Eine Rückkehr in die wissenschaftliche Freiheit

Voll in seinem Element: Norbert Köster bei einem Vortrag in der münsterschen Mau

Voll in seinem Element: Norbert Köster bei einem Vortrag in der münsterschen Mauritzkirche über Kirchenbauten und deren Einordnung in den historischen Zusammenhang. © Foto: WWU - MünsterView

Manchmal sind es kleine Begebenheiten im Leben, die große Veränderungen nach sich ziehen. Begegnungen beispielsweise, Worte, ein Gebet, schlaflose Nächte. Norbert Köster kennt etliche solcher Wegzeichen auf seinen Karrierewegen an der Universität und beim Bistum Münster. Er wusste die Zeichen zu deuten und schlug eine neue Richtung ein. Die Zeit zwischen 2015 und 2018, in der er als Generalvikar an der Seite von Münsters Bischof Felix Genn arbeitete, wurde zu einer persönlichen Zerreißprobe und führte ihn zu einer neuen Aufgabe: als wissenschaftlicher Lehrer und Forscher an der WWU. „Zeichen als Botschaften zu verstehen, ist Teil meines Glaubens“, sagt der Priester, einstige Jugendseelsorger und Inhaber des neuen Lehrstuhls für Historische Theologie und Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät. Der Weg dorthin war jedoch steinig.

Wissenschaftler ist der gebürtige Rheinenser schon lange. 1986 stieg der damals 19-Jährige als Theologiestudent ins akademische Leben an der WWU ein. Viele Jahre gehörte er dem wissenschaftlichen Mittelbau im Seminar für Kirchengeschichte der katholischen Fakultät an, nach Promotion und Habilitation zuletzt als Privatdozent. So deutlich um seine Leidenschaft weiß er aber erst seit Kurzem.

Als Bekannte und Beobachter der katholischen WWU-Theologie 2015 von seinem Wechsel ins Bistum hörten, schlug dem Geistlichen viel Anerkennung und Respekt entgegen. Vom Ruf auf eine Professur an der Universität Linz nahm er daraufhin Abstand. „Der Anruf vom Bischof kam am Vorabend meiner geplanten Fahrt nach Österreich“, erinnert er sich. In seinem neuen „Job“ als Stellvertreter des Bischofs war Norbert Köster Dienstherr über mehr als 700 Mitarbeiter sowie 35 katholische Schulen zwischen Nordsee und Ruhrgebiet. „Ich hatte es mit rund 22.000 Personen zu tun“, sagt der 53-Jährige und meint damit alle für das Bistum Münster tätigen Menschen vom münsterschen Generalvikariat bis zur kleinsten Gemeinde im Offizialatsbezirk Oldenburg.

Als die Rückkehr an die Universität Münster bekannt wurde, fragten viele Bekannte und Freunde nach den Gründen. Schließlich waren die Einflussmöglichkeiten, manche würden sagen die Macht, in seinem kirchlichen Amt größer als auf einer Professur. Gleiches gilt für die öffentliche Strahlkraft. Er hatte mehr Verantwortung, mehr Aufmerksamkeit. Dies war Norbert Köster allerdings nicht wichtig. Mehr noch: Es brachte ihn weg von seinem Weg. „Ich las kein Buch mehr. Mein Kalender war schon ein halbes Jahr vorher voll.“ Er beklagt diese Lebensphase aber nicht. „Ich habe viel gelernt, habe das Verwaltungs-Knowhow verinnerlicht, kann jetzt noch besser Gedanken sortieren und Aufgaben delegieren“, sagt er. Ja, und warum zurück? „Ich bin kein Machtmensch.“ Wie eine Niederlage klingt das nicht. Ist es auch nicht. Schließlich, das besagen etliche Sinnsprüche, braucht es mehr Mut, sich etwas einzugestehen und zurückzugehen als etwas durchzuziehen.

Dass die katholische Kirche kein Arbeitgeber ist wie jeder andere, hingegen eine innere Berufung mitzuschwingen scheint, macht den Weg Norbert Kösters dennoch außergewöhnlich. Und einem Bischof abzusagen, dafür braucht es Rückgrat. Ausschlaggebend für seine Rückkehr waren schließlich Begegnungen mit Studierenden und die Tatsache, dass mit Klaus Winterkamp ein Nachfolger bereitstand. Eine junge Theologie-Hochschülerin, die Kirchengeschichte bei Norbert Köster von Beginn ihres Studiums gelernt hatte, fragte ihn zudem bei einem der seltenen Treffen, wann er wieder an die Uni zurückkomme. Sollte es eine Schmeichelei sein? Norbert Köster sah es als Zeichen. Als ihm zudem bewusst wurde, dass Klaus Winterkamp - „ein Manager durch und durch“ - viel besser in dieses Amt passt, war das Tor geöffnet. „Mein Warten, bis sich Klarheit einstellt, hat sich gelohnt“, sagt er im Rückblick. Er brachte den Mut auf, dem Bischof reinen Wein einzuschenken, und sah sich wieder intensiver in der Hochschulwelt um.

Letztlich kam ihm - wieder ein Zeichen - der neu geschaffene Lehrstuhl in der hiesigen katholischen Theologie gerade recht. Schließlich traf das spezielle Lehrstuhl-Thema - was sagt uns Kirchengeschichte in der Gegenwart? - bei Norbert Köster genau ins Schwarze. „Gerade in der immer komplexeren Welt brauchen wir im privaten Leben und im persönlichen Umfeld grundlegende Botschaften, um das Leben und Brüche darin zu meistern. Das kann der Glaube leisten.“ Der Geistliche blüht auf, wenn er über die Inhalte seiner Profession redet. Er will die Symbole von Religion, Glaube und Kirche wieder neu lesbar machen und den Menschen zeigen, was Kirche in der Vergangenheit neben „dunklen Seiten“ auch Gutes hervorgebracht hat. Impulse für das friedliche Zusammenleben, Aspekte der Moral und der karitative Arm der Kirche seien dafür gute Beispiele. Norbert Köster betont die Notwendigkeit, dass Kirche und Theologie ihre Botschaften aus der Vergangenheit ins heutige Leben und Reden „übersetzen“ und moderne Wege der Ansprache finden.

„Motor für mich ist, dass das Leben vor einigen Jahrhunderten weitaus beschwerlicher und viel ärmer war, aber das Vertrauen, auch durch den Glauben, viel stärker als heute“, sagt er. „Jetzt ist das Leben vielfach leichter, aber oft sind die Menschen weniger vertrauensvoll im Leben unterwegs. Die Symbolkraft und die grundlegenden Botschaften von Glauben möchte ich zeitgemäß und ansprechend vermitteln.“

Juliane Albrecht

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen

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