Begeisterung für Musik wecken und fördern

Die heutige Musikhochschule Münster der WWU. 
		 © Musikhochschule - Hanna Neand

Die heutige Musikhochschule Münster der WWU. © Musikhochschule - Hanna Neander

Die Musikhochschule der Universität Münster feiert ein rundes Jubiläum: Vor 100 Jahren entstand sie zeitgleich mit dem Sinfonieorchester Münster und der Westfälischen Schule für Musik. Unter dem Motto "100 Jahre Dreiklang" feiern die drei Institutionen ihren runden Geburtstag von Januar bis November mit zahlreichen Veranstaltungen. Die Musikhochschule blickt dabei auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Erst seit 2004 ist sie als eigenständiger Fachbereich Teil der WWU - ein Rückblick von 1919 bis heute.

Junge Menschen an die "große“ Musik heranführen - kann es etwas Schöneres geben? Wohl kaum, wie nicht nur Prof. Stephan Froleyks, Prodekan der Musikhochschule Münster, meint. „Ja, Musik ist auch mit viel üben und Mühsal verbunden und erfordert Frustrationstoleranz“, räumt er ein. „Aber wir versuchen von Anfang an, die Begeisterung und Freude bei unseren Studierenden zu wecken und hochzuhalten.“ Der Professor für Schlagzeug und Musik anderer Kulturen weiß: Fordern, fördern, präzise sein und motivieren - das gehört eng zusammen. Umso wichtiger ist es, deutlich darauf hinzuweisen, wie gut Musik die Menschen verschiedener Nationen und Kulturen zusammenbringen kann. Die Musikhochschule der Universität Münster, die Bildung auf höchstem Niveau in einer individuell abgestimmten, familiären Atmosphäre bietet, feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen.

Als Ideengeber stand Felix Mendelssohn-Bartholdy am Anfang. Der berühmte Komponist hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee, die musikalische Kompetenz in Leipzig in einem Konservatorium zu bündeln und den Kindern und Jugendlichen dadurch eine professionelle Ausbildung zu bieten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich diese Idee immer mehr durch; in Münster sollte es aber noch etwas länger dauern. Nach dem Ersten Weltkrieg war es endlich so weit. „Für die Stadt Münster stand damals im Vordergrund, Krieg und Leid hinter sich zu lassen“, erläutert Stephan Froleyks. „Die bisherigen Militärmusiker wurden buchstäblich in einen Orchesterfrack gesteckt, um eine bürgerliche Kultur zu schaffen.“ Magistrat und Verwaltung der Stadt beriefen den Musikwissenschaftler Fritz Volbach 1918 zum Generalmusikdirektor und begründeten mit ihm im Jahr darauf das städtische Orchester und die Westfälische Hochschule für Musik, die in einer angemieteten Etage des Hauses Ludgeristraße 5 unterkam. Laienausbildung und Facherziehung, Schule und Hochschule waren am Anfang noch nicht getrennt, und es kam zu zahlreichen Kooperationen zwischen den Institutionen.

In den folgenden Jahrzehnten wechselten Standort und Bezeichnung mehrfach. Nach dem Ausscheiden Volbachs zogen die Musiker 1925 in den alten Adelshof „Romberger Hof“ an der Neubrückenstraße um. Die Neustrukturierung und der Ausbau der Einrichtung brachten die Umbenennung in „Westfälische Akademie für Sprache, Bewegung und Musik“ mit sich. „Der Grundgedanke war, die Musik nicht isoliert zu betrachten, sondern sie mit den Ausdruckskünsten Bewegung und Tanz an einem Institut zusammenzubringen“, erklärt Stephan Froleyks. „Dieser große Gedanke scheiterte aber letztlich an den Finanzen.“ Die Schule in Münster wurde daraufhin zu einem Konservatorium mit beruflicher Ausbildung für den regionalen Bedarf; ein Musiklehrerseminar bildete das Kernstück. Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein konnte die Arbeit trotz erschwerter Bedingungen fortgesetzt werden. Kurz vor dem 25-Jahr-Jubiläum aber wurde die Einrichtung 1944 geschlossen - und stand bei Kriegsende ohne Gebäude, Instrumente und Bibliothek da. Doch schon bald gelang die Wiederaufnahme des Unterrichts mit 50 Schülern im erhaltenen Haus des Fabrikanten August Winkhaus. 1948 und 1951 kam es zu weiteren Umzügen, zunächst in das „Schulgartenhaus“ an der Andreas-Hofer-Straße, dann in das Haus am Kreuztor 1.

Erst im Jahr 1959, rechtzeitig zum 40-jährigen Bestehen, wurden die beiden Zweige Laienausbildung (Musikschule) und Berufsausbildung (Konservatorium) getrennt, blieben aber noch unter einem Dach und unter der Leitung von Hans-Joachim Vetter vereint. Raumund Lehrkräfte-Not kennzeichneten die kommenden Jahre. Ab 1966 stellten Lehrkräfte und Schüler in einem neu gegründeten Studio für Neue Musik aktuelle Kompositionen zur Diskussion. Musikalische Grundklassen, Singund Spielkreise wurden gegründet, die musikalische Früherziehung entdeckt. Stephan Froleyks: „Das war - ebenso wie die wissenschaftliche Musikpädagogik - nicht ausschließlich mit Orchestermusikern als Lehrkräften zu machen. Andere Strukturen mussten gefunden werden.“ So kam es auf der Grundlage eines Beschlusses der Kultusministerkonferenz und des Deutschen Musikrats 1972 zur strikten institutionellen Trennung von Laienausbildung und Fachstudium. Für Münster bedeutete dies, dass aus einer gemeinsamen Einrichtung ein Institut der in Detmold ansässigen Musikhochschule Westfalen-Lippe - mit Sitz am münsterschen Kreuztor - und die Westfälische Schule für Musik entstanden. Die Raumnot aber blieb ein ständiges Problem, bis das Institut sieben Jahre später endlich in das alte Gebäude der Westdeutschen Genossenschafts-Zentralbank am Ludgeriplatz 1 umziehen konnte, wo den 47 Dozenten und 235 Studierenden 1880 Quadratmeter zur Verfügung standen.

Der nächste große Einschnitt in der Geschichte wird durch das Jahr 2004 markiert: Die Umstrukturierung der Hochschule für Musik Detmold führte dazu, dass das münstersche Institut als eigenständiger Fachbereich 15 in die Westfälische Wilhelms-Universität integriert und in „Musikhochschule Münster“ umbenannt wurde - ein weitreichender Schritt. „Unsere Anbindung an Detmold und der Status als ‚Abteilung‘ waren für uns problematisch“, bilanziert der Prodekan. „Seit 2004 sind wir internationaler geworden und profitieren stark von den Angeboten der großen Universität Münster. Es ist sehr hilfreich, dass wir einen wissenschaftlichen Hintergrund haben und gleichzeitig künstlerisch kreativ sind. Beides generiert Erkenntnis.“ In Nordrhein-Westfalen ist diese Struktur ein Alleinstellungsmerkmal: Alle andere Musikhochschulen sind Fachhochschulen geblieben.

Programm-Highlights
Zwei größere Veranstaltungen stehen auf dem Programm des Jubiläumsjahres: Zu Pfingsten spielen das Orchester sowie Bands und Ensembles des Pop-Bereichs der Musikhochschule auf einer Open-Air-Bühne bei der Kirche St. Lamberti. Am 9. und 10. November 2019 werden Ensembles der Musikhochschule gemeinsam mit Akteuren der anderen Musikinstitutionen eine performative Komposition des Schweizers Daniel Ott zur Uraufführung bringen.

Wie stellt sich nun die Musikerziehung heute, im Jubiläumsjahr, dar? „Wir verfahren immer noch nach dem Prinzip der Meister-Lehre“, unterstreicht der Improvisationsmusiker und Komponist Stephan Froleyks. „Das heißt, dass der Lehrer derjenige sein muss, der es vormachen kann.“ Inhaltlich und stilistisch habe sich das Spektrum der Musikhochschule in den letzten Jahrzehnten dagegen stark ausgeweitet. Habe sich die Arbeit ursprünglich fast ausschließlich auf das Orchester bezogen, so umfasse das Fächerangebot heute auch Rock, Pop und Jazz sowie die Musik anderer Kulturen. In grundständigen und weiterführenden Studiengängen bildet die Musikhochschule von der Jugendakademie bis zum Konzertexamen beziehungsweise zur künstlerischen Promotion aus. Derzeit werden 500 Studierende aus 25 Nationen von 200 Lehrenden unterrichtet, begleitet und gefördert. Gerade unter jungen Leuten aus Asien, die etwa ein Viertel der Studenten stellen, ist ein Studium in Deutschland und in Münster sehr begehrt. „Sie wollen im Mutterland der Musik studieren, in dem Bach und Beethoven gewirkt haben und die alten Traditionen gepflegt werden“, führt der Prodekan aus. „Auch die deutsche Theaterlandschaft, von der Dichte her die größte der Welt, ist für sie attraktiv.“ Ihr Interesse richtet sich vorwiegend auf die klassische Musik, während die Deutschen in den Pop-Studiengängen fast unter sich sind.

Und wie sieht die Zukunft aus? Macht Stephan Froleyks sich Sorgen, dass es irgendwann Nachwuchsprobleme geben könnte, weil in deutschen Familien zu wenig musiziert wird? „Ich neige nicht zu Pessimismus“, urteilt der Experte. „Wir sind allerdings froh, dass die Gymnasien zu neun Jahren Unterricht zurückgekehrt sind, denn das kommt der Musikerziehung eindeutig zugute und sorgt beim Unterricht für Entspannung.“ Dass es in den Theaterensembles immer weniger deutsche Sänger und in den Orchestern weniger deutsche Instrumentalisten gibt, ist für ihn nicht überraschend: „Die Theater und Orchester engagieren nun einmal die Besten. Da spielt die Nationalität keine Rolle.“ Konkurrenz gehöre zum Musikerleben dazu. „Dass sich 60 Leute auf eine feste Stelle in einem deutschen Symphonieorchester bewerben, ist heute die Regel.“

Am Ende aber könnte der Bogen der 100-jährigen Geschichte sich wieder schließen, indem die drei Institutionen, die am Anfang zusammen waren, in einem künftigen Musik-Campus „wiedervereinigt“ würden - die Pläne für diese möglicherweise einzigartige Chance liegen auf dem Tisch.

Gerd Felder