Großes Masterprojekt des Studiengangs Kulturanthropologie/Volkskunde widmet sich der Kultur und Geschichte einer wenig bekannten Minderheit im Nordwesten Polens  

Ein Mainzer Student der Kulturanthropologe bei der Betrachtung einer typischen k

Ein Mainzer Student der Kulturanthropologe bei der Betrachtung einer typischen kaschubischen Landschaft

Großes Masterprojekt des Studiengangs Kulturanthropologie/Volkskunde widmet sich der Kultur und Geschichte einer wenig bekannten Minderheit im Nordwesten Polens

Die Kaschubei - eine seenund waldreiche Region im Norden Polens, südwestlich von Danzig gelegen - ist in Deutschland nur wenigen bekannt. Dem einen oder anderen vielleicht aus Günter Grass’ Buch "Die Blechtrommel". Donald Tusk, der derzeitige EU-Ratspräsident, stammt beispielsweise aus der Kaschubei. "Ansonsten ist diese Ecke Polens hierzulande ein weißer Fleck auf der Landkarte", sagt Dr. Oliwia Murawska von der Kulturanthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Dies gilt ganz sicher nicht mehr für die 19 Teilnehmer am Masterprojekt "Geschichte und Revitalisierung der kaschubischen Kultur". Sie haben auf einer einwöchigen Exkursion die Kaschubei zu Fuß erkundet und Material für eine Fotoausstellung gesammelt, die 2019 zunächst in Mainz und anschließend in Danzig zu sehen sein wird - um dann die Landschaft und die Kultur auch einem größeren Kreis zugänglich zu machen.

"Günter Grass hat die Kaschubei der deutschen Öffentlichkeit nahegebracht. Er hat sich selbst auch als Kaschube gesehen", erklärt Murawska, die das Masterprojekt leitet und die Kaschubei im Rahmen ihres Habilitationsprojektes erforscht. Die Kaschuben, eine ethnisch-kulturelle Minderheit, sahen sich im Verlauf der Geschichte wechselnder Herrschaft unterworfen, mal preußisch, mal polnisch, mal germanisiert, dann polonisiert. Besonders schwer hatten sie es während der NS-Herrschaft, als sie diskriminiert und gezwungen wurden, sich in die Deutsche Volksliste einzutragen. Die Wurzeln der Kaschuben reichen bis ins 7.Jahrhundert zurück, sie pflegen eigene Bräuche und eine eigene Sprache, die Ähnlichkeiten sowohl mit der polnischen wie der deutschen Sprache aufweist, allerdings erst im 19.Jahrhundert verschriftlicht wurde. "Die Kaschubei wurde immer auch als eine Grenzregion betrachtet, was das Gebiet für uns als Volkskundler besonders interessant macht", so Murawska.

Masterprojekt - Herzstück des Mainzer Studiengangs

An der JGU zeichnen sich die Studiengänge im Fach Kulturanthropologie/Volkskunde durch eine starke Praxisorientierung aus. Im Master-Studiengang ist die Teilnahme an einem großen zweisemestrigen Forschungsprojekt wie zum Beispiel zur Kaschubei obligatorisch. Die Projekte werden meist mit Kooperationspartnern durchgeführt und umfassen von der Konzeption bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse alle Schritte einer eigenständigen Studie. "Das Masterprojekt ist das Herzstück des Studiengangs, ein sehr intensives Programm, auf das wir hier in Mainz besonders stolz sind", so Murawska. Michael Simon, der Leiter des Faches Kulturanthropologie/Volkskunde, ergänzt, dass das forschende Lehren an der Mainzer Universität auf eine lange Tradition zurückblickt und ganz wesentlich zu einer hohen Qualifizierung des akademischen Nachwuchses in seinem Fach beiträgt.

So sind die Mainzer Studentinnen und Studenten zusammen mit ihren Dozenten und einer Gruppe von fünf Studierenden der Universität Danzig in die Kaschubei gefahren und haben in Feldtagebüchern und mit Fotokameras ihre Beobachtungen festgehalten. Außer den auf Wanderungen gesammelten Sinneseindrücken konnten sie sich in regionalen und lokalen Museen über das kulturelle Erbe dieser Region informieren und sich vor Ort ein Bild von den Bemühungen der Kaschuben um ihre sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit machen. Eine wichtige Station war das Freilichtmuseum in Wdzydze, das 1906 als eines der ersten seiner Art in Europa von Teodora und Izydor Gulgowski gegründet wurde. Die Eheleute haben sich für die Bewahrung kaschubischer Kultur eingesetzt und maßgeblich an der Revitalisierung der regionalen Volkskunst mitgewirkt. Bis heute sind die von Teodora Gulgowska kreierten Muster in der Kaschubei nahezu omnipräsent.

Die Kaschubei kommt nach Mainz

Das gesammelte Material wird nun von den Studierenden ausgewertet und für eine Fotoausstellung aufbereitet, die ab Juni 2019 in der Mainzer "Schule des Sehens" und anschließend an der Universität Danzig gezeigt wird. Kooperationspartner an der Universität Danzig ist insbesondere das Germanistische Institut. Die dortige Kollegin Dr. Mi’os?awa Borzyszkowska-Szewczyk wird im Wintersemester 2018/19 als Gastprofessorin an der JGU unterrichten und sich an der Vorbereitung der Fotoausstellung beteiligen. "Gerne möchten wir den Austausch auf studentischer Ebene auch künftig fördern und die Kooperation zwischen den beiden Instituten verstetigen", kündigte Oliwia Murawska an.