Maler Max Ernst und das Buch: "..tunke den finger ins tintenmeer..."

Max-Ernst-Klischee 
                 Klischees für Buchveröffentlichungen Max Er

Max-Ernst-Klischee Klischees für Buchveröffentlichungen Max Ernsts, im Verlag der Galerie Der Spiegel. Archiv Galerie Der Spiegel. Foto: Jean-Luc Ikelle Matiba, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ein Maler schreibt. Max Ernst und das Buch: Neue Ausstellung im Universitätsmuseum Bonn und im Paul-Clemen-Museum der Universität Bonn vom 5. Juli bis 15. September 2019

Max Ernst (1891-1976) zählt zu den berühmten Alumni der Universität Bonn. Hier studierte er von 1910 bis 1914. Hier wurde ihm 1972 die Ehrendoktorwürde verliehen. Als bildender Künstler erfährt er bis heute weltweit höchste Anerkennung. Bis heute aber weitgehend unbeachtet blieb Max Ernsts umfangreiches literarisches ¼uvre. Dem widmet sich nun die neue Ausstellung.

Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Gabriele Wix, Institut für Germanistik, Vergleichende Literaturund Kulturwissenschaft der Uni Bopnn, benennt vier Aspekte, die sein literarisches Schaffen und Werk wesentlich kennzeichnen: Es ist intermedial, spielt also zwischen Bild und Text. Schon die ganz frühen Arbeiten zeigen, dass das bildkünstlerische Werk untrennbar mit dem wortkünstlerischen verschränkt ist. Es ist zweitens international: Max Ernst schreibt französisch, englisch und deutsch und sprengt damit die Nationalphilologien. Sein Werk bewegt sich zudem drittens in allen Gattungen und Genres. Max Ernst schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik, ein Schauspiel, kunstphilosophische Abhandlungen - und eine immer wieder überarbeitete Autobiografie mit dem Untertitel Wahrheitgewebe und Lügengewebe. Schließlich und viertens: Das Werk ist in ständiger Wandlung begriffen. Ein über 300 Seiten starker Band mit Text und Bildtafeln kann vierspaltig auf einer Zeitungsseite oder als schmales Gedichtbändchen gänzlich ohne Bilder erscheinen.

Dieses bunte und bewegliche Werk gilt es also, erklärt die Kuratorin Dr.. Gabriele Wix, aus einer Perspektive zu entdecken, die auf Literatur in ihrer Materialität und in der Gegenständlichkeit des Buchs schaut. Wix: "Ein Text präsentiert sich selten nackt, so die These Gérard Genettes gegen die immaterielle, rein geistige Auffassung von Literatur."
Mit über hundert Exponaten spannt die Ausstellung nun den Bogen von Ernsts ersten Büchern, also von jenen im Jahr 1922 gemeinsam mit Paul Éluard veröffentlichten Werken Répétitions (Wiederholungen) und Les malheurs des immortels (Die Unglücksfälle der Unsterblichen) bis hin zu seinem letzten Buch Lieux communs (Gemeinplätze), das 1971 erschien.

Schubladenschlüssel-Einträge
Ein Schwerpunkt in Bonn liegt auf den autobiografischen Schriften und Dokumenten aus der Studienzeit Max Ernsts. So wird ein Buch präsentiert, in das sich die Studierenden bei der Entgegennahme eines Schubladenschlüssels eintragen mussten. Der Name Max Ernsts findet sich - mit dem von seiner späteren Frau Luise Strauss und seinem Studienfreund Franz Bahlke - beinahe auf jeder Seite dieses Buches.

Der Andruck des Werkes "Paramythen"
Zweifellos ein Höhepunkt der Bonner Ausstellung ist der Fund eines Probedrucks aus dem Jahr 1954: Ernsts Buch, Paramythen, ist eine Folge kleiner Texte zu Collagen, die er nach seiner Rückkehr aus den USA aus dem Englischen ins Deutsche übertrug. Der Andruck wurde erst im Januar dieses Jahres 2019 bekannt und stellt das derzeit einzige bekannte Exemplar dar. Die Typografie stammt von dem Schriftsteller und Verleger Rainer Maria Gerhardt. Wegen seines plötzlichen Todes hatte Gerhardt das Buch selbst nicht mehr in seinem Verlag der Fragmente verlegen können, in dem er es 1954 angekündigt hatte. Es erschien ein Jahr später ohne Bezug auf Gerhardt in dem Verlag Galerie Der Spiegel, und wie der in der Bonner Ausstellung zu sehende Probedruck nun beweist, ist der kühne Plan des jungen Verlegers doch Wirklichkeit geworden: Die Spiegel-Publikation hat 1:1 den Entwurf Gerhardts übernommen.

Begleitende Präsentation im Max-Ernst-Museum
Ein weitere Besonderheit ist das Buch Maximiliana oder Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie aus dem Jahr 1964. Es handelt sich hierbei um eine Folge von (Aquatinta-)Radierungen mit einem Text nach dem autodidaktisch forschenden Astronomen Tempel und geheimnisvollen Schriftzeichen Ernsts auf Japon ancien. Die Drucke hüllte der Typograf und Drucker Iliazd in viele Lagen handgeschöpften farbigen Papiers und einen bedruckten Umschlag aus Pergament, der wenig bekannt ist: In der Regel werden nur die Radierungen in Bilderrahmen ausgestellt. Aus konservatorischen Gründen kann diese Arbeit in den zur Verfügung stehenden Räumen nicht ausgestellt werden, doch zeigt das Max Ernst Museum Brühl des LVR begleitend zur Bonner Ausstellung exemplarische Blätter Maximiliana zum ersten Mal zusammen mit ihrem außergewöhnlichen Buchumschlag.

"Leitfaden"-Manuskript
Nicht zuletzt dokumentiert ein Manuskript (aus 1964) des letzten Sprachkunstwerks von Max Ernst in deutscher Sprache, das Schauspiel ,,Leitfaden", aus dem Archiv der Galerie Der Spiegel, nachdrücklich Ernsts ,,Lust am Text", wie es Roland Barthes formulierte. Entdeckungen besonderer Art stellen daneben in der Ausstellung auch die sogenannten Ephemera und Rara dar.

Kuratorin, Förderer, Studierende
Kuratorin der Ausstellung ist die Literaturund Kunstwissenschaftlerin Dr. Gabriele Wix, Universität Bonn.
Die Vorbereitung und Realisierung der Ausstellung geht auch zurück auf die enge Kooperation mit der Kunstund Museumsbibliothek Köln, mit dem Max Ernst Museum Brühl des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), mit dem Archiv der Galerie Der Spiegel.
Bonner Studierende waren außerdem an der Umsetzung der Ausstellung beteiligt. Die sind Rosa Heidemann, Hanna M. Holtmann, Moritz Hübner und Carina Sieger.
Durch Förderung wurde diese Ausstellung erst ermöglicht. Der Dank gilt der Kunststiftung NRW, dem Landschaftsverband Rheinland, der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, der Bonner Universitätsstiftung und der Universitätsgesellschaft Bonn.

Das Buch zur Ausstellung:
Gabriele Wix (Hg.), tunke den finger ins tintenmeer. Max Ernst und das Buch,
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2019,
288 Seiten, über 130 Farbabbildungen, mit Beiträgen von Marcel Beyer, Renée Riese Hubert, Jürgen Pech, Joachim Rickes, Gabriele Wix und Harald Wolter-von dem Knesebeck sowie einer umfassenden kommentierten Bibliografie mit Fotodokumentation