Die "Plattform Gesprochenes Deutsch" vermittelt mündliche Kommunikation für Unterricht und Forschung

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Aufnahmesituation im Café: Für das Projekt ,,Plattform Gesprochenes Deutsch’ haben Juliane Schopf (rechts) und ihr Team zahlreiche Hörproben in Alltagssituationen aufgenommen und anschließend für den Unterricht aufbereitet. © WWU - Jana Schiller

Was darf’s sein?“ - „Äh, ich hätte gerne einen Kaffee... obwohl, doch lieber einen Cappuccino.“ - „Sehr gerne.“ Die Kellnerin notiert sich den Getränkewunsch von Philipp Wienes auf ihrem Notizblock und wendet sich an seine Sitznachbarinnen. „Und für Sie?“ Juliane Schopf entscheidet sich für einen Espresso und ein Leitungswasser, Anne von Bandemer bestellt eine Apfelschorle. Auf den ersten Blick ist dies ein gewöhnlicher Wortwechsel in einem Café in Münster - wäre da nicht das Aufnahmegerät, das in der Mitte des Tisches steht und den Dialog aufzeichnet.

Während die Gäste an den Nachbartischen an diesem sonnigen Tag an ihrer Tasse nippen und ihre freie Zeit genießen, ist das Kaffeetrinken für Juliane Schopf und ihre Begleiter ein Teil ihrer Arbeit. Die Aufnahme gehört zur ersten Phase des Forschungsprojekts „Plattform Gesprochenes Deutsch“ am Germanistischen Institut der WWU. Dafür dokumentiert die Wissenschaftlerin Gespräche zwischen deutschen Muttersprachlern in unterschiedlichen Alltagssituationen. Neben einer Bestellung im Café sind das zum Beispiel Telefonate mit Ämtern oder der Einkauf im Supermarkt. Zahlreiche Einrichtungen der WWU und der Stadt Münster öffnen für das Projekt ihre Türen. „Die Hörproben sollen authentisch sein - das Aufnahmegerät läuft einfach mit“, betont Juliane Schopf, die das Projekt unter Leitung von Susanne Günthner und Dr. Beate Weidner koordiniert. Drei studentische Hilfskräfte, darunter Philipp Wienes und Anne von Bandemer, unterstützen sie bei den Aufnahmen und bei der späteren Transkription.

„Bisherige Hörbeispiele zeichnen sich oft durch eine künstliche Aufnahmesituation aus.“

Ziel des Projektes ist es, eine Internet-Plattform zu entwickeln, auf der eine umfangreiche Datenbank für Lehrer und Schüler von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Deutsch als Fremdsprache (DaF) bereitgestellt wird. Gleichzeitig soll die Datenbank als Forschungsgrundlage dienen. „Bisherige Hörbeispiele auf Lern-CDs zeichnen sich oft durch eine künstliche Aufnahmesituation aus“, erklärt Juliane Schopf. „Das liegt vor allem daran, dass Dialoge schriftlich fixiert und abgelesen werden. Sprachliche Phänomene, die von der geschriebenen Standardsprache abweichen, können Deutsch-Schülern jedoch Probleme in der alltäglichen Kommunikation bereiten.“ Neu an dem Projekt ist zudem, dass es sich an alle Deutsch-Schüler richtet - bislang wurden Daten und Transkripte in erster Linie für Interessenten im Ausland aufbereitet. „Unser Angebot soll beispielsweise auch Geflüchteten oder Migranten in Deutschland helfen, Deutsch zu lernen“, betont Juliane Schopf. „Für eine gelungene Kommunikation sind Kenntnisse über den mündlichen Sprachgebrauch sehr wichtig.“

Seit der Aufnahme im Café sind mittlerweile mehrere Monate vergangen. Juliane Schopf sitzt in ihrem Büro im Vom-Stein-Haus vor ihrem Laptop und klickt sich durch die fertige Datenbank. Rund 130 ausgewählte Audio-Dateien mit einem Umfang von mehr als 27 Stunden sowie die entsprechenden Transkripte sind verfügbar. Mehrere Lerneinheiten, ein Online-Arbeitsblatt über regionale Variationen des „Brötchens“ - ein alltäglicher Begriff und Teil des deutschen Anfänger-Wortschatzes - und eine E-Learning-Sequenz zum Thema Gesprächseinstieg und -ausstieg ergänzen das Angebot. „Die Plattform steht allen Interessierten nach einer Anmeldung kostenlos zur Verfügung“, erklärt die Linguistin. „Mit den Materialen sparen DaZ- und DaF- Lehrkräfte viel Zeit bei der Unterrichtsvorbereitung. Sie können die Gespräche abspielen, Kopiervorlagen herunterladen, ausdrucken und sofort einsetzen.“

Neben den Tondokumenten gibt es mehrere Videos, zum Beispiel über den Besuch beim Hausarzt. „Das Videomaterial ist anschaulicher und hilfreich in Bezug auf kulturelle Unterschiede“, erklärt Juliane Schopf. „So sehen die Deutsch-Schüler zum Beispiel, dass ein Patient im deutschsprachigen Raum für gewöhnlich allein in ein Untersuchungszimmer geht und in welchen Fällen er sich entkleiden muss.“

„Materialien zu deutscher Alltagssprache sind auch im Ausland gefragt.“

Eine positive Resonanz bekam Juliane Schopf bislang unter anderem von Deutschlehrern aus China und Usbekistan, wo sie das Projekt im Rahmen von Workshops vorstellte und erste Testphasen zur Funktionsweise der Datenbank durchführte. Gleichzeitig tauschte sie sich mit Germanisten im Ausland über den Bedarf aus. „In China gibt es zum Beispiel eine Zensur auf Youtube-Videos“, berichtet Juliane Schopf. „Deutsch-Schüler können ausschließlich auf die vorhandenen und meist veralteten Hör-CDs und nicht auf andere Beispiele wie Podcasts oder Radiomitschnitte im Internet zurückgreifen. Materialien zu deutscher Alltagssprache sind daher sehr gefragt.“

Juliane Schopf ist mit der fertigen Plattform sehr zufrieden: „Ich habe mir das Endprodukt genauso vorgestellt.“ Auch wenn das Projekt, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wurde, offiziell abgeschlossen ist, wird sie die Webseite weiterhin pflegen. Zudem plant sie, die Plattform durch weitere Gesprächssequenzen zu ergänzen, die bislang noch auf einer Festplatte ruhen. Für die Linguistin hatte das Projekt einen besonderen Nebeneffekt: Sie konnte ihr Wissen über medizinische Kommunikation, die sie schwerpunktmäßig im Rahmen ihrer Promotion untersucht, in das Projekt einbringen.