"Man kann sich wieder trauen, Indianer zu sein": Von den Anfängen bis heute

Heike Bungert © WWU - Julia Holtkötter

Heike Bungert © WWU - Julia Holtkötter

Ende August erschien das Buch ’Die Indianer: Geschichte der indigenen Nationen in den USA“, in dem Heike Bungert vom Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) einen detaillierten Einblick in die jahrhundertealte Historie der Indianer gibt. Sie schildert deren Kulturen, die Begegnung der Indianer mit den Euroamerikanern, die Vertreibung und den Versuch der Zerstörung indigener Gesellschaften, aber auch den Widerstand der Indianer. Zudem richtet sie ein besonderes Augenmerk auf die bis heute schwierige Koexistenz zwischen den staatlichen Institutionen der USA und den Angehörigen der indigenen Nationen. Norbert Robers sprach mit der Expertin für neuere und neueste Geschichte sowie der nordamerikanischen Geschichte über ihre Erkenntnisse und Einschätzungen.

Viele Bürger werden beim Begriff der Indianer sofort das Bild eines Menschen vor Augen haben, der lange Haare, Adlerfedern im Haar sowie Kleider aus Leder hat und ein Tomahawk in der Hand hält. Ist das reines Klischee-Denken?

Dieses Bild trifft nur auf die Plains-Indianer zu, die Thema in vielen Western-Filmen und Dreigroschenromanen waren. Pfeil und Bogen fehlen noch, später kamen auch Gewehre, Pferde und Tipis hinzu. Bei der Kinderuni in Münster beispielsweise konnten viele Jungen und Mädchen aber bereits zwischen verschiedenen Indianergruppen differenzieren. Fakt ist, dass es fast 600 Gruppen gibt, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden.

Die zweite Vorstellung, die viele Menschen mit Indianern verbinden, ist die Überzeugung, dass den Indianern in Nordamerika über Jahrhunderte grobes Unrecht geschah - oder wie Sie in Ihrem Buch schreiben, dass es sich um «passive Opfer handelte, die friedlich im Einklang mit der Natur lebten und von rassistischen und kolonialistischen Euroamerikanern ermordet wurden“. Stimmt das etwa auch nicht»

Das stimmt, aber nur in Teilen. Indianer lebten mit der Natur, weil sie nicht zwischen belebten und unbelebten Objekten, Religiösem und Säkularem unterschieden. Indianer waren aber nicht immer die Vorgänger moderner Ökologie, weil sie beispielsweise vor der Übernahme des Pferdes von Euroamerikanern Tierherden über Klippen stürzten und längst nicht alle Kadaver nutzen konnten, oder weil sie für den Handel mit Euroamerikanern Tiere lokal fast ausrotteten, weil die Natur so ,freigiebig` war. Auf der anderen Seite waren auch nicht alle Euroamerikaner immer und überall rassistisch, auch wenn sie oft Indigene als auf einer niedrigeren Zivilisationsstufe stehend ansahen. Euroamerikaner haben Indianer immer nach ihren eigenen Interessen beurteilt, sie dabei insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend unter rassistischen Kategorien gesehen und verachtet, wenn sie vor Ort ,im Weg` waren - wenn sie weit weg waren und auszusterben schienen, haben sie sie dagegen romantisierend als typisch amerikanisch bewundert.

Das Bild von den Indianern als Opfer stimmt also?

Nur bedingt. Denn die Indianer waren keine passiven Opfer, sondern aktiv Handelnde, die sich flexibel immer wieder neuen Lebensumständen anpassten, wie die Literatur der vergangenen 30 Jahre gezeigt hat. Man sollte daher weder alle Indigenen noch alle Euroamerikaner über einen Kamm scheren und auch nicht heutige euroamerikanische Denkweisen Indigenen früherer Jahrhunderte überstülpen.

Was waren die wesentlichen Gemeinsamkeiten der rund fünf bis sieben Millionen Indianer, die im Jahr 1500 in 600 bis 700 Stämmen auf dem Gebiet der heutigen USA lebten - und worin unterschieden sie sich?

Die Gruppen - längst nicht alle waren als Stämme organisiert - unterschieden sich teils stark in Kultur, Religion, gesellschaftlicher Organisation, Politik und Lebensweise. Manche der Gruppen und Nationen waren matriarchalisch, andere patriarchalisch organisiert. Größere Unterschiede gab es auch in der Größe der permanent zusammenlebenden Gruppen oder in den Behausungsarten. Bei den Gemeinsamkeiten stechen die gute Ausnutzung der Umwelt hervor, auch dass sie keine Unterscheidung zwischen säkular und religiös vornahmen, dass sie ihrer Religion und der Gemeinschaft jeweils eine große Bedeutung beimaßen, dass es für sie keinen Monotheismus gab, dass sie andere Gruppe nicht missionierten, dass sie die Welt nach Verwandtschaftsbeziehungen einteilten und dass sie die Geschlechterbeziehungen als komplementär erachteten.

Nach der europäischen Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 siedelten viele Europäer nach Amerika um. Waren die Kontakte zwischen den Europäern und den Indianern von Beginn an durch Gewalt gekennzeichnet?

Nein. Gerade bei ihren ersten Kontakten versuchten indigene Gruppen die Euroamerikaner in ihre Verwandtschaftsbeziehungen einzugliedern und sie zu nutzen, um eine bessere Stellung gegenüber ihren indigenen Rivalen zu erringen. Auf der anderen Seite wollten beispielsweise die Franzosen, die keinen Bevölkerungsüberschuss hatten, vor allem Handel treiben, was auch für Engländer und später für US-Amerikaner in Gegenden galt, wo es noch keine oder wenig Siedler gab - von Biberfellen über Hirschhäute bis hin zu menschlichen Sklaven. Indianer stritten untereinander um den Status als wichtigste Zwischenhändler, weil sie dadurch die meisten Pferde, Metallkessel, Werkzeuge und Gewehre bekamen. Gerade in Gruppen, die durch den Handel mit Tier-Häuten oder -Fellen profitierten, verschlechterte sich allerdings die Stellung der Frauen.

Und mit welcher Einstellung begegneten die Europäer den Indianern?

Dabei muss man genauso unterscheiden wie bei den Indigenen. Händler waren ausschließlich am Handel interessiert; in Gegenden mit wenigen Euroamerikanern haben gerade Franzosen, die sogenannten Waldläufer, Indianerinnen geheiratet und mit den Gruppen gelebt. Manche Missionare waren genuin an Indigenen interessiert, viele andere, ebenso wie viele offizielle Vertreter euroamerikanischer Regierungen, waren vorrangig an der Christianisierung, Unterwerfung und ,Zivilisierung` interessiert. Sie stellten Privatüber Gemeinschaftsbesitz, sie wollten die Jagd und das Nomadentum der Indianer beenden, und sie wollten die Indigenen dazu zwingen, europäische Sprachen zu lernen - all das lief auf eine Art kulturellen Genozid hinaus.

Es gab Landraub, Umsiedlungen und Massaker: Hat sich danach das Verhältnis zwischen Indianern und Euroamerikanern überhaupt irgendwann normalisiert?

Das stimmt, aber es gab eben auch Handel, Ehen, gemeinsame Kriege gegen andere indigene und euroamerikanische Nationen sowie Verträge, in denen indigene Gruppen das Land anderer indianischer Nationen an die Euroamerikaner gaben. Solange die Indigenen in Regionen der europäischen Kolonien beziehungsweise späteren USA in der Mehrzahl waren, verhandelten Indigene und Euroamerikaner mehr oder minder gleichberechtigt und stellten sich kulturell aufeinander ein. Danach war das Verhältnis tatsächlich lange durch Kriege und Unterdrückung gekennzeichnet. Im 20.Jahrhundert wechselten sich eine eher indianerfreundliche Politik und eine assimilatorische Politik ab.

Die Indianer haben trotz aller Wirren und Gewalt als Individuen und Nationen überlebt. Wie erklären Sie das - beispielsweise mit ihrer Widerstandskraft?

Indigene haben immer versucht, ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie haben ihre Lebensumstände immer wieder angepasst und durch Widerstand, etwa im Rahmen von Bürgerrechtsbewegungen, ihre Kultur und Souveränität behauptet. Auch wenn Indigene viel gelitten haben und ihnen viel Unrecht zugefügt wurde, haben es die meisten Gruppen geschafft, zu überleben und zumindest Teile ihre Kulturen und Sprachen zu bewahren.

Carter, Reagan, Bush, Clinton, Obama, Trump: Gab es in der Riege der jüngeren US-Präsidenten jemanden, der sich ernsthaft um einen Ausgleich und eine friedliche Koexistenz bemühte?

Erstaunlicherweise Richard Nixon, der beispielsweise den Taos ihren heiligen Blue Lake zurückgeben ließ und auch die Politik der sogenannten Termination, also der Beendigung des speziellen Status von Indianern, für beendet erklärte. Die Republikanischen Präsidenten kürzten Gelder, aber stärkten im Rahmen ihrer Initiativen für mehr lokale Autonomie die Reservatsregierungen. Bill Clinton und Barack Obama besuchten Reservate und beriefen Konferenzen von Indigenen ein, denen sie den Status von Regierungen zugestanden. Oft waren es aber auch Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs oder Gesetze des Kongresses, die den indigenen Nationen mehr, manchmal auch weniger Souveränität und Rechte zusprachen, etwa mit Blick auf die Religionsausübung.

Wie würden Sie das heutige Verhältnis beschreiben?

Die Souveränität indigener Nationen wird offiziell anerkannt, und die meisten US-amerikanischen Indianer wollen keine ,Integration`, weil sie sich als eigenständige Nationen sehen. Aber das Verhältnis bleibt, insbesondere in Gebieten mit vielen Indianern und großen Reservaten, schwierig - mit teils offenem Rassismus. Gleichzeitig sehen viele Menschen in Indianern vor allem den ökologischen, spirituellen ,Anderen`, dessen Eigenschaften man selektiv für sich beansprucht, ohne wirklich wahrzunehmen, was Indigene wollen. Für sie ist ein Indianer, der nicht mehr auf dem Reservat lebt, sich nicht indianisch kleidet und ,verhält`, kein Indianer mehr. Viele denken gar nicht über ihre Stereotype nach, wenn beispielsweise nach wie vor ,indianische' Maskottchen bei großen Sportteams auftreten, Sportteams sich ,Braves` oder gar ,Redskins` nennen, oder wenn in Fernsehspots für ,indianisches Feuerwasser` geworben wird.

Heute leben rund 5,5 Millionen Menschen indianischer Abstammung in den USA. Sind sie ein ,normaler Teil` der Gesellschaft mit den gleichen Lebenschancen?

Vom Indianerbüro anerkannt sind 1,9 Millionen. Ihre Situation ist sehr unterschiedlich. Es gibt kleine Gruppen, die Kasinos in der Nähe von Millionenstädten betreiben und wohlhabend sind. Es gibt viele Reservate in abgelegenen Gegenden mit extrem hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Es gibt indigene Akademiker, die teilweise an Universitäten unterrichten, es gibt aber auch viele Indigene im Niedriglohnsektor in Städten. Insgesamt ist die Situation weiterhin problematisch, auch wenn Afroamerikaner mittlerweile Indianer als die ärmste und am schlechtesten gebildete Bevölkerungsgruppe in den USA abgelöst haben. Die Arbeitslosigkeit unter den Indigenen ist doppelt so hoch wie bei weißen US-Amerikanern, mehr als 25 Prozent von ihnen leben unter der Armutsgrenze, Indigene leiden viermal so häufig an Alkoholismus und an Tuberkulose, sie haben in einigen Städten Schulabbruchquoten von 60 Prozent und sind überproportional in Gefängnissen vertreten.

Inwieweit pflegen die Indigenen noch heute ihre Traditionen?

Indigene Traditionen werden heute wieder stärker betont, da man sich wieder trauen kann, Indianer zu sein. Sprachen werden gefördert und wiederbelebt. Indianische Literatur, Kultur, Sprache und Recht werden an Universitäten gelehrt. Zudem gibt es indianische Kulturzentren und Museen, sowohl in Reservaten als auch in Städten, wo sie allerdings häufig eher panindianisch sind mit einem Schwerpunkt auf den Plains-Gruppen. Das Interesse jüngerer Indianer an ihrer Kultur ist stark gewachsen.

Apropos Interesse: Sie gelten schon lange als Expertin für die Geschichte der Indianer. Woher kommt Ihr Interesse - etwa von der Lektüre der Karl-May-Bücher in Kindeszeiten?

Karl May habe ich - bis auf den Tod von Winnetous Schwester - nie gelesen. Aber ich habe die Lederstrumpfund Winnetou-Filme gesehen und viele Kindersachbücher zu Indianern gelesen. Insofern entspringt mein Interesse der typisch deutschen Begeisterung für Indianer. Diese Faszination habe ich aber mittlerweile wissenschaftlich untermauert und interessiere mich als Migrationshistorikerin grundsätzlich für ethnische Minderheiten.

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