"Die Universitäten Münster und Twente ergänzen sich perfekt": Gründungskultur, Entrepreneurship

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Thorsten Wiesel  © TENSE/IWM

Thorsten Wiesel © TENSE/IWM

Die Universitäten in Twente (UT) und Münster (WWU) pflegen seit vielen Jahren eine enge Partnerschaft. Beide Universitäten arbeiten in zahlreichen Bereichen zusammen. Neben Forschungskooperationen und gemeinsamen Studiengängen besteht auch ein regelmäßiger Austausch von Studierenden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die beiden Hochschulleitungen gehen jetzt einen Schritt weiter: Sie wollen ihre strategische Partnerschaft vertiefen und dafür weitere Kooperationspotenziale identifizieren und die bestehenden Forschungsverbünde stärken.

Die Stabsstelle Kommunikation und öffentlichkeitsarbeit der WWU nimmt dies zum Anlass für eine dreiteilige Serie, in der wir über die Besonderheiten dieser Kooperation berichten und Einblicke in die Bereiche Forschung, Lehre und Transferaktivitäten geben.

Teil I: Strategiegespräch der Universitäten Münster und Twente

Teil II: Gründungskultur und Entrepreneurship

Teil III: Forschungskooperationen und „collaboration grants“

In einem Interview mit Kathrin Kottke berichten Thorsten Wiesel vom Marketing Center Münster der WWU und Theo Toonen sowie Dr. Rainer Harms von der Fakultät für Verhaltens-, Managementund Sozialwissenschaften der Universität Twente über die Rolle und den Stellenwert von Entrepreneurship an den beiden Hochschulen.

Wie hat sich die Gründungskultur an der WWU in den letzten fünf bis zehn Jahren verändert?

Obwohl sich in den letzten Jahren eine positive Entwicklung abgezeichnet hat, haben wir an der WWU noch großes Potenzial. Verständlicherweise haben viele Wissenschaftler und Studierende die Gründung eines Unternehmens nicht so intensiv im Blick wie beispielsweise die Kollegen an der FH Münster. Das liegt zum großen Teil an den unterschiedlichen Positionierungen im Wissenschaftsmarkt.

Welche Rolle spielt zukünftig das Exzellenz Start-up Center der WWU (ESC@WWU) in diesem Bereich - für die Universität und darüber hinaus?

Die Fokussierung auf exzellente wissenschaftliche Forschung und Lehre an der WWU soll erhalten bleiben. Wenn der oder die eine oder andere jedoch neben der wissenschaftlichen Publikation oder der Karriere im Konzern oder Mittelstand darüber nachdenkt, was er oder sie mit den Forschungsergebnissen mit Blick auf eine mögliche Gründung anstellen kann, haben wir allein aufgrund der Größe der WWU ein enormes Potenzial. Dieses Potenzial gemeinsam mit unseren Partnern von der FH Münster, Digital Hub münsterLAND und der Universität Twente zu heben, ist die Aufgabe unseres Start-up-Centers - und dies nicht nur für die WWU, sondern für die gesamte deutsch-niederländische EUREGIO-Region.

Welche Anforderungen stellt die Wirtschaft beziehungsweise stellen Unternehmen an die Wissenschaft und an ein Gründungszentrum?

Es kommt mir vor, als hätten wir in ein Wespennest gestochen. In kürzester Zeit waren viele Unternehmen und andere Akteure bereit, die Initiative zu unterstützen. Sie haben offenbar darauf gewartet, dass die WWU aufwacht. Nun liegt es an uns allen, gemeinsam das ,ökosystem‘ EUREGIO auf die nächste Stufe zu hieven.

Mit welchen Forschungsfeldern beschäftigen Sie sich aktuell, und welche sollen zukünftig im ESC eine Rolle spielen?

Im Institut für wertbasiertes Marketing haben wir zwei große Forschungsbereiche, auf die wir uns derzeit fokussieren. Das ist zum einen die Frage, wie die Zukunft einer nachhaltigen Ernährung und damit auch des Einzelhandels aussieht. Zum anderen widmen wir uns der Frage, wie man kundenbeziehungsweise marktorientiert ein Unternehmen führen und bewerten kann. Beide Themen haben das Potenzial, zu eigenen Ausgründungen zu führen. Darüber hinaus kann insbesondere das zweite Thema auch zukünftigen EUREGIO-Ausgründungen bei Finanzierungsund Managementfragen helfen, da Metriken wie beispielsweise der Kundenlebenswert, der den Wert beschreibt, den ein Kunde im Laufe der Jahre für ein Unternehmen hat, beziehungsweise in der Zukunft haben wird, oder Akquisitionskosten sowohl für das Management als auch für die Unternehmensbewertung immer bedeutsamer werden.

Was können wir von den Niederländern auf dem Gebiet der Gründungskultur lernen?

Viel! Insbesondere von der Uni Twente als ,the most entrepreneurial University of the Netherlands' können wir viel lernen, da dort schon seit längerem Prozesse und Strukturen zur Gründungsförderung etabliert sind. Besonders freue ich mich auf die erste Zusammenarbeit im Rahmen der Summerschool CuriousU - das Lehrangebot wird uns zahlreiche Eindrücke und Inspirationen für den Ausbau des hiesigen Lehrangebots bieten.

Die Universität Twente gehört zu den Vorreitern in Sachen Entrepreneurship und Unternehmenskultur. Was charakterisiert die Universität Twente auf diesem Gebiet?

Theo Toonen: Die Gründung der Universität Twente hatte explizit zum Ziel, die regionale Wirtschaft zu stärken. Seitdem spielt die Universität eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des regionalen unternehmerischen ökosystems. Es ist besonders erfreulich, dass Studierende und Mitarbeiter sich für die Universität Twente vor allem wegen ihrer unternehmerischen Kultur entscheiden. Die gezielte (Selbst-)Auswahl unternehmerisch denkender Universitätsmitglieder hält diesen besonderen Charakter der Universität aufrecht.

Rainer Harms: Wir denken das Thema ,unternehmerisches Handeln' immer weiter. Weiter in dem Sinne, dass wir uns neben dem Startup-Thema auch das Unternehmertum in kleinen und mittleren Unternehmen sowie Großunternehmen im Blick haben, und dass wir uns mit sozialem Unternehmertum befassen. Weiter auch in dem Sinne, dass wir schon seit vielen Jahren mit innovativen Universitäten in Europa kooperieren, zum Beispiel im ,European Consortium of Entrepreneurial Universities'. Darüber hinaus stehen wir im engen Austausch mit den drei anderen niederländischen technischen Universitäten.

Welche Unterstützung erhalten ihre Studierende und Wissenschaftler, wenn sie ein Start-up gründen oder Transferideen und -produkte auf den Markt bringen wollen?

Rainer Harms: Im Studium, zum Beispiel in den Bachelor-Studiengängen International Business, Creative Technology und Business Information Technology, vermitteln die Dozenten den Studierenden unternehmerisches Denken und machen Entrepreneurship zum Bestandteil der Lehre. Darüber hinaus gibt es von Studierenden geführte und von der Universität unterstützte Organisationen für Personen, die über einen Unternehmensstart nachdenken. Organisationen wie ,Hive01' und ,Hardstart' gehören zu den ersten Anlaufstellen für Ideenentwicklungen. Das ,DesignLab' hilft Studierenden dabei, ihre Produkte zu gestalten. Der von den Studierenden betriebene Inkubator ,Incubase' ist ein physischer Raum auf dem Campus, in dem Teams ihre Idee weiterentwickeln und mit der Vermarktung beginnen können. Weitere Angebote für Studierende sind die regelmäßig stattfindende ,entrepreneurial-U-Summer-School' und das Technologie-Entrepreneurship MOOC (Massive Open Online Course).

Theo Toonen: Für Wissenschaftler ist das Bootcamp ,The entrepreneurial researcher' von NovelT ein exzellentes Angebot. Hier können sie in kurzer Zeit das unternehmerische Potenzial ihrer wissenschaftlichen Arbeit erkunden. Zurzeit konzipieren wir einen ähnlichen Workshop, der sich an Promovierende aller technischen Universitäten der Niederlande richtet. Während und nach der Gründung können die Unternehmer mit NovelT und dem gesamten unternehmerischen ökosystem von Twente in Kontakt treten.

In welchen Bereichen arbeiten Sie mit der WWU zusammen beziehungsweise möchten die Zusammenarbeit in Zukunft ausbauen?

Rainer Harms: Beispielsweise arbeiten unser Fakultätscluster ,High Tech Business and Entrepreneurship' und der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der WWU gemeinsam an der intelligenten Umsetzung von sogenannten Industrie-4.0-Geschäftsmodellen. Ein weiteres Beispiel könnte das Gesundheitswesen sein. Unsere Fakultät beherbergt das Forschungsthema ,Gesundheit und Wohlbefinden', und die Universität Twente verfügt über das TechMed Center. Die WWU bietet mit ihrer Medizinischen Fakultät und dem Universitätsklinikum Münster eine gute Ergänzung. Drittens hat die EUREGIO einen starken landwirtschaftlichen Sektor. Hier könnten die Universitäten Twente und Münster gemeinsam an Fragen rund um die Zukunftsfähigkeit, Resilienz und Anpassungsfähigkeit arbeiten.

Theo Toonen: Nicht zuletzt ist das Exzellenz Start-up Center der WWU eine gute Ergänzung des bisherigen WWU-Portfolios zu Entrepreneurship-Themen. Wir würden uns freuen, in der Lehre, der Forschung und beim Technologietransfer zusammenzuarbeiten. Für technologieorientiertes Unternehmertum ist die WWU attraktiv, weil sie über erstklassige Fakultäten für Wirtschaftsinformatik und Naturwissenschaften verfügt. Gleichzeitig bietet die WWU geisteswissenschaftliche Studiengänge in einem Ausmaß an, wie es die Universität Twente nicht anbietet - eine perfekte Ergänzung!

Arbeiten Sie mit Unternehmen in der EUREGIO zusammen - und wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Rainer Harms: Die EUREGIO ist eine europäische Grenzregion, in der alle Aspekte der Gesellschaft grenzübergreifend miteinander verflochten sind. Wir nennen dies die ,Vierfach-Helix' der Interaktionen zwischen Wirtschaft, Hochschulen, Regierungen und Bürgern. Deshalb arbeiten wir mit allen Partnern zusammen, die sich mit aktuellen Herausforderungen wie den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und den sogenannten Grand Challenges for Engineering auseinandersetzen. Um diese Herausforderungen aus einer fokussierten und interdisziplinären Perspektive anzugehen, haben wir unsere Untersuchungen im Forschungscluster ,High Tech Business and Entrepreneurship' gebündelt.

Theo Toonen: Speziell in Bezug auf unsere Beziehung zu Unternehmen ist ein großer Teil unserer betriebswirtschaftlichen Forschung im Allgemeinen und der Entrepreneurship-Forschung im Besonderen durch ,engaged scholarship' geprägt: Unternehmen stellen uns einzigartige Fragestellungen und den damit verbundenen Zugang zu Daten - manchmal auch zu Finanzmitteln - zur Verfügung. Wir entwickeln Lösungen durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Theorien. Grenzüberschreitende Kooperationen funktionieren besonders gut im Rahmen von studentischen Abschlussarbeiten und kleineren Forschungsvorhaben. Hier sind wir tief in das regionale Wirtschaftssystem eingebettet. Für größere grenzüberschreitende Forschung bleiben die Instrumente der Forschungsförderung wenig geeignet, da sie sich eher in nationalen Grenzen bewegen. Wir begrüßen daher die Kooperationsbeihilfen der Universitäten Münster und Twente als ein Mittel, die sogenannten ,collaboration grants', um größere Forschungsvorhaben, auch unter Einbeziehung von Unternehmenspartnern in der EUREGIO, anzuschieben.

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