Die Liebe fürs Detail

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Der Mathematiker Jürgen Richter-Gebert hat den Communicator-Preis 2021 für Wisse

Der Mathematiker Jürgen Richter-Gebert hat den Communicator-Preis 2021 für Wissenschaftskommunikation erhalten. Bild: Astrid Eckert / TUM

Mathematiker Prof. Jürgen Richter-Gebert im Porträt

Jürgen Richter-Gebert, Professor für Geometrie und Visualisierung, wurde mit dem wichtigsten Preis für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet - dem Communicator-Preis 2021 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Für den TUM-Forscher ist es die Anerkennung seines jahrelangen Engagements, mit dem er seine Begeisterung für Mathematik an Studierende, Ausstellungsbesucherinnen und -besucher oder App-Nutzerinnen und -Nutzer weitergibt.

Ein halbes Jahr lang beschäftigte sich Jürgen Richter-Geber t mit Gold: Er kaufte Glitzerstifte in Schreibwarenläden, stand vor Juwelierläden und betrachtete die Schmuckstücke. Zuhause drehte und wendete der Mathematiker Armbänder und Ringe im Licht, um die Reflexionen des Materials genau zu studieren. All diese Mühe diente einem kleinen Detail: In der von ihm entwickelten App -iOrnament: Kunst der Symmetrie- sollte Gold ganz real schimmern, wenn man den Bildschirm oder den Kopf bewegt.
Der Leiter des Lehrstuhls für Geometrie und Visualisierung an der TUM gibt sich, wenn es um Software, Exponate und Ausstellungen geht, ungern mit Kompromissen zufrieden. -Ich setze mir Ziele, die ich als Herausforderung empfinde - Grenzen möchte ich Überwinden und Türen aufstoßen-, sagt der 57-Jährige.

Der Glitzereffekt des Goldes in der Symmetrie-App gelang täuschend echt. Mit einem Sensor registriert -iOrnament- Bewegungen und lässt den Goldton changieren. Viele User und Userinnen äußerten sich begeistert und der Gold-Effekt wurde von zahlreichen Kreativen aufgegriffen. Der englische Star-Kalligraf Seb Lester etwa hat mit iOrnament Werke geschaffen, die in den sozialen Medien mehrere Millionen Mal geklickt wurden. Einige davon zählen wohl zu den am komplexesten verzierten Buchstaben der Menschheitsgeschichte. -Es beeindruckt mich zu sehen, wie dieselbe App von Kindern, von Künstlerinnen und Künstlern, von Forschenden und sogar von einem Profi-Designer verwendet wird - und alle dabei ein wenig Mathematik betreiben-, sagt Richter-Gebert.

Auch bei vielen anderen Projekten, die Jürgen Richter-Gebert angeht, ist Perfektion der Maßstab: -Mittelmaß macht mich nicht zufrieden-, sagt er. -Ich möchte die Leute staunen lassen und freue mich, wenn sie sagen: So etwas habe ich bisher noch nie gesehen.- Mit großer Leidenschaft geht er an seine zahlreichen Projekte heran: der Entwurf des interaktiven Labors La La Lab, das die Verbindung von Musik und Mathematik zeigt, selbstgebaute Ausstellungsstücke für das MiMa, das Museum für Mineralien und Mathematik Oberwolfach, Kooperationen mit dem National Museum of Mathematics (MoMath) in New York, die Mathematikausstellung ix-quadrat in den Räumen der TUM in Garching oder Filme mit Vorlesungen für Studierende während der Corona-Pandemie. Außerdem ist Jürgen Richter-Gebert Co-Autor des Mathematik-Visualisierungsprogramms Cinderella, er betreibt das Internetportal MatheVital und ist maßgeblich an der Wanderausstellung IMAGINARY beteiligt. Die von ihm entwickelten digitalen Formate, wie die kostenfreien Apps -TUM interaktiv- und -Math to Touch- , wurden zehntausende Male heruntergeladen, ebenso die interaktive digitale Ausgabe seines gemeinsam mit der TUM School of Education entwickelten Buches zum Bruchrechnen.

Die DFG und der Stifterverband haben Jürgen Richter-Gebert nun für seinen unermüdlichen Einsatz mit dem Communicator-Preis 2021 ausgezeichnet - dafür, dass er Mathematik in Forschung, Anwendung und öffentlichkeit besser verständlich und die Wirkmacht und Schönheit der Mathematik erlebbar macht. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Für Jürgen Richter-Gebert ist der Preis eine Anerkennung für die mehr als 20 Jahre, in denen er - meist in seiner Freizeit - eine Vielzahl an Formaten entwickelt hat, die Menschen für Mathematik begeistern.

Als Jürgen Richter-Gebert anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der TUM eine App entwickelte, in der fachliche Inhalte jeder Fakultät mit interaktiven Inhalten visualisiert wurden, reizte er die vorhandene Technik bis aufs Letzte aus. -Ich wollte unsere aktuelle Visualisierungssoftware an ihre Grenzen bringen-, lacht der Wissenschaftler. Es gelang ihm auch: Nun sind in der App 3-D-Animationen von Händen mit Einzeldetails wie Venen und Adern zu sehen, interaktive Strömungsvisualisierungen, Beleuchtungssimulationen für Gebäude und vieles mehr. Um seine Studierenden auch in der Corona-Pandemie mit dem notwendigen Stoff zu versorgen, drehte er viele einzelne Filme mit den Vorlesungsinhalten. In eine Stunde Vorlesung fließen circa 17 Stunden Arbeit: planen, Texte schreiben, Filme drehen, animieren, schneiden.

Wenn Richter-Gebert bei einem Projekt scheitert, dann in einer sehr frühen Phase: -Bei der Planung einer Ausstellung fange ich zum Beispiel nie mit einem Entwurf an, von dem ich schon weiß, dass er klappen wird-, sagt der Mathematiker. -Ich beginne immer mit den schwierigsten Exponaten.- Er nennt sie Soll-Bruchstellen: Hat er diese Hürden genommen, weiß er, dass auch alle anderen Ideen umsetzbar sind. Daher erstellt er eine Liste, die To-dos von schwer nach leicht sortiert. Außerdem setzt er sich ganz bewusst Deadlines: -Unter etwas Druck sind die Ergebnisse meiner Arbeit einfach besser.- Auch wenn dann der Schlaf zu kurz kommt, denn oft arbeitet er bis morgens um drei Uhr.

Richter-Geberts Eltern bemerkten bei ihrem Sohn schon früh eine Vorliebe für mathematische Effekte. Er experimentierte gerne mit Magneten und Stecknadeln, mit Spiegeln und Lupe. Daher schenkten sie ihm Experimentierkästen und erlaubten ihm, Wissenssendungen im Fernsehen anzusehen. -Besonders beeindruckt hat mich schon in der Grundschule die Reihe -Querschnitt- mit dem Professor und Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth. Er erklärte sehr anschaulich naturwissenschaftliche Zusammenhänge-, erinnert sich Jürgen Richter-Gebert. Mehrmals nahm er erfolgreich am Wettbewerb -Jugend forscht- teil, als Student der Mathematik schrieb er Programme für die große Darmstädter Symmetrieausstellung - ein Startschuss für eine Karriere in der Forschung und für jahrzehntelange Bemühungen, Mathematik auch Laien verständlich zu machen.

Einen großen Traum hat der Mathematiker für die Zukunft: -Einen großen dunklen Raum.- Darin würde er gerne ein mathematisches Panoptikum eröffnen, das die Verbindung von Mathematik und Licht erklärt. Vielleicht hilft ihm der Communicator-Preis ja bei der Verwirklichung dieses Traums.

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