Religiöse und ethnische Konflikte sind Alltag in Myanmar

Madlen Krüger und    Perry Schmidt-Leukel (r.) begrüßten    Samuel N. Ling. © WW

Madlen Krüger und Perry Schmidt-Leukel (r.) begrüßten Samuel N. Ling. © WWU - Gerd Felder

Myanmar, das frühere Birma (Burma), war in den vergangenen Jahren häufig in den Schlagzeilen zu finden. Das hat mit den ersten demokratischen Wahlen in dem südostasiatischen Land im Jahr 2010, mit der weltweit bekannten Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und nicht zuletzt mit dem Konflikt um die muslimischen Rohingya zu tun, der vor allem 2017 die Weltöffentlichkeit erregte. Die Rohingya aber sind nur eine von vielen religiösen und ethnischen Gruppen in dem für lange Zeit von einem Militärregime dominierten Staat. Der Konflikt um die laut UNO „am stärksten verfolgte Minderheit einer Welt“ ist bei weitem nicht der einzige in dem multiethnischen und multireligiösen Land. Das wurde jetzt deutlich, als Samuel N. Ling, der zurzeit renommierteste protestantische Theologe Myanmars und Direktor des Myanmar Institute of Theology (MIT) in Yangon, Münster besuchte und sich in einer Gastvorlesung an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster mit dem Thema „„Ethnische Vielfalt, Religionsfreiheit und konstitutionelle Herausforderungen in Myanmar“ befasste.

Der Baptist Ling, 1956 in Hakha (Bundesstaat Chin) geboren, war zunächst als Pfarrer tätig. Seit 2010 ist er Direktor des Myanmar Institute of Theology, der größten evangelisch-theologischen Ausbildungsstätte in Myanmar. 1927 von amerikanischen Baptisten gegründet und mit drei (!) Studenten gestartet, wuchs das College im Laufe der Jahre ständig und zählt heute 480 Theologie-Studenten in Theologie. Das Institut bietet den verschiedenen evangelischen Denominationen eine breite Basis, doch inzwischen zeichnet sich eine andere Entwicklung ab: Als sich ab 2010 das Niveau der Hochschulausbildung in Myanmar verschlechterte und manche Universitäten wegen sozialer Unruhen für mehrere Monate schließen mussten, gingen viele junge Leute, unter anderem der Sohn von Samuel Ling, zum Studium ins Ausland.

Die Verantwortlichen des Instituts beschlossen daher, die Ausbildung inhaltlich zu erweitern. Unter der überschrift „liberal arts“ (artes liberales) wurden sieben neue, nicht-theologische Fachbereiche eingerichtet: Wirtschaft, Journalismus, Sozialwissenschaften, Entwicklungsarbeit, Religionswissenschaft, Musik und Englisch. In diesen Fächern sind derzeit 1000 Studierende eingeschrieben, darunter auch Buddhisten. Da die Ausbildung auf Englisch stattfindet, sind die Absolventen gerade bei internationalen Firmen in Myanmar begehrt. „Wir sind in der ganzen Welt bekannt und einzigartig in Südostasien“, betont Samuel Ling voller Stolz. Die angesehene Einrichtung hat Kontakte zu Nichtregierungsorganisationen und Botschaften und unterhält Partnerschaften in Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden und den USA. Doch es gibt noch viel größere Pläne. „Wir können in der nächsten Zukunft eine christliche Universität an den Start bringen“, betont Samuel Ling hoffnungsvoll. Eine entscheidende Hürde muss allerdings dafür genommen werden, denn es brauchte dafür ein neues Gesetz, das eine derartige Einrichtung erlaubt.

Die Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster läuft seit 2015 im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts mit dem Titel „Religiöser Pluralismus im Diskurs - Buddhisten und Christen in Myanmar und ihr Umgang mit religiöser Pluralität“, das zunächst bis 2018 terminiert war und inzwischen bis 2020 verlängert wurde. Projektleiter auf Seiten der Universität Münster sind Hans-Peter Großhans und Perry Schmidt-Leukel - die Feldforschung vor Ort verantwortet Dr. Madlen Krüger. „Diese Forschungen und Beiträge sind sehr wichtig und hilfreich für uns in Myanmar, vor allem für den christlich-buddhistischen Dialog“, urteilt Samuel Ling. „Die Religionen sind bisher weitgehend isoliert voneinander; es gab lange keinen Dialog, keinen Kontakt und keine Kooperation zwischen ihnen. Wir brauchen aber den Dialog, und dabei helfen uns solche Zusammenkünfte.“

Birmas Bevölkerung zählt 51 Millionen Einwohner und sage und schreibe 135 Ethnien, die wiederum zu acht großen ethnischen Gruppen zusammengefasst werden. 87,9 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten, 62 Prozent Christen und 4,3 Prozent Muslime. „Die Mehrheitsverhältnisse zwischen den religiösen Gruppen sind in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich“, fand WWU-Religionswissenschaftlerin Dr. Madlen Krüger heraus. „Dementsprechend unterschiedlich verlaufen auch die Konfliktlinien.“

So stellten zum Beispiel im westlichen Bundesstaat Chin die Christen mit 90 Prozent die Mehrheit, während der Mon State im Osten buddhistisches Gebiet mit einer großen muslimischen Minderheit sei. Manche religiösen Gruppen unterhielten ihre eigenen Privatarmeen. Sie dienten dem Widerstand gegen die Zentralregierung, seien teilweise aber auch untereinander in Konflikte verwickelt. Außerdem sei das Wissen über die jeweils anderen Religionen gering. „Die Buddhisten haben zum Beispiel keine guten Kenntnisse über die Muslime und die Christen und umgekehrt“, erläutert Perry Schmidt-Leukel. Außerdem, ergänzt Samuel Ling, sei in der Verfassung die besondere Stellung („special position“) des Buddhismus in Myanmar festgeschrieben, was oft zu dessen bevorzugter Behandlung führe.

überhaupt ist die Verfassung, die die Rolle des Militärs schützt und ihm von vornherein 25 Prozent der Parlamentssitze sichert, heute nach Ansicht Samuel Lings ein großes Problem für die regierende Partei. Der Theologe ist davon überzeugt, dass Aung San Suu Kyi als Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie entschlossen sei, die aus dem Jahr 2008 stammende Verfassung zu ändern, doch oft wehre sich das Militär mit allen Mitteln dagegen. Bestimmte Ministerien, wie beispielsweise die für Immigration, Grenzgebiete und Verteidigung, unterstehen dem Militär. „Daher steht die Frage der Rohingya unter der Kontrolle des Militärs“, unterstreicht er.

Zudem werde die Komplexität dieses Problems im Westen oft nicht richtig wahrgenommen, ergänzt Perry Schmidt-Leukel: Die Rohingya seien nur eine von mehreren muslimischen Gruppen in Myanmar. Ihr Status als einer Gruppe legaler oder illegaler Einwanderer aus Bangladesch sei in Myanmar seit der Staatsgründung bis heute unklar. Buddhistische Extremisten hätten den Streit um den legalen oder illegalen Status dieser Volksgruppe gezielt zu einem buddhistisch-islamischen Konflikt hochstilisiert. „Das ist aber kein reines Problem von Myanmar, sondern buddhistisch-muslimische Spannungen finden wir auch in Sri Lanka und Thailand“, gibt Perry Schmidt-Leukel zu bedenken.

Samuel Ling glaubt fest daran, dass Suu Kyi, die gegenwärtig „Staatsrat“ ist, intensiv an einer Lösung arbeite. So habe sie in den letzten Jahren die Führer der religiösen Gruppierungen zu drei Friedenskonferenzen versammelt, um einen Dialog anzustoßen und das Fundament für einen friedlichen Staat zu legen. „Die internationale Gemeinschaft versteht nicht ihre komplizierte Rolle zwischen China und Russland, die das Militär unterstützen, auf der einen Seite und den USA auf der anderen Seite, die wirtschaftliche Sanktionen gegen Myanmar verhängt haben“, kritisiert Samuel Ling. „Ich hoffe, dass Aung San Suu Kyi ihre Ziele erreicht, auch wenn Myanmar noch keine volle Demokratie ist. Mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr setzen viele nach wie vor ihre Hoffnung auf ihre Partei.“

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