"Im Gespräch zwischen den Religionen ist die Spiritualität das Verbindende"

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Ahmad Milad Karimi © WWU - Peter Grewer

Ahmad Milad Karimi © WWU - Peter Grewer

Für den Islam stellt das Christentum keine fremdartige Religion dar. Der Islam lebt aus der bleibenden Bezogenheit zum Christentum (und Judentum) heraus. Sowohl das Judentum als auch das Christentum werden im Koran gewürdigt als von Gott selbst offenbarte Glaubenswege, die sich nicht ausschließen. Gemeinsam sind diesen Religionen das Wesentliche: der Glaube an den einen Gott. Darüber hinaus zeigt sich aus der lebendigen interreligiösen Begegnung, dass unsere Fragen im Leben dieselben sind: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Worin besteht unser Glück, worin unser Elend? Was sollen wir tun, was ist der Sinn unserer Existenz? Weder das Christentum noch der Islam sind in Besitz der Wahrheit, wenn sie auch jeweils davon überzeugt sind, dass der jeweils eigene Weg wahr ist. Hier stellt sich die Frage, von welchem Christentum und welchem Islam wir sprechen.

Beide Religionen verfügen über eine große Vielfalt, getragen von erlebbarer Ambiguität. Hierzu gehören auch die Vertreter von extremen Strömungen, die nicht nur den Dialog verweigern, sondern überhaupt gegenüber der eigenen pluralen Erscheinung skeptisch und zuweilen feindselig eingestellt sind. Daher begreift sich der interreligiöse Dialog auch als ein Gegenentwurf zu den exklusivistischen Strömungen, die ihre eigene Perspektive auf die Wahrheit mit der Wahrheit selbst verwechseln. Dabei ist der wahre Islam nichts als die Sehnsucht nach dem Wahren im Islam. Der Dialog fordert daher die Begegnung von Mensch und Mensch, von gelebten Glaubenswegen. Und wenn sich Menschen aufeinander zubewegen, nach Begegnung streben, entsteht in dieser Mitteilung ein Stück Lebensteilung. Lebenswege können nebeneinander, getrennt und geschieden verlaufen, indem jeder seinen eigenen Weg verfolgt. Der Weg des Islams zum Christentum ist kein beiläufiger und flüchtiger Weg, sondern er sucht das Christliche für die eigene Selbstvergewisserung.

Wie soll aber eine Begegnung ermöglicht werden, in der es nicht um Polemik, um gegenseitige Belehrung, um Rechthaberei und um sich Erheben über den anderen geht? Die gegenseitige Fremdheit beruht nicht selten auf der gegenseitigen Ignoranz und der damit einhergehenden Geringschätzung immer von der Furcht getragen, dass es den eignen Weg verfälschen könnte, würde man sich auf den anderen beziehen. Zunächst zeigen sich in der Tat Unterschiede. Muslime zum Beispiel glauben nicht an den dreifaltigen Gott, an die Inkarnation Gottes und seine Kreuzigung. über diese Unterschiede der Glaubenswege kann nicht hinweggesehen werden, wenn der Dialog wahrhaftig und authentisch sein will. Aber was bedeuten diese Unterschiede, diese Glaubensgrundsätze der Christenheit? Die Unterschiede können wahrgenommen und das Irritierende benannt werden, aber sie können mit Leben gefüllt werden. Unterschiede mögen bleiben, aber sie müssen nicht zu Gegensätzen avancieren. Geteilte Wege sind nicht ohne Stolpersteine, die sich auf dem Wegrand der Geschichte über Jahrhunderte hinweg angehäuft haben. Den Blick auf die Stolpersteine zu richten, ist notwendig und eröffnet den Weg zum anderen. Zur interreligiösen Begegnung auf Augenhöhe gehört konstitutiv das Trennende. Denn erst das Trennende ermöglicht die Begegnung. Der Dialog fordert daher, dass wir aufeinander hören, voneinander lernen, uns vom anderen berühren lassen und einander bestaunen.

Dieser Weg des Dialogs verliert sich nicht im anderen, sondern findet zu sich selbst im Blick und Herzen des anderen. Sich aus dem Herzen des anderen sehen zu lernen, vertieft dabei die eigene Spiritualität und Demut, weil sie im Respekt vor Differenzen Haltung stiftet. Der interreligiöse Dialog zeigt, dass die meisten Themen, die den jeweiligen Glauben tragen, die gleichen sind: das Heilige, das Wahre, das Schöne, der Glaube und der Unglaube, das Gebet und die Gebetsräume, prophetische Gestalten, die Verantwortung der Gläubigen für die Gesellschaft, die gemeinsame Mission für das Gute und Gerechte. über die vielen religiösen Topoi hinaus erfahren wir im Dialog miteinander, dass im Gespräch zwischen den Religionen die Spiritualität das eigentlich Verbindende ist. Es sind spirituelle Traditionen, die mit ihrer unerschöpflichen Offenheit und Geistigkeit zueinander finden, Sufismus und christliche Mystik, die im Kern zueinander gehören. Sie gehören deshalb zusammen, weil sie sich als Wege begreifen, weil sie nicht starrsinnig auf Dogmen beharren, sondern nach dem Geheimnis dahinter streben. Eine Begegnung, die Geist und Geistigkeit verbindet, zeigt, dass wir einen gemeinsamen Auftrag haben für die kreative Mitgestaltung unserer offenen Gesellschaft, die offen bleiben kann, wenn sie von gemeinsamen Werten getragen wird. Indem wir einander unseren spirituellen Weg offenlegen, können wir auch eine Sprache finden, die den Menschen von heute, Gläubigen wie Ungläubigen, den Reichtum unserer spirituellen Tradition so weitergeben kann, dass er die Menschen und die Gesellschaft von morgen prägt.

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