Fasziniert vom Mittelalter

Es ist sicher kein Buch, das man so nebenher liest, zwischen zwei Tassen Kaffee beispielsweise, oder vier bis sechs Seiten am Abend vor dem Einschlafen. Das liegt zum einen an der Sprache - das Mittelhochdeutsche ist halt nicht jedermanns Sache. Es liegt zum anderen an den, vorsichtig formuliert, komplexen Themen, denen sich der Autor Wolfram von Eschenbach widmet: Es geht um Heilsund Paradiesfantasien, um Schuld, spirituelle Gemeinschaften und um die Gegensätze von Männerund Frauenwelten. Kein einfacher Stoff. Schließlich ist es das schiere Volumen und die Gliederung, die den einen oder anderen literarisch Interessierten abschrecken könnte. Das Werk ist unterteilt in 16 Bücher und besteht aus rund 25.000 paarweise gereimten Versen. Wer sich dennoch daran versucht, der darf sich Experten zufolge auf "eine zauberhafte Geschichte über Schuld und Liebe, Versagen und Erfolg, über den langen Bewährungsweg eines außerordentlichen Helden" freuen.

Silvia Reuvekamp zählt zu den entschlossenen und begeisterten Lesern dieses Mammutbands, sie muss man schon lange nicht mehr von den Vorzügen des "Parzival" Überzeugen. Sie empfindet den in den Jahren 1200 bis 1210 entstandenen Roman als geradezu "atemberaubend" - trotz seiner als düster geltenden Sprache, trotz der schwer zu durchschauenden Metaphorik und der beeindruckenden Zahl von Nebenfiguren. Oder gerade deswegen. Zugegeben: Silvia Reuvekamp ist nicht die typische Parzival-Genießerin, denn sie ist von Berufs wegen dieser Lektüresorte zugeneigt. Seit 2018 lehrt und forscht sie als Professorin für die Literatur des Mittelalters am Germanistischen Institut der Universität Münster. Und deswegen Überrascht es nur bedingt, wenn sie auf die Frage nach weiteren Lieblingswerken Konrad von Würzburgs "Trojanerkrieg" nennt, einen Roman, der nur als Fragment mit rund 40.000 Versen Überliefert ist - wobei bis dahin erst gut ein Drittel der Geschichte erzählt ist...

Mit zwei Professuren und einem kontinuierlich guten Zulauf der Studierenden ist die Mediävistik auch als vergleichsweise kleines Institut nicht nur fest verankert in der Germanistik an der WWU, sondern auch hochgeschätzt. Vor allem die Abteilung der neueren deutschen Literatur mit ihrem Fokus auf Popkultur, Medien und die Gegenwartsliteratur hält reichlich thematische "Konkurrenz" bereit. Aber die Mediävistik bietet bei genauerem Hinsehen eine faszinierende Literatur-Landschaft mit nach wie vor modernen Konzepten, Fragen und Figuren. "Wie frei ist unser Wille wirklich? Wie ist das Verhältnis von Trieben und Kultur? Und wie haben die damaligen Autoren ihre Figuren entworfen, um diese und andere Fragen zu beantworten? Die experimentelle und manchmal sogar absurde Herangehensweise der Autoren und deren bis heute aktuellen und klugen Ansätze Überraschen und faszinieren auch viele Studierende", betont Silvia Reuvekamp, die sich derzeit auch als geschäftsführende Direktorin des Germanistischen Instituts und als Prodekanin für Digitalisierung und Entwicklung neuer Lehrformate engagiert.

Bei ihren Arbeitsschwerpunkten bietet die Expertin eine große Bandbreite, etwa mit ihrem Interesse für die Poetik der Figurendarstellung im Roman des 12. bis 15. Jahrhundert, für literarische Kleinstformen, für die Sprachästhetik und den Stil in der volkssprachigen Literatur des Mittelalters oder für die historische Narratologie. In ihrer Vita sticht dagegen ein Kontinuum hervor: Silvia Reuvekamp ist offenbar von den Vorzügen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen dermaßen Überzeugt, dass sie es beruflich noch nie verlassen hat. Mit dem ursprünglichen Ziel, Lehrerin zu werden, studierte sie ab 1991 zunächst in Münster ("es war Übervoll - nach sechs Wochen habe ich das Handtuch geschmissen") und im Anschluss daran Mathematik und Deutsch in Aachen. Mit der Studienund Promotionszeit in Bochum wurde ihr "großer Respekt vor dem Erziehungsauftrag allerdings immer größer", parallel wuchs ihr Interesse an der Wissenschaft und der damit verbundenen "gedanklichen Freiheit". Mit dem Ergebnis, dass sie von 2008 bis 2017 als Akademische Oberrätin an der Universität Düsseldorf arbeitete, sich dort habilitierte und unmittelbar danach einen Ruf an die WWU annahm. "Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Bücher publiziert, hatte Erfahrung in universitärer Gremienarbeit, und ich konnte ein vergleichsweise großes Lehrverzeichnis vorweisen - all das hat mir sicher bei meiner Bewerbung geholfen", erinnert sie sich.

Das Interesse an Parzival und Co. entwickelte sich bei ihr ab dem zweiten Semester stetig, vor allem die Literatur aus den Jahren 1150 bis 1350 faszinierte sie von Beginn an. Eine Zeit, in der Literatur handschriftlich auf Pergament und später auf Papier erstellt und mühselig abgeschrieben wurde - eine seinerzeit hochexklusive Bildungsform, die nur wenigen Menschen vergönnt war. Die meisten Autoren beziehungsweise Gelehrten waren Kleriker, denn in den Klöstern standen die wenigen Bibliotheken. "Man erwartet in diesen Werken höfische Idealwelten und reichlich Lebensweisheiten. Stattdessen bekommt man mehr Fragen als Antworten und Grundprobleme des menschlichen Zusammenlebens geboten. Diese Überraschungseffekte mag ich sehr", unterstreicht Silvia Reuvekamp.

Rund 85 Prozent aller mittelalterlichen Handschriften existieren auf Latein, nur 15 Prozent auf Deutsch. Silvia Reuvekamp geht in ihrer Forschung gerne der Frage der thematischen Verwobenheit dieser Texte nach, beispielsweise zu Themen wie Bildung, Philosophie und Medizin. Etwaige Überraschungen, die sie dabei entdeckt, behält sie keineswegs exklusiv für sich. "Ich bekomme immer wieder WhatsApps von Kollegen mit entsprechenden Hinweisen - und genauso gerne teile auch ich auf diese Weise meine Begeisterung für dieses Fach."

Dieser Text stammt aus der Unizeitung wissen

leben Nr. 2, 6. April 2022.

Autor: Norbert Robers


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