,,Bioökonomie hat viele Facetten": Wissenschaftsjahr 2020

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Ein Blick in die Zeitung genügt: Die Menschheit sieht sich vom Klimawandel bis zum Plastikmüll mit ungeheuren ökologischen Krisen konfrontiert, die ein Merkmal eint - fossile Rohstoffe wie Erdöl, die direkt oder indirekt zu den Katastrophen beitragen. Denn ihre Nutzung als Energieträger setzt Treibhausgase wie Kohlendioxid frei, während konventionelle Kunststoffe ebenfalls aus dieser endlichen Ressource produziert werden. Ein Umdenken ist unumgänglich, und die Bioökonomie könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Aber was steckt dahinter? „Die Bioökonomie hat viele Facetten, zielt grundsätzlich aber darauf ab, Wirtschaftssysteme nicht mehr auf fossile Energieträger, sondern auf erneuere Ressourcen zu basieren“, sagt Andreas Löschel, der an der WWU den Lehrstuhl für Mikroökonomik innehat, insbesondere die Energieund Ressourcenökonomik. über die Herausforderungen und Chancen der Bioökonomie möchte wiederum das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) informieren und hat das Wissenschaftsjahr 2020 diesem Thema gewidmet.

Wie also lässt sich eine solch umfassende Transformation gestalten? „Als wichtigste Aufgabe sehe ich die Kreislaufwirtschaft, in der Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und auch wieder biologisch abbaubar sind, wenn sie nicht direkt recycelt werden können“, sagt Bodo Philipp vom Institut für Molekulare Mikrobiologie und Biotechnologie der WWU. „Auch die Erzeugung von Biogas aus ohnehin anfallenden Abfallstoffen gehört dazu.“ Bodo Philipps eigene Forschung beschäftigt sich mit einem weiteren bioökonomischen Ansatz - der mikrobiellen Müllabfuhr. „Es geht dabei um ein Verfahren, um im Abwasser Arzneimittelrückstände durch Mikroben abzubauen“, sagt der Mikrobiologe. „Dieses steht aber noch ganz am Anfang und bedarf noch weitreichender Forschung.“

Die Entwicklung zukunftsträchtiger Technologien ist jedoch nur eine Hürde auf dem Weg zur Bioökonomie. Vielfach fehlt es auch an gesellschaftlicher Akzeptanz, weil der zielgerichtete Einsatz biologischer Helfer maßgeschneiderte Mikroben erfordert - sprich: Gentechnik. „Bei der Erzeugung sogenannter Plattformchemikalien als Ausgangsmaterial für andere Produkte werden zum Teil bereits gentechnisch veränderte Mikroorganismen eingesetzt“, so Bodo Philipp. „Das ist anders bei der Herstellung von Biogas und der Zersetzung von Schadstoffen, weil hier Mikroben freigesetzt werden könnten.“

Wer künftig also das Potenzial bioökonomischer Verfahren für neue nachhaltige Verfahren ausschöpfen und dabei auf Mikroorganismen setzen will, wird sich daher wohl auch mit neuen Anwendungen der Gentechnik auseinandersetzen müssen. Einen möglichen Rahmen dafür bietet das seit November für drei Jahre laufende und vom BMBF geförderte BIOCIVIS-Projekt an der WWU. Denn hier werden Bürgerinnen und Bürger sowie andere gesellschaftliche Akteure, die Politik und auch Unternehmen gleichberechtigt in einen Dialog eingebunden.

Zusammen mit Bodo Philipp wird das interdisziplinäre Projekt von Doris Fuchs geleitet, die den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung an der WWU innehat sowie das Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) leitet. „Bioökonomie meint viele Dinge und wir müssen differenziert herangehen“, sagt sie. „Das betrifft uns alle: In der Forschung ist ebenso viel zu tun wie in der Politik und der öffentlichen Diskussion.“ Konkret bedeutet das, dass die Forscher im Rahmen von BIOCIVIS Szenarien für bioökonomische Prozesse vorbereiten, die Bürgern in Foren neutral präsentiert und dann zur Diskussion gestellt werden. „Wir möchten wissen, was für die Menschen akzeptabel oder eben auch unannehmbar ist“, sagt Doris Fuchs. „Wichtig ist auch, unter welchen Bedingungen sich diese Einschätzung verändert.“

Das Wissen und die Wertvorstellungen der Bürger ernst zu nehmen, ist dabei ein zentraler Baustein. „Wir sagen nicht, dass wir es besser wissen als die Gesellschaft“, betont Doris Fuchs. „Unser Anliegen ist, die Werte der Menschen zu akzeptieren und einzubeziehen, so dass man am Ende auch zu unterschiedlichen Positionen kommen kann.“ Die sich aber verändern: Die öffentliche Wahrnehmung ist dynamisch, so dass Akzeptanz entstehen und auch wieder schwinden kann.

Die Diskussionen im Rahmen von BIOCIVIS liefern damit wichtige Einblicke, die den Weg zur biobasierten Wirtschaft erleichtern, aber auch ihre gesellschaftlichen Grenzen aufzeigen können. Gleichzeitig hängt diese Entwicklung von einer entsprechenden Wissenschaftspolitik ab, die wiederum entscheidend von der öffentlichen Wahrnehmung beeinflusst wird. Und eines ist klar: „Ohne Technologien, etwa die Bioenergie, wird es nicht gehen“, sagt Andreas Löschel, der sich als ökonom selbst mit den Märkten für fossile Energieträger beschäftigt.

Die Ablösung von Erdöl, Erdgas und Kohle durch Bioenergie, insbesondere in Kombination mit der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, sowie durch synthetische Kraftund Brennstoffe, spielt dabei eine wichtige Rolle - wie auch der Preis des Wandels. „Die Kosten des übergangs lassen sich drastisch reduzieren, wenn wir alle Optionen nutzen“, sagt Andreas Löschel. „Manche technologischen Möglichkeiten werden in Deutschland bislang aber nicht genutzt, sind nicht akzeptiert oder sogar verboten.“

Das Wissenschaftsjahr

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) richtet gemeinsam mit der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ seit dem Jahr 2000 die Wissenschaftsjahre mit dem Ziel aus, die Menschen stärker für Wissenschaft zu interessieren und den gesellschaftlichen Dialog über Forschung zu fördern. Das Wissenschaftsjahr 2020 stellt die Bioökonomie in den Mittelpunkt und soll erste Schritte hin zu einer biobasierten Wirtschaftsweise greifbar machen. Dazu werden zahlreiche Diskussionsund Mitmachformate veranstaltet, konkrete Projekte gefördert und das Ausstellungsschiff MS Wissenschaft auf Reise durch Deutschland und österreich geschickt.


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