Innovative Ideen zur Gender- und Diversity-Gerechtigkeit

Antrittsvorlesung der renommierten Soziologie-Professorin Kathrin Zippel am 1. Dezember an der Freien Universität Berlin

Warum spielt das Konzept von unbewusster Voreingenommenheit (implicit bias) in der Diversitätspolitik an US-amerikanischen Universitäten so eine große Rolle? Dieser Frage geht die Soziologin Prof. Kathrin Zippel im Rahmen ihrer Antrittsvorlesung am 1. Dezember an der Freien Universität Berlin nach; im Zentrum ihres Vortrags steht die Geschichte des akademischen Konzepts von implicit bias. ,,Implizite Voreingenommenheit ist eines der populärsten, aber auch umstrittensten Konzepte in der Diversitätspolitik in den USA geworden ist", sagt die Soziologin. Ausgangspunkt für die Rechtfertigung von Ungleichheiten in einer leistungsorientierten Gesellschaft sei, dass eine gerechte, unvoreingenommene Beurteilung der Qualität von Arbeit sowie Fähigkeiten und beruflicher Qualifikationen möglich sei; Menschen erhielten Erfolg, Status, Macht oder Belohnungen aufgrund ihrer Leistungen und nicht aufgrund ihrer sozialen Stellung. ,,Besonders in der Wissenschaft gilt das Ideal, dass erfolgreich ist, wer fähig ist und sich nur genug anstrengt", erklärt Kathrin Zippel. ,,Allerdings gefährdet implizite Voreingenommenheit die Fairness von Beurteilungen." Denn alle Menschen hätten Vorurteile und Stereotype, die als Denkmuster - auch unbewusst - die Beurteilung von Leistungen und Eignungen anderer verzerrten. In ihrer Antrittsvorlesung geht sie deshalb den Fragen nach, welche Aspekte von impliziter Voreingenommenheit für Spannungen bei Diversity-Maßnahmen sorgen und warum das Konzept von so populär ist. Die englischsprachige Veranstaltung findet im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin statt und wird auch im Livestream Übertragen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Sie ist Teil der Vortragsreihe ,,Diversität und Exzellent - Ein Spannungsverhältnis’!", die von der Berlin University Alliance veranstaltet wird.

,,Interessanterweise stellt das Konzept unbewusster Voreingenommenheit nicht die leistungsorientierten Verteilungsprozesse an sich in Frage. Es macht nur aufmerksam, dass Beurteilungen in der Praxis fairer gestaltet werden müssen", sagt Kathrin Zippel. So müssten etwa Auswahlkriterien standardisiert und transparent festgelegt und konsequent angewandt werden. ,,Damit können aber auch neue Kriterien verhandelt werden, zum Beispiel Beiträge zur Vielfalt oder Genderaspekte in der Forschung, die dann für die Beurteilung von Exzellenz explizit zum Tragen kommen können." An US-amerikanischen Hochschulen geschehe dies schon; auch der Europäische Forschungsrat und das NIH forderten dies zum Teil. ,,Stellungnahmen von Bewerbenden zu Diversität, Inklusion, und Gleichheit sowie der Einbezug von Gender in medizinischen Forschungsprojekten werden zunehmend verlangt", sagt die Soziologin. Damit werde auch Exzellenz inklusiver gedacht.

Kathrin Zippel wird mit einer Einstein-Profil-Professur der Einstein Stiftung Berlin gefördert und ist seit Juli 2022 Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Gender Studies an der Freien Universität Berlin. Zuletzt hat die Wissenschaftlerin als Professor of Sociology in den USA an der Northeastern University in Boston geforscht und gelehrt.

Mithilfe der Einstein-Profil-Professur möchte Kathrin Zippel unter anderem Genderforschung in Berlin mit empirischer intersektionaler Genderforschung aus einer international vergleichenden, institutionellen Perspektive bereichern und damit deren internationale Strahlkraft verstärken. Dazu wird sie auch im Rahmen des Excellenzclusters ,,Contestations of the Liberal Script (SCRIPTS)" an der Freien Universität forschen. Unter anderem wird sie an einem Forschungsprojekt beteiligt sein, das Variationen von Diversität untersucht. Dazu werden sogenannte ,,Diversity Scripts" untersucht, also inwiefern das Ziel von Diversität oder Vielfalt als Spannung zu Meritokratie gesehen wird. ,,Ländervergleiche zwischen Deutschland, Großbritannien, Indien, der Türkei, und den USA können dabei beleuchten, welche Kategorien als Diversität zählen, und wieso gerade die Förderung der Genderund Diversity-Gerechtigkeit eine so große Herausforderung darstellt", betont die Wissenschaftlerin. Kathrin Zippel hat sich die Aufgabe gesetzt, mit ihrer Forschung Antworten zu der Frage beizutragen, weshalb Gendergerechtigkeit in wichtigen Feldern wie Bildung, Arbeit, Wissenschaft und Politik nur langsam vorankomme und höchst ungleichmäßig verlaufe, aber auch wo es krisenresistente, nachhaltige Fortschritte gibt. Forschungsschwerpunkte werden zunächst Gleichstellungsund Diversity-Maßnahmen sowie Genderaspekte von globalen Veränderungsprozessen in Wissenschaft und Bildung sein.

Mit ihren Profil-Professuren unterstützt die Einstein Stiftung Berlin Berufungen von Spitzenforscherinnen und -forschern aus dem Ausland, die von herausragender strategischer Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Berlin sind: Mithilfe der Einstein-Profil-Professuren können die Berliner Universitäten und die öffentlich grundfinanzierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen in besonderer Weise Forschungsstrategien umsetzen, Profilbildungen vornehmen, neue Forschungsbereiche erschließen und voranbringen sowie ihre Stärken ausweiten und Anziehungskraft für weitere renommierte Forschende entwickeln.

Die Vortragsreihe ,,Diversität und Exzellenz - Ein Spannungsverhältnis’!" wird von der Berlin University Alliance (BUA) veranstaltet. Obgleich sich die Diversitätspolitik in den letzten Jahren zu einem der Kernelemente der Organisationsentwicklung auch im deutschen Hochschulwesen entwickelt hat, sind nach wie vor zahlreiche Spannungen bei der Umsetzung von Diversitätsmaßnahmen festzustellen. Vielfach werden Diskriminierungen nicht durch Diversitätsmaßnahmen angegangen, sondern durch diese Überdeckt, so dass letztlich ausgrenzende Strukturen in der Hochschule unverändert bleiben. Diesem Spannungsverhältnis und wie eine Diversifizierung der Hochschule möglich sein kann, ist diese Ringvorlesung gewidmet. Sie wird durch das ,,Diversity and Gender Equality Network (DiGENet) des Cross-Cutting-Themes Diversity und Gender Equality" der BUA ausgerichtet. Forschende setzen sich in den Vorträgen kritisch mit dem Spannungsverhältnis Diversität und Exzellenz aus unterschiedlichen, disziplinären sowie interdisziplinären Perspektiven auseinander.

Der eingebettete Frame kann nicht dargestellt werden
<a width="100" height="500" >Tweets by @FU_Berlin</a> <script>!function(d,s,id){var js,fjs=d.getElementsByTagName(s)[0],p=/^http:/.test(d.location)?'http':'https';if(!d.getElementById(id)){js=d.createElement(s);js.id=id;js.src=p+"://platform.twitter.com/widgets.js";fjs.parentNode.insertBefore(js,fjs);}}(document,"script","twitter-wjs");</script>