Konflikt und Konsens gehören zum Alltag der Wissenschaft

Rainer Bromme © WWU - Peter Grewer

Rainer Bromme © WWU - Peter Grewer

Wenn in einigen Monaten genügend Erfahrungen vorliegen, wird man im Vergleich zwischen Staaten eine erste Bilanz zur Bewältigung der Covid-19-Pandemie ziehen können. Dann zeigt sich möglicherweise, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft und der Reduktion der Covid-19 bedingten Sterblichkeit in einem Land gibt. Natürlich wäre ein solcher, korrelativer Zusammenhang, wenn er sich denn empirisch bestätigen ließe, nicht unmittelbar kausal zu deuten, sondern über viele weitere Faktoren vermittelt, die erheblich zwischen Staaten variieren.

In Deutschland ist derzeit die öffentliche Akzeptanz auch drastischer präventiver Maßnahmen hoch [1]. Insbesondere die Akzeptanz präventiver Maßnahmen setzt voraus, dass man den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertraut. Noch gibt es keine belastbaren Befragungen zum Covid-19 bezogenen Wissenschaftsvertrauen der Öffentlichkeit, aber doch Indizien dafür, dass diese Akzeptanz einerseits mit einem großen Vertrauen einhergeht, aber andererseits auch große Erwartungen an die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft damit verbunden sind.

Dabei gibt es nicht ,die Wissenschaft’. Für die Bewältigung der Pandemie sind unterschiedliche Teilgebiete der Medizin, aber auch diverse andere Wissenschaftsgebiete (Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaften, Philosophie usw.) bedeutsam. Diese wissenschaftlichen Disziplinen unterscheiden sich allerdings auch darin, wie sehr sie den Erwartungen der Öffentlichkeit nach konkreten wissenschaftsbasierten Problemlösungen überhaupt entsprechen können.

Das große Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft, so können wir vermuten, bezieht sich vor allem auf die Medizin und Naturwissenschaften. Dafür sprechen nicht nur anekdotische Hinweise wie etwa die insgesamt rund 20 Millionen downloads (Stand 3.4.) des ,,Corona Update"-Podcasts des Virologen Christian Drosten, sondern auch Befragungsergebnisse aus Vor-Corona-Zeiten. Die Initiative Wissenschaft im Dialog führt jährlich eine repräsentative Umfrage zum Wissenschaftsvertrauen in Deutschland durch [2]. Es wird regelmäßig danach gefragt, wie sehr man Wissenschaft und Forschung vertraut.

Dabei antworten seit vielen Jahren etwas mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie Vertrauen in Wissenschaft und Forschung (W & F) haben, und nur eine kleine Gruppe von weniger als 10 Prozent ist klar entschieden, W & F nicht zu vertrauen. Außerdem zeigt das Wissenschaftsbarometer auch, dass man von W & F vor allem Antworten für konkrete lebensweltliche Problemstellungen erwartet. An welche Themen denken die Bürger, wenn sie nach ihrem Vertrauen in W & F gefragt werden? Am häufigsten nennen sie Aspekte von Medizin und Gesundheit, gefolgt von Technik /Technologien. Sozialund Geisteswissenschaften kommen den wenigsten Befragten dabei in den Sinn.

Als die Pandemie begann, konnten die Mediziner also auf dieses große Polster an Wissenschaftsvertrauen aufsetzen. Was kann die Wissenschaft nun tun, um wie die Medizin das Vertrauen zu erhalten beziehungsweise in ähnlicher Weise zu bekommen?

Diese Frage ist deshalb wichtig, weil das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft eng mit den öffentlichen Debatten zu politischen Entscheidungen zusammenhängt, für die die Wissenschaft Wissen bereitstellt. Das zeigen die Befunde zum Wissenschaftsvertrauen in die Klimaforschung. Wenn es wie beispielsweise in Deutschland einen politischen Konsens darüber gibt, dass der Klimawandel eine gesellschaftliche Herausforderung ist (auch wenn es über die Maßnahmen dagegen noch keine Einigkeit gibt), ist auch das Vertrauen in die Klimaforschung hoch. Wenn aber das Thema Klimawandel parteipolitisch und weltanschaulich sehr umstritten ist, wie es etwa in den USA der Fall ist, dann sortiert sich das Wissenschaftsvertrauen auch entlang der politischen und weltanschaulichen Konfliktlinien. Sofern also in Deutschland der Umgang mit der Pandemie in vielen gesellschaftlichen Bereichen umstrittener wird, dann könnte sich das auch auf das Vertrauen in Wissenschaft und ihre Ergebnisse auswirken.

So hat die Debatte darüber, welche Teile der Bevölkerung von der Pandemie auf welche Weise betroffen sind, bereits begonnen. Es ist auch absehbar, dass die großen Kosten der Krise Fragen der Gerechtigkeit bei der Lastenverteilung aufwerfen und dass es damit auch um konkrete Interessen unterschiedlicher Akteure gehen wird. Wenn diese Debatten und Konflikte schärfer werden, wird sich umso mehr die Frage stellen, wie die Wissenschaft das öffentliche Vertrauen erhält beziehungsweise vergrößert, wenn ihre Forschungsergebnisse in eben solchen konflikthaften Debatten mit behandelt und oft auch verhandelt werden.

Aus den Erfahrungen der Klimadebatte kann man einiges über die Komplikationen der Wissenschaftskommunikation im Kontext scharfer öffentlicher Debatten zu gesellschaftlichen Fragen lernen. Diese Komplikationen ergeben sich aus der komplexen Natur der Erzeugung wissenschaftlichen Wissens und aus den Unterschieden zwischen den Kommunikationsprinzipien der Wissenschaft und der Medien. Im Folgenden zwei Beispiele für solche Komplikationen, die wir aus der Klimadebatte kennen und die auch für die Wissenschaftskommunikation in der Covid-19-Pandemie wichtig sind.

1) Die Widerspruch-/Konsens-Komplikation. Neues wissenschaftliches Wissen entsteht im Diskurs unter Wissenschaftlern, und insbesondere neue Ergebnisse sind immer zunächst nur vorläufig als wahr zu betrachten. Diese Vorläufigkeit des Wissens ist öffentlich derzeit deshalb so präsent, weil es sich bei der Covid-19-Pandemie in vielerlei Hinsicht um ein neues Phänomen handelt und deshalb auch immer wieder Veränderungen dessen, was man als gesichertes wissenschaftliches Wissen akzeptieren kann, vorgenommen werden müssen. Eine solche Vorläufigkeit wissenschaftlichen Wissens ist normal. Andererseits bildet sich im Laufe der Zeit ein Konsens darüber, was als gesichert gelten kann und was verworfen werden muss. (Drei Einschränkungen: Es geht um den Konsens zwischen denjenigen, die sich an geteilte methodische Regeln handeln; auch der Konsens garantiert kein absolutes, ewiges Wissen; das hier Gesagte gilt so nur für die empirischen Wissenschaften).

Weil also Widerspruch und Kritik zum Alltag der Wissenschaft selbst gehören, ist auch bei Wissenschaftlern und auch in der Wissenschaftskommunikation die Neigung groß, vor allem das Neue zu betonen - und das lässt sich oft am besten als Widerspruch zu dem, was bisher bereits bekannt war, beschreiben. Hinzu kommt, dass der Widerspruch auch journalistisch interessanter ist als der Konsens. In der politischen Berichterstattung ist es geradezu ein Gebot, unterschiedliche Positionen ausgewogen zu berücksichtigen. In der Klimadebatte hat das manchmal auch absurden pseudowissenschaftlichen Positionen einen öffentlichen Raum verschafft. Allerdings ist auch zu beobachten, dass inzwischen viele Wissenschaftsjournalisten um diese ,Ausgewogenheitsfalle’ wissen.

Wie kann man mit der Widerspruch-/Konsens-Komplikation umgehen? Das Verhältnis zwischen dem, was innerhalb der Wissenschaft noch umstritten ist, und dem, worüber ein Konsens besteht, muss für eine Thematik wie Corona immer wieder neu kalibriert werden. Es ist wichtig zu sagen, wenn es einen Konsens unter den Wissenschaftlern gibt (jedenfalls unter denen, die sich an die fachlichen Standards halten). Aus der Forschung zur Klimakommunikation ist bekannt, dass ein realistisches Bild vom erreichten Konsens zum Vertrauen in die Ergebnisse und auch zur Bereitschaft, etwas gegen den Klimawandel zu tun, beiträgt.

In der Wissenschaftsbarometer-Umfrage werden die Bürger auch gefragt, was sie von der Aussage halten, wonach Kontroversen zwischen Wissenschaftlern hilfreich seien, "weil sie dazu beitragen, dass sich die richtigen Forschungsergebnisse durchsetzen". Dieser Aussage stimmten 63 Prozent (2019) der Befragten zu. Allerdings ist zu bedenken, dass diese Frage nicht im Kontext einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte gestellt wurde, möglicherweise würden die Ergebnisse sonst anders ausfallen. Es ist deshalb in der Wissenschaftskommunikation immer wieder wichtig zu verdeutlichen, dass die Spannung von Konflikt und Konsens zum Alltag der Wissenschaft gehört, um auf diese Weise dazu beizutragen, dass die insgesamt positive Sicht auf Konflikte in der Wissenschaft, die das Wissenschaftsbarometer zeigt, auch erhalten bleibt.

2) Die Zuständigkeits-/Ziel-Komplikation. Derzeit wird die gesellschaftliche Debatte um die Ziele und um die (Neben)-Wirkungen von Maßnahmen oft verdeckt geführt als Debatte darüber, auf welche Fachdisziplinen sich die Politik stützen sollte, das heißt, welches Fach vor allem zuständig ist. Wenn es etwa heißt, dass die Politik zu viel oder zu wenig auf Mediziner oder Ökonomen hört, so geht es dabei eigentlich um die Frage, welche Ziele bei den Maßnahmen zur Pandämiebeherrschung angestrebt und welche Nebenwirkungen in Kauf genommen oder vermieden werden sollen. Die meisten Wissenschaftler, die sich derzeit öffentlich äußern sagen klar, dass sie zwar Entscheidungsgrundlagen liefern, aber dass die Entscheidungen einerseits politisch zu treffen sind und andererseits auch als persönliche Verhaltensentscheidungen durch die Bürger. Die Wissenschaftler treffen also keine Zielentscheidungen. Dennoch ist es nicht einfach, der Umdeutung von Zielkonflikten in Zuständigkeitskonflikte zu entgehen, weil mit den unterschiedlichen fachlichen Perspektiven von Wissenschaftlern auch unterschiedliche Arten von Ergebnissen und Nebenwirkungen der Pandemiebewältigung in den Vordergrund treten.

Wie kann man mit der Zuständigkeits-/ Ziel- Komplikation umgehen? Ein Weg ist fachübergreifende Zusammenarbeit. Sie findet statt, und sie ist auch nötig, um der Komplexität von Wirkungen und Nebenwirkungen gerecht zu werden. Zugleich darf sie aber nicht Zielkonflikte und Wertentscheidungen maskieren, sondern sollte sie deutlich ausweisen.  Es ist deshalb wichtig, dass in der Wissenschaftskommunikation nicht nur über die unterschiedlichen Rollen (Wissenschaft/Bürger/Politik), sondern dass auch über Zielund Wertkonflikte gesprochen wird. Diese sind häufig erst auf Grundlage wissenschaftlicher Vorhersagen gut erkennbar. Deshalb sollten diese Zielund Wertkonflikte auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern benannt werden, damit sie im politischen und im zivilgesellschaftlichen Raum verhandelt und gelöst werden können.

Beide Komplikationen sind umso besser zu bewältigen, je deutlicher sie auch selbst zum Thema der Wissenschaftskommunikation gemacht werden. Indem man über sie in der Öffentlichkeit spricht, kann man zum öffentlichen Verständnis über die manchmal widersprüchlich erscheinenden Prozesse wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung beitragen. Natürlich setzt das voraus, dass sich die Wissenschaftler selbst über diese Prozesse und die Komplikationen, die damit verbunden sind, klarwerden. Wie immer in der Wissenschaftskommunikation gilt also auch hier, dass eine gute Verständigung mit anderen und ein realistisches Selbst-Verständnis eng zusammenhängen.

[1] COVID-19 Snapshot Monitoring, siehe cosmo.sciencemediace­nter.de/

[2] Literaturhinweise zu der WID Umfrage und auch zu den nachfolgend angeführten empirischen Befunden sind in dieser Übersichtsarbeit zum zu finden:  www.uni-muenster.de/­imperia/md/content/psyifp/aebromme/pgp_keys/brommeinfomiertesvertrauen12.19.pdf.

Rainer Bromme ist Senior-Professor für Pädagogische Psychologie.

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