’Seine Verdienste Überwiegen seine unsäglichen Sentenzen’: Der Historiker Olaf Blaschke über den Antisemitismus und die Läuterung des Sozialreformers Franz Hitze

Student Franz Hitze, (1851-1921), später katholischer Theologe und für christlic

Student Franz Hitze, (1851-1921), später katholischer Theologe und für christliche Gesellschaftslehre in Münster, Vater der katholischen Arbeitervereine. © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Das "Franz-Hitze-Gedächtnisjahr" erinnert an den Geburtstag des Sozialreformers vor 170 Jahren sowie an seinen Tod vor 100 Jahren, am 20. Juli 1921. Franz Hitze war zudem der erste Professor für christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster, das Franz-Hitze-Haus in Münster ist die zentrale Bildungsstätte des Bistums Münster. Norbert Robers sprach mit dem WWU-Historiker Olaf Blaschke , der vor 25 Jahren über den katholischen Antisemitismus promoviert wurde, über seinen aktuellen Befund, Franz Hitze sei Antisemit gewesen.

Straßen und Häuser sind nach Franz Hitze benannt, er ist in zwei Biographien gewürdigt worden. Wie kann es sein, dass über 100 Jahre niemandem aufgefallen ist, dass er Antisemit war? In der Tat, das ist neu. Der ,Altmeister der deutschen Sozialpolitik’ hat eine ausgeblendete, dunkle Seite. Deshalb darf es im Gedächtnisjahr erlaubt sein, ein ausgewogeneres Bild von ihm zu zeichnen. Das soll Hitzes enormen Verdienste für den Aufbau unseres Sozialstaates nicht schmälern: Als Autor, als Generalsekretär des Vereins Arbeiterwohl und für christliche Sozialwissenschaften in Münster seit 1893, vor allem aber durch drei Jahrzehnte Kärrnerarbeit im Reichstag seit 1884 hat er dieses Herkulesprojekt konstruktiv vorangebracht.

Wie äußerte sich Hitzes Antisemitismus? Der 1878 zum Priester geweihte Hitze war Vertreter des damals normalen katholischen Antisemitismus. Sein Buch ,Die sociale Frage und die Bestrebungen zu ihrer Lösung’ und sein Hauptwerk ,Kapital und Arbeit’ riefen ein breites Repertoire an Stereotypen über Juden ab. Hitze bediente nicht den alten christlichen Antijudaismus, sondern den modernen Antisemitismus. Er unterstellte Juden Eigenschaften wie Geiz und Habsucht sowie Praktiken des Wuchers und der Ausbeutung. Er hielt sie für destruktiv, listig und materialistisch, für den Typus der Moderne, der international statt national war, ein Fremdkörper im deutschen Volk. Nichts davon war originell. Hitze bewegte sich im Rahmen des damaligen katholischen Antisemitismus, der sich seit der Reichsgründung vor 150 Jahren verschärfte. 1871, als die Juden rechtlich gleichgestellt wurden, begann der Kulturkampf. Hitze sah sich jedoch - wie unter Katholiken üblich - nicht als Judenfeind. ,Judenhaß sei uns fern’, beteuerte er 1877. ,Nicht wollen wir die ’Emancipation der Juden’ wieder rückgängig machen, sondern nur unsere Emancipation von der Herrschaft der Juden.’

Aber wie passten sein Engagement zur Lösung sozialer Fragen und sein Antisemitismus zusammen? Franz Hitze quälte besonders die Macht des ,jüdischen Geldes’. Das Bürgertum beute die Arbeiter aus. Das sei der Kernpunkt der ,socialen Frage’, betonte er. Seit Aufhebung der Zünfte verdränge das große Kapital die Mittelstände in die Reihen der Lohnarbeiter. Die Produktion, fügte er hinzu, gehe immer mehr in einige wenige Hände oder in Aktiengesellschaften Über. Bald werde sich das Kapital den ländlichen Grundbesitz schnappen, warnte er. ,Das schöne deutsche Vaterland das Eigenthum einiger Milliardäre, einiger - Juden! Wer erträgt den Gedanken!’, schrieb er.

Beschränkte sich Hitze in seinem Antisemitismus auf das Finanzthema, oder ging er darüber hinaus? Auch Politik und Kultur unterlagen für Hitze der ,Verjudung’: ,Die Juden sind die maßgebenden Elemente in unserem Staatswesen,’ meinte er, ,die Inhaber unserer Presse, Juden die Führer unserer Parlamente’ und der Hochfinanz. Er sprach von den ,früheren Blutaussaugern und Halsabschneidern’, die salonfähig geworden sein. Geld regiere die Welt ,und mit ihm das Judenthum - Geld und Presse’. Deutschland sei zu gut, ,als daß es zum Tummelplatz für Juden und Judengenossen wird’. 1880 ergänzte er: ,Unsere moderne Aristokratie ist nicht deutsch, nicht christlich, ist fremd unserer Nation, dem Blute wie der Gesinnung nach.’ Es sei Zeit, sich von dieser ,Fremdherrschaft’ zu befreien. Im wahren Kulturkampf stehe die ,christlich-deutsche Cultur gegen die materialistisch-jüdische’.

Blieb Franz Hitze zeitlebens Antisemit? Nein, er konvertierte vom Staatsskeptiker zum Gestalter staatlicher Sozialgesetze. Er erkannte seine Lösung der sozialen Frage durch Rekatholisierung und ,Wiederherstellung der mittelalterlich-zünftigen Gesellschaftsordnung’ als nicht zielführend und betrieb pragmatisch Sozialpolitik im Kapitalismus. Und er gestand den Arbeitern zu, christlichen Gewerkschaften beizutreten. Wenn sich Hitze als derart wandlungsfähig bewies, wo es ihm wichtig war, dann möglicherweise auch im Antisemitismus. Darin ist er nach seinen Frühschriften nicht weiter auffällig geworden. In seinem letzten Buch aus dem Jahr 1921 entschuldigte er sich für Stil und Form von ,Kapital und Arbeit’ und seinen jugendlichen ,Manneszorn’. Das kontrastiert krass mit dem letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., der, so sagte er 1919, den ,verhaßten Stamm Juda vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet’ sehen wollte. Der Exil-Kaiser äußerte sich im Alter zunehmend schriller gegen Juden - bei Hitze war es genau umgekehrt.

Sie beleuchten einen bestimmten Aspekt von Hitzes Texten, der über 140 Jahre im Dunkeln lag. Erliegt man so nicht einer optischen Täuschung? Das stimmt, man sollte keinesfalls nur gebannt auf diese Sätze starren. Wir haben sie aus reinem Erkenntnis-Interesse gesammelt und gedeutet, um ein balanciertes Bild dieses Mannes zu zeichnen - nicht aus moralischen Gründen und nicht, damit Aktivisten, die 144 Jahre Zeit hatten, sich über diese Sätze zu empören, billige Umbenennungsdebatten anstiften. Franz Hitze war der eigentliche ,social justice warrior’ - nicht als Sprachpolizist, sondern in echter Arbeit an Gesetzen beim jahrzehntelangen Kampf für die ökonomisch Ausgepressten. In der Bilanz wiegen seine Verdienste schwerer als die unsäglichen Sentenzen, die er als Twen formulierte.

Dieses Interview stammt aus der Unizeitung "wissen

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