Kirche in Zeiten der Corona-Krise: "Nicht die Systemrelevanz riskieren"

Arnulf von Scheliha © WWU - Laura Grahn

Arnulf von Scheliha © WWU - Laura Grahn

Dass in diesem Jahr die höchsten Feiertage - Karfreitag und Ostern - nicht öffentlich gefeiert wurden, dürfte in der Geschichte des Christentums eine äußerst seltene Ausnahme sein. Zu den Nebenwirkungen der politischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gehört, dass die religiöse Betätigung fast vollständig privatisiert wurde. Das vollzog sich nicht ohne Zutun der Kirchen. In einigen Regionen wurden Gottesdienste abgesagt und Kirchgebäude schon geschlossen, noch ehe die öffentliche Ausgangssperre angeordnet wurde. Die Motive dafür sind ehrenwert, denn es gilt auch im Religionssystem Verantwortung gegen die Ausbreitung des Virus‘ zu übernehmen und Risikogruppen zu schützen.

Doch dadurch ist eine paradoxe Situation entstanden. In Deutschland gehört seit vielen Jahren zum ‚zivilreligiösen‘ Grundkonsens, dass sich staatliche Ebenen und Religionsgemeinschaften zur Begründung ihrer wechselseitig freundlichen Haltung auf das sogenannte Böckenförde-Paradox berufen, nach dem der Staat in der Krise auf die moralischen Ressourcen seiner Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist, weil er den Gebrauch der Freiheit, die er garantieren soll, nicht selbst herstellen kann. „Worauf stützt sich dieser Staat am Tag der Krise?“, so fragte einst der Staatsund Verwaltungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde und nominierte die Religion als diejenige Größe, die zur Regeneration der sittlichen Substanz des Gemeinwesens beiträgt. Nun ist die Krise da und zu ihrer paradoxen Symptomatik gehört, dass die religiösen Institutionen die staatlichen Maßnahmen unterstützen, indem sie schweigen. Das wiegt schwer: Eben noch rang man in der evangelischen Kirche und Theologie darum, ob die „Öffentliche Theologie“ (Wolfgang Huber, Heinrich Bedford-Strohm) oder der „Öffentliche Protestantismus“ (Christian Albrecht, Reiner Anselm) das richtige Konzepte ist, um die ethischen Anliegen des Evangeliums im politischen Raum zu adressieren. Dass die Öffentlichkeit, die die Kommunikation des Evangeliums selbst benötigt, einmal wegbrechen könnte, lag bislang völlig außerhalb der theologischen Vorstellungskraft. Das damit verbundene Risiko ist hoch. Denn das Verlöschen öffentlicher Religionsausübung verstärkt den bedenklichen Effekt der „Pulverisierung der Gesellschaft“ (Hinnerk Wissmann), den Ausgangsund Kontaktsperren ohnehin haben.

„Behüt vor Krieg und teurer Zeit, vor Seuchen, Feur und großem Leid“, so heißt es in einem bekannten Kirchenlied. „Wend ab in allen Gnaden / so Feurals Wasserschaden / treib Sturm und Hagel ab / bewahr des Landes Früchte / und mache nicht zunichte / was deine Milde Hand uns gab.“ - Solche und ähnliche Verse aus dem Evangelischen Gesangbuch klingen hochaktuell in diesen Tagen, in der sich neben „Seuche“ und „Leid“ auch eine erhebliche wirtschaftliche Krise anbahnt. Ein großer Teil der christlichen Überlieferung gibt der Erfahrung von Angst und Not Sprache und Adresse. Aber diese Lieder und Gebete bleiben nun stumm und können ihre befreiende Wirkung nicht entfalten.

Nun ist es keineswegs so, dass die Kirchen ihre Aktivitäten eingestellt haben. Nach einer gewissen Schockphase haben viele Kirchengemeinden mit beachtlicher Kreativität gestreamte Gottesdienste auf YouTube eingestellt, bieten auf ihren Webseiten „geistliche Impulse“ an und präsentieren Links sowie Telefonnummern, unter denen engagierte Seelsorgerinnen und Seelsorger erreichbar sind. Das vor einigen Jahren aufgelegte Programm „Kirche und Digitalisierung“ zeigt Früchte. Freilich ist die Resonanz überschaubar, die Anzahl der Klicks bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. In den Sozialen Medien äußern sich einige Pastorinnen und Pastoren frustriert. Ist religiöse Kommunikation ein zutiefst analoges Phänomen? Schon empfiehlt die Pastorin Katharina Scholl „Schweigen als Auftrag“.

Religionsund gesellschaftstheoretisch dürfte das verordnete Schweigen problematisch sein. Denn im Kern geht es in den christlichen Gottesdiensten ja nicht um den rituellen Vollzug des immer Gleichen, sondern um eine dynamische, an den Fragen der Gegenwart orientierte Deutung derjenigen Fragen, die die Einzelnen ebenso wie die ganze Gesellschaft bewegen. Das gilt erst recht im Zeichen der Pandemie: Neben den psycho-sozialen Auswirkungen der Ausgangsoder Kontaktsperren sind die Menschen ja auch mit ihrer Furcht vor Ansteckung, mit ihrer Erkrankung und mit der Erfahrung von Tod konfrontiert. Die Bilder vom Umgang der US-amerikanischen Behörden mit den Toten zeigen, mit welch eisiger und stummer Kälte eine Verstaatlichung des Umganges mit existenziellen Tiefenerfahrungen verbunden sein kann. Eine Gesellschaft verliert ihren Exponenten Freiheit, wenn Geburten, Eheschließungen und Sterben nicht mehr mit einer (religiösen) Feier verbunden sein können. Die Bildung von subversiven Milieus könnte sich als unerwünschte Nebenwirkung einstellen. Anthropologisch und kulturgeschichtlich betrachtet bilden Angst, Krankheit und Tod den Wurzelgrund für religiöse Vorstellungen und Riten. Die Beantwortung der damit gestellten Fragen kann weder der Medizin noch der Politik überlassen werden. Hier zeigt sich die Systemrelevanz der Religion.

Die Entscheidung von Bundesregierung und Ministerpräsidenten, das Verbot von öffentlichen Gottesdiensten noch einmal zu verlängern, ist vor diesem Hintergrund hoch problematisch. Es ist erforderlich, dass die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Gefühle religiös und gemeinschaftlich zur Sprache kommen können. Jenseits der hohen Feiertage lässt sich das Abstandsgebot in den Gotteshäusern gut umsetzen. Gottesdienste können leicht so gestaltet werden, dass Körperkontakt vermieden werden kann. Besonders wichtig ist, dass religiöse Feiern an den Schwellen des Lebens möglich werden. Es geht darum, gerade in der Krise nicht nur Angst und Trauer, sowie Vertrauen und Hoffnung, sondern auch dem Gemeinsinn Worte zu geben.

Doch die christlichen Kirchen verhalten sich an dieser Stelle bisher zu uneindeutig. Der schnelle und kompromisslose Rückzug aus dem öffentlichen Leben deutet darauf hin, dass man in der Tiefe nicht über die Frage der eigenen Systemrelevanz nachgedacht hat und wie Sportvereine und Einzelhändler auf analoge Tauchstation gegangen ist. Mit ihren digitalen Angeboten, mit Telefonnummern und Seelsorgeangeboten erreicht man zwar eine Kernmitgliedschaft. Aber der Transfer der Deutungsangebote in die anderen sozialen Sphären ist verstellt, denn die digitale Kirche erreicht die Menschen jenseits der fest gefügten Kerngemeinden kaum. Die religiös Aufgeschlossenen, zugleich kirchlich Distanzierten, eine für den deutschen Protestantismus charakteristische Haltung, stehen buchstäblich vor verschlossenen Türen. Der kirchliche Lockdown könnte die ohnehin bestehende Tendenz zur Pflege einer kirchlichen „Sondergruppensemantik“ (Niklas Luhmann) noch verstärken.

Bei dem Gespräch mit den Ministerpräsidenten und dem für die Religionsfragen zuständigen Bundesinnenminister Horst Seehofer sollten die Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften ihre defensive Haltung aufgeben. Denn was für ein Signal geht von der Regierungsentscheidung an die Gesellschaft aus, wenn Einzelhandelsgeschäfte vor den Kirchen, Synagogen und Moscheen geöffnet werden können? Darüber wäre unter Beteiligung von Religionsgemeinschaften und Theologie gesellschaftlich zu diskutieren! Zugleich sollte man sich die Religionsgemeinschaften am bedachtsamen Hochfahren des öffentlichen Lebens mit analogen spirituellen Angeboten beteiligen. Dafür stehen die Ressourcen bereit.

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat in seinem im Herbst 2019 erschienenen Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“ den Kirchen eine bedingte Systemrelevanz beschieden und auf die sozial unabgegoltenen Ressourcen der religiösen Traditionen hingewiesen. Für diese Aufgaben müssen die Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum präsent sein können. Es wird weiterhin ein Lackmus-Test für den Freiheitsgrad unserer Gesellschaft sein, ob diese Präsenz auch möglich ist. Zur Botschaft von Jürgen Habermas gehört auch, dass die Religion in ihrer Ethik nicht aufgeht, sondern nur dann „ein Pfahl im Fleisch einer Moderne“ sein kann, solange sich die religiöse Erfahrung auf die rituelle „Praxis der Vergegenwärtigung einer starken Transzendenz stützen kann“. Zu dieser Pflege gehört die kreative Aktivierung von religiöser Deutungskompetenz - gerade in Zeiten von Not und Gefahr. Das können wiederum nur die Kirchen selbst leisten und an diesem Punkt verhalten sie sich gegenwärtig zu defensiv. Dadurch riskieren sie viel - nicht zuletzt ihre Systemrelevanz.

Arnulf von Scheliha ist Direktor des Instituts für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster.

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