Die Rente ist sicher - oder doch nicht?

Der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm griff am 21. April 1986 auf dem

Der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm griff am 21. April 1986 auf dem Bonner Marktplatz eigenhändig zum Leimpinsel, um das erste Plakat einer Informationsaktion zur Sicherheit der Renten auf eine Litfaßsäule zu kleben. © picture-alliance / dpa | Peter Popp

Alterssicherung geht uns alle an. Im Faktencheck Aloys Prinz geben , Direktor des Instituts für Finanzwissenschaften II an der WWU, und Fabian Dittrich, Mitglied des Sprecherkollegiums des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, einen Überblick über die Finanzierung des Rentensystems und die zukünftigen Herausforderungen durch den demografischen Wandel.

CDU-Politiker Norbert Blüm, damaliger Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, warb im Jahr 1986 um Vertrauen für die Rentenversicherung. Kaum ein politischer Satz brannte sich in die Köpfe der Deutschen ein wie dieser: "Die Rente ist sicher." Ist das wirklich so?

Aloys Prinz: Das war und ist eher Wunsch als Wirklichkeit. Bereits 1986 war klar, dass "die Rente" der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) Finanzierungsprobleme hatte. Diese wurden durch die Frührentenpolitik der 1970er-Jahre und Vorruhestandsregelungen von 1984 und 1988 als Teil der Arbeitsmarktpolitik noch verstärkt. Weder die Höhe der Rente der GRV in Euro noch das Standardrenten-Niveau, also das Verhältnis einer Rente nach 45 Versicherungsjahren in Relation zum durchschnittlichen Versichertenverdienst, ist "sicher" im Sinn von "unveränderbar fixiert". Die vielen kleinen und einige große Reformen in der GRV nach 1986 zeigen dies ebenfalls.

Fabian Dittrich: Norbert Blüm war Christ und Arbeiter. Mit dieser Prägung und Haltung hat er sich aus dem Arbeitermilieu über den zweiten Bildungsweg an die Spitze unseres Landes gearbeitet. Aus dieser Perspektive war er Verfechter der staatlichen Rente. Er hat diesen Satz nicht nur 1986 auf Litfaßsäulen, also dem Onlinemarketing der 1980er-Jahre, plakatiert. Er hat diesen Satz verkörpert, gelebt und am Ende seiner Amtszeit geradezu beschworen. Der Satz stimmt, denn es gibt immer noch eine staatliche Rente. Aber er lässt entscheidende Fragen offen: Reicht die Rente? Und vor allem: Für wen reicht die Rente?

Welche Auswirkungen hat der demografische Wandel auf das Rentensystem?

Aloys Prinz: Die GRV wird im Umlageverfahren finanziert. Die Einnahmen der GRV werden im selben Jahr zur Rentenzahlung verwendet. Ein nennenswerter Kapitalstock wird nicht gebildet. In diesem System hängen die Einnahmen der GRV von der Zahl der Arbeitnehmer sowie deren Löhnen und Gehältern ab, die Ausgaben von der Zahl der Personen, die Rentenzahlungen erhalten, sowie deren Rentenhöhe. Steigen über die Zeit die Zahl der Personen, die Renten beziehen, sowie deren Lebenserwartung, benötigt die GRV höhere Einnahmen. Die Abnahme der Zahl der Erwerbstätigen, der Anstieg der Zahl der Personen, die Renten beziehen, und die Zunahme der Rentenbezugsdauer setzen die GRV von drei Seiten unter Druck.

Fabian Dittrich: Der "Pillenknick" ist in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion umstritten, doch es gibt ein Muster: Entwickelte Volkswirtschaften mit steigendem Wohlstand erleben einen Geburtenrückgang. Tatsache in Deutschland ist, dass seit Anfang der 1970er-Jahre jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden. Migration konnte die Folgen auf das Rentensystem dämpfen, aber nicht ausgleichen. Zudem hat Migration vielfältige Ursachen, aber niemals das Ziel, unser Rentensystem zu stabilisieren. Folglich zahlen immer weniger Menschen in unserem Land ins Rentensystem ein und immer mehr Menschen beziehen eine Rente.


Kann das gesetzliche Rentensystem auch in Zukunft funktionieren?

Aloys Prinz: Die Reformmöglichkeiten im System der Umlagefinanzierung sind begrenzt. Daher wird auch über Radikalreformen nachgedacht. Sie reichen von der Umgestaltung der GRV hin zu einer für alle gleichen Grundrente bis zu einer Zwangsversicherung aller Personen über 18 Jahren, unabhängig vom Erwerbstätigenstatus. Wie auch immer eine Reform der GRV aussieht, ergänzende andere Absicherungen werden erforderlich sein. Dafür kommt insbesondere eine obligatorische betriebliche Altersvorsorge infrage, wie andere Länder sie bereits seit Längerem haben. Zusätzlich bleibt nach wie vor die private Altersvorsorge erforderlich.

Fabian Dittrich: Die gesetzliche Rente wird als Basisabsicherung weiter funktionieren. Und sie wird für viele Menschen in unserem Land die wichtigste Einkommensquelle im Alter bleiben. Doch wenn es um die Absicherung des gewohnten Lebensstandards geht, wird es nicht ohne eigenverantwortliche private Vorsorge gehen. Heute müssen junge Menschen viel früher als ihre Großeltern und Eltern an ihre finanzielle Zukunft denken. Diese zusätzlichen Alterseinkünfte werden aus einer kapitalgedeckten Zusatzabsicherung kommen. Die Optionen hierfür sind vielfältig und es ist wichtig, sich sehr früh zu informieren.

Norwegen verspricht seinen Bürgerinnen und Bürgern eine Garantierente - auch ohne Arbeit. Dafür sorgt der größte staatliche Pensionsfonds der Welt. Das ist ein Beispiel für eine Alternative zum Umlagesystem der deutschen Altersvorsorge. Was kann Deutschland von anderen Rentensystemen lernen?

Aloys Prinz: Norwegen hat sehr hohe Einnahmen aus der Erdölförderung, mit denen es seinen Pensionsfonds speist. Auch ohne eine solche Quelle wäre ein solcher Fonds möglich. Es wurde schon vorgeschlagen, dass Deutschland sich kostengünstig verschulden und die Mittel an internationalen Aktienmärkten investieren könne. Aus den Nettoerträgen wäre dann eine für alle gleichhohe Dividende im Alter zahlbar. Der erfolgversprechendste Weg verläuft über die betriebliche Altersvorsorge. Die betriebliche Altersvorsorge könnte auch mit einem Staatsfonds verbunden werden. Eine teilweise kapitalgedeckte zusätzliche Altersvorsorge ist ein Schlüssel für künftigen Erfolg.

Fabian Dittrich: Deutschland hat ein sehr altes Rentensystem. 1889 unter Otto von Bismarck gegründet. Das wird heute historisch verklärt. Die Idee war nicht "Die Rente ist sicher", wie bei Norbert Blüm für die ganze Bevölkerung. Die Idee war die Verelendung von Menschen, die ihre natürliche Lebenserwartung deutlich Überlebt haben, zu verhindern. Man starb damals mit 40 und die Rente gab es mit 70. Die Welt hat sich sehr gewandelt. Zum Glück. Doch Norwegen kann nicht unser Vorbild sein - außer wir finden Gas und Öl in reichen Mengen in der Uckermark. Denn vor allem aus Rohstoffeinnahmen finanziert Norwegen den Fonds.

This site uses cookies and analysis tools to improve the usability of the site. More information. |