’Es muss mehr Wertschätzung geben’

Interview mit Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins über die Situation der Pflege in Deutschland

Am 12. Mai ist internationaler Tag der Pflegenden. Die Situation der Pflege ist jedoch selbst ein Grund zur Sorge. Der Fachkräftemangel zeigt sich schon seit Jahren und wird sich angesichts der demografischen Entwicklung weiter verschärfen. Wie Wissenschaft und Praxis diese Entwicklung einschätzen, darüber hat Brigitte Heeke mit der Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins von der Katholisch-Theologischen Fakultät gesprochen.

Sie haben eine große Tagung mit über 100 Fachvertreterinnen und -vertretern zum Thema "Sorge - Care" organisiert. Wie lautet Ihr Fazit’

Oft hört man den Begriff einer ,sorgenden Gesellschaft’. Er benennt das anspruchsvolle Ziel, die Gesellschaft so zu bauen, dass sie dem Menschen wirklich entspricht: als Subjekt, das nur in Beziehung leben kann. Wir sind jederzeit verletzlich, in Abhängigkeiten eingebunden und hilfsbedürftig - längst nicht nur in Pflegefällen.

Gilt diese Erkenntnis nur dem einzelnen Menschen’

Dass man sich die Hilfsbedürftigkeit eingesteht, ist zum einen individuell. Wir beobachten, dass sich viele immer noch schämen, wenn sie Unterstützung brauchen. Da werden ambulante Pflegedienste gebeten, zwei Straßen weiter zu parken, damit die Nachbarn es nicht mitbekommen... Dabei kann jeder in eine solche Lage geraten. Aber auch die Gesellschaft insgesamt müsste sich insgesamt mehr in die Richtung eines Füreinanderdaseins entwickeln. Das betrifft auch die sozialpolitische Ermöglichung und Organisation von Sorgeleistungen.

Gibt es dafür Rückenwind in den Kommunen, bei Bund und Ländern’

Das Thema gerät politisch zunehmend unter Druck. Es wird viel Geld für andere wichtige Aufgaben ausgegeben. Zudem müssen wir mit gesellschaftlichen Kräften rechnen, die eher libertäre Vorstellungen vertreten, eine einseitige Leistungsorientierung, bei der die tatsächlich oder angeblich weniger Leistenden das Nachsehen haben. Das geht zu Lasten der Pflegebedürftigen und der pflegenden Angehörigen. Wenn dann die gleichen politischen Kräfte das Hohelied der Familie singen, entsteht eine Schieflage: Hier werden Menschen belastet, die später ebenfalls hintenüberfallen, sollten sie selbst Pflege benötigen.

Haben wir alle das Thema zu lange verdrängt’

Ja, die Politik hat zu lange zu einseitig auf die Pflegebereitschaft der Familien gesetzt, vor allem auf die der Frauen. Es gibt viele Studien dazu, dass es meistens die Ehefrauen und Töchter sind, die für die Pflege von Angehörigen beruflich zurückstecken. Das gilt ebenso immer noch für die Kindererziehung. Gleichzeitig wird aber erwartet, dass jede erwerbsfähige Person ihren Lebensunterhalt und ihre soziale Sicherung individuell erwirtschaftet. Wenn Frauen ihre Erwerbstätigkeit zurückfahren, setzen sie ihre eigene Absicherung aufs Spiel und können später in eine prekäre Situation geraten. Männer pflegen auch, aber in der Regel erst nach dem Renteneintritt.

Aber es gibt doch ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen...

Die Diskrepanz zwischen Ressourcen und Bedarf wird immer größer. Die Pflege mit ambulanter Unterstützung zu Hause ist für viele wie gesagt ein Schamproblem. Die Verrechnung des Pflegegeldes mit den Pflegesachleistungen des ambulanten Dienstes führt zudem oft dazu, dass trotz steigenden Unterstützungsbedarfs keine zusätzlichen Leistungen in Anspruch genommen werden, um das Pflegegeld zu behalten, das in vielen Pflegehaushalten zur Lebensunterhaltsicherung benötigt wird.

Was kann die Gesellschaft tun, um die Versorgung zu verbessern’

Einerseits muss es eine höhere Wertschätzung und finanzielle Entlastung für die pflegenden Angehörigen geben. Und wir brauchen innovative Lösungen für eine verlässliche Zusammenarbeit aller möglichen - professionellen, ehrenamtlichen und familiären - Akteure auf der lokalen Ebene, die gute Versorgung sichert, ohne die einzelnen Verantwortlichen zu Überlasten.

Müssen wir künftig das Wohnen anders denken’

Pflegepolitik, Wohnungsbau und Quartiersentwicklung müssen stärker ineinandergreifen. Es fehlt an barrierefreiem und barrierearmem Wohnraum. Die meisten Menschen möchten in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Mehrgenerationenhäuser, gemeinschaftliche Wohnprojekte und das Angebot von Wohngruppen im Quartier sind gute Modelle, die aber eine ebenso gute Planung und Steuerung sowie vernetzte Verantwortung erfordern.

Und wenn eine Pflegekraft bei den Menschen zu Hause einzieht’

Das Modell der sogenannten 24/7-Kräfte - der bessere Begriff ist ,Live-in-Pflegekräfte’ - ist arbeitsrechtlich problematisch. Niemand kann 24/7 arbeiten! In der Regel sind es Migrantinnen. Sie arbeiten unter prekären Bedingungen, werden oft ausgenutzt und bleiben im Privathaushalt unsichtbar. Familien greifen zumeist in einer akuten Notlage auf eine solche Lösung zurück. Pflegepolitisch bleibt das Modell im Schatten der Aufmerksamkeit.

Was ist dran an Vorurteilen gegenüber Altenheimen’

Es gibt sehr gute Häuser, in denen sich die Menschen wohlfühlen und pflegerisch wie menschlich sehr gut versorgt werden. Sehr viel hängt zum einen von der Philosophie eines Hauses und der jeweiligen Trägerorganisation, zum anderen von der Leitungskultur ab. In jedem Fall sollte die Qualität der Pflege oben stehen.

Gibt es einen Silberstreif am Horizont der Pflegesituation’

Alle Anstrengungen, die die Menschen ernst nehmen in ihrer Würde und mit ihrem Anspruch, ihre Situation nach Möglichkeit aktiv zu gestalten, sind Hoffnungszeichen. Die Palliativmedizin und -pflege, die Hospizbewegung und der bewundernswerte, aber viel zu wenig wertgeschätzte Einsatz ungezählter Pflegeund Betreuungskräfte gehören dazu. Wichtig ist, dass wir lernen, die Verletzlichkeit des Lebens nicht zu verdrängen. Heilsam ist es, sich bewusst zu machen, was einem selbst jederzeit zustoßen könnte. Wenn eine Gesellschaft dieser Verletzlichkeit Rechnung trägt, verlieren Themen wie Pflege und Sterben ihren Schrecken.

Also geht es darum, ein gutes Leben für alle möglich zu machen’

Ja, das ist es, was sich letztlich hinter dem Thema Care verbirgt. Da gibt es hoffnungsstiftende Bewegung gerade in den jungen Generationen. Leider mehren sich aber zugleich populistische und extreme Stimmen, die sich den drängenden Fragen verschließen und behaupten, mit Abschottung gegenüber den realen Nöten und gegenüber allem, was einem selbst fremd ist, den Problemen aus dem Weg gehen zu können. Daraus kann nur das Gegenteil zu einer ,sorgenden Gesellschaft’ erwachsen. Wir müssen vielmehr den Kitt stark machen, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen