,,Forschenden fehlt oft das ’business know-how’"

Michael J. Bojdys 
Foto: privat

Michael J. Bojdys Foto: privat

Dr. Michael J. Bojdy von der HU nahm am Jahrestreffen der neuen Champions (AMNC) in China teil. Thema war ,,Leadership 4.0: Erfolg in einer neuen Ära der Globalisierung".

Vom 1. bis 3. Juli fand in Dalian, China, auf dem vom Weltwirtschaftsforum (WEF) organisierten Jahrestreffen der neuen Champions (AMNC), das auch als ,,Sommer Davos" bekannt ist, mit zukunftsweisenden wissenschaftlichen Erkenntnissen statt. Die diesjährige Veranstaltung befasst sich mit dem Thema ,,Leadership 4.0: Erfolg in einer neuen Ära der Globalisierung".

Zum achten Mal in Folge hat der Europäische Forschungsrat (ERC) mit einer Delegation teilgenommen, die sich aus dem Präsidenten des ERC, Prof. Jean-Pierre Bourguignon, und zehn ERC-Stipendiaten zusammensetzt, die alle in ihren jeweiligen Bereichen führend sind. Einer dieser zehn ERC Stipendiaten war Dr. Michael J. Bojdys, Nachwuchsgruppenleiter am IRIS Adlershof sowie am Institut für Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Bojdys, sie waren gerade auf dem Jahrestreffen der neuen Champions (AMNC). Um was für ein Treffen handelt es sich dabei und wie kam es zu Ihrer Teilnahme?

Dr. Michael J. Bojdys: Das Jahrestreffen der neuen Champions (AMNC) ist das führende, weltweite Treffen zu Innovation, Wissenschaft und Technologie, und es hat zum Ziel, Unternehmertum im Sinne des weltweiten öffentlichen Interesses zu fördern. Ich bin im zweiten Jahr in Folge Mitglied der "Young Scientists" am Forum; dies sind außerordentliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen akademischen Disziplinen und Ländern unter 40 Jahren, die ihre Forschung an den Nachhaltigkeitszielen der UN ausrichten. Meine eigene Forschung steht ganz im Sinne dieser Ziele und wurde deshalb auch vom Forum ausgewählt. Letztes Jahr zeigten wir auf, wie automatisierte, chemische Synthese die Suche nach Fotokatalysatoren zur nachhaltigen Gewinnung des Energieträgers Wasserstoff beschleunigen kann (Angewandte Chemie Int. Ed. DOI: 10.1002/anie.201809702). Dieses Jahr sprachen wir mit Vertretern aus Industrie und Politik darüber, wie man Ideen aus dem Labor schneller an den Markt bringen kann, wie zum Beispiel unsere neuartigen Batterien, die Handys über Wochen und nicht nur für Stunden am Laufen halten.

Sie sind gerade wieder vom Treffen in China zurück. Was waren Ihre Eindrücke?

Bojdys: Auch beim zweiten Besuch ist das AMNC überwältigend. Ich bin beeindruckt, wie schnell, dezidiert und informiert die politischen Vertretung der Volksrepublik China auf globale Herausforderungen reagiert. Chinas ,,Road and Belt" Initiative berücksichtigt auch einen Ausbau digitaler Infrastruktur und des Wissenschaftsaustausches. Hier wird China schon sehr bald Akzente und Regeln setzen, was Open Data und Open Science anbelangt, aber auch bei wissenschaftlichen Partnerprogrammen wie beispielsweise zwischen Großbritannien und China - dies sind Fragen, die bei uns in der EU noch nicht hinreichend durchdacht sind.

Das Thema der Veranstaltung war ,,Leadership 4.0: Erfolg in einer neuen Ära der Globalisierung". Was war das Ziel, worum ging es dabei?

Was haben die besten Führungspersonen heutzutage gemeinsam? Sie fragen sich: ,,In welcher Welt lebe ich? Was sind die wichtigsten Trends in dieser Welt? Und wie unterrichte ich meine Bürger darüber und richte meine Entscheidungen so aus, dass sie am meisten davon profitieren?" Wachstum und Erfolg hängen zunehmend von der Fähigkeit ab, wie ich selbst, meine Stadt, meine Firma, meine Universität oder mein Land am Fluss von Wissen und Investitionen teilhaben - und nicht alleine von Beständen und Renditen, eben weil diese Bestände und Renditen mit zunehmendem Tempo an Wert verlieren. Im Sinne von Wissenschaftspolitik wurden zwei zentrale Fragen diskutiert. Zum einen, sitzen wir an Universitäten auf riesigen Beständen von Daten, Publikationen und Patenten. Wie verwandeln wir diese Bestände an Wissen in einen Wissensfluss? Hier werden Open Data und Open Science in den kommenden Jahren zu zentralen Themen für Geldgeber und für die Forschung. Zum anderen, braucht die Einführung innovativer Technologie viel zu lange - besonders in der chemischen Industrie braucht ein Produkt im Schnitt 10 bis 15 Jahre vom Labor zum Markt. Wie beschleunigen wir die Erneuerung in diesem Wissensfluss?

Bei dem Treffen ging es auch darum, dass viele Forscher schon Antworten für drängende Fragen unserer Zeit haben, den Transfer in die Gesellschaft aber nicht schaffen. Was wurde als Hauptproblem gesehen?

Zwei Hauptprobleme sogar: Forschenden fehlt oft das ,,business know-how", um effektiv mit Geldgebern zu reden. Ich würde mir wünschen, dass jeder Forschende in der Lage ist, in einem ,,Aufzugsgespräch" die Wirkung ihrer Forschung auf die Gesellschaft zu erläutern. Hier braucht es seitens der Institutionen deutlich mehr Lehre in Wissenschaftskommunikation - die Niederlande gehen mit obligatorischen Kursen für Doktoranden mit gutem Beispiel voran. Weiterhin brauchen wir eine bessere Finanzierung für die Entwicklung technologischer Prototypen. Eine spannende Initiative kommt hier vom ERC; mittels der ,,Proof of Concept" Stipendien werden nicht nur die Entwicklung von Prototypen sondern auch Marktstudien gefördert. Ein ,,ERC Virtual Ventures Fair", der gerade entwickelt wird, soll dann die wissenschaftliche Projektleitung solcher Stipendien mit den richtigen Investoren verbinden.

Sie beschäftigen sich mit Nanomaterialien und sind Nachwuchsgruppenleiter am IRIS Adlershof. Was konnten sie aus dem Treffen für Ihre Projekte herausziehen?

Die Möglichkeiten zum Netzwerken am AMNC sind einzigartig, und ich konnte hoffentlich überzeugen, dass der Standort Adlershof spannende Projekte und Start-Ups wie beispielsweise die INURU GmbH und OrelTech Mobile GmbH hervorbringt. Ich habe unsere wissenschaftlichen Arbeiten an den renommierten Verlag ,,Nature" herantragen. Weiterhin haben wir zwei Interessenbekundungen für Venture-Capital Investitionen in unsere Batterietechnologie gewinnen können. Ich kann Forschende der Humboldt-Universität nur anregen, solche Veranstaltungen aktiv aufzusuchen.

Die Fragen stellte Boris Nitzsche.


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