Die chaotischen Ursprünge der französischen Verfassung

Vortrag des amerikanischen Historikers Dr. Grey Anderson (Université de Caen Normandie) am 30. Januar 2019 über die frühen Jahre der Fünften Republik Frankreichs (1958-1962)

Der Geschichtswissenschaftler Grey Anderson ist am 30. Januar 2019 zu Gast im Centre Marc Bloch in Berlin. In seinem Vortrag wirft er einen kritischen Blick auf die französische Zeitgeschichte und die Ursprünge der sogenannten Fünften Republik - das politische System des Landes seit der Verfassungsreform von 1958. Er erinnert an den Putschversuch rechtsgerichteter Generäle im Mai 1958 und an den Terror der militanten Organisation Armée Secrète (OAS). Charles de Gaulle konnte in diesem Schlüsseljahr der französischen Geschichte als Ministerpräsident mit Sondervollmachten das Land verfassungsrechtlich und politisch umgestalten. In seinem Vortrag erklärt Anderson auch die Folgen dieser historischen Zäsur für das Frankreich der Gegenwart. Die Abendveranstaltung findet im Rahmen des Deutsch-französischen Kolloquiums statt, einer Vortragsreihe des Frankreichzentrums der Freien Universität in Kooperation mit dem Centre Marc Bloch in Berlin sowie dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Dr. Grey Anderson widmet sich in seinem Vortrag dem Zusammenbruch und der Umgestaltung des politischen Systems Frankreichs in den Jahren von 1958 bis 1962. Das Kolonialreich des Landes hatte zuvor begonnen zu zerfallen (Dekolonisierung in Indochina 1954, Marokko und Tunesien 1956). Auch das nordafrikanische Algerien strebte mit Gewalt die Unabhängigkeit von seinem ,,Mutterland" Frankreich an. Die französische Regierung sah sich damals gezwungen, politische Zugeständnisse an die algerischen Separatisten zu machen. Rechtsgerichtete französische Generäle verweigerten daraufhin ihren Gehorsam und unternahmen einen Putschversuch. Ministerpräsident Charles de Gaulle nutzte das Chaos, um 1958 per Volksabstimmung eine neue, noch heute gültige Verfassung einzusetzen. So gründete er die Fünfte Republik. Im andauernden Algerienkrieg formierte sich daraufhin eine militante Untergrundorganisation französischer Soldaten, die Organisation Armée Secrète (OAS); sie verfolgte das Ziel, die Unabhängigkeit Algeriens mit allen Mitteln zu verhindern. Ihr rechtsgerichteter Terror war nicht erfolgreich. Im Jahr 1962 beendete de Gaulle den Algerienkrieg, entließ die Kolonie in die Unabhängigkeit und beendete dieses Kapitel der französischen Geschichte.

Grey Anderson studierte am US-amerikanischen Reed College in Oregon Anglistik, anschließend Romanistik sowie Geschichte an der Yale University und beendete dort 2016 seine Promotion im Fach der Geschichtswissenschaft. Zurzeit forscht er an der Université de Caen Normandie . In seiner Arbeit widmet er sich der politischen und militärischen Zeitgeschichte Europas. Er berichtet zudem als Beobachter und Korrespondent für US-amerikanische Medien über das politische Leben in Frankreich.

Das Deutsch-Französische Kolloquium (DfK) widmet sein Vortragsprogramm im Wintersemester 2018/2019 dem übergreifenden Thema Rechtsradikalismus und Demokratie. Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind eingeladen, diesen politischen, sozialen und historischen Komplex zu analysieren. Sie stellen neue Forschungserkenntnisse vor, berichten von ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Thema und debattieren über offene Streitfragen - aus deutscher sowie französischer Perspektive. Das Kolloquium dient dem interdisziplinären Austausch über relevante Fragen der Gegenwart und als Diskussionsforum für Studierende, Forscherinnen und Forscher und die breite Öffentlichkeit.

Zeit und Ort

  • 30. Januar 2019 um 18.30 Uhr
  • Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, 10117 Berlin