Bielefeld-Krimis sucht man in den münsterschen Buchläden vergeblich. "Münster ist taub, wenn’s um Bielefeld-Krimis geht", sagt er nüchtern.


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